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52. Biennale von Venedig: Die Stunde der Frauen

Die stärksten Statements auf der 52. Biennale von Venedig kommen von Künstlerinnen. Mit höchst privaten Themen fesseln sie die Besucher - in krassem Gegensatz zu den Leitmotiven der zentralen Schau: Krieg und Tod.

Von Silke Müller

Die Aufgabenteilung ist geradezu klassisch: Die Frauen drehen sich im Kreis und bearbeiten ihre privaten Schicksale, die Männer ziehen in die Welt und kommen mit schlechten Nachrichten zurück. Auf der einen Seite Mütter und Masochistinnen, Verlassene und Vergewaltigte, auf der anderen Seite Reporter, Rechercheure, Regisseure. Die Kunstwelt, so fortschrittlich und freigeistig sie sich auch geben mag, klemmt noch immer fest im Rollenkorsett der Geschlechter. Nur eines hat sich verändert: Die Frauen tragen's mit Humor.

Während draußen auf dem Canal Grande Liebespaare im Sonnenschein herumgondeln, zelebriert Sophie Calle, 53, im fensterlosen Französischen Pavillon eine großartige Trennungsoper. "Passen Sie auf sich auf " lautete der letzte Satz eines Abschiedsbriefs, den ihr der Geliebte gemailt hatte. Calle gab den Brief 107 Frauen, die ihn analysieren, interpretieren, kommentieren oder auch aufführen, zusammenfassen, sich über ihn lustig machen, ihn verwandeln, entzaubern und somit schließlich den Schmerz der Verlassenen in einem aus vielen Stimmen und lebensklugen Gedanken gewobenen Netz auffangen.

Briefanalyse von "Manipulateur und Verführer"

Etliche Prominente haben mitgemacht - etwa die Musikerinnen Leslie Feist, Guesch Patti, Misia und Peaches, die Künstlerin Laurie Anderson und die Schauspielerinnen Jeanne Moreau und Ingrid Caven. Eine Kriminologin analysiert, der Brief sei von einem "Manipulateur und Verführer" geschrieben, der Mann sei "pervers, psychologisch gefährlich und/oder ein großer Autor". Und die Schülerin Ambre, 9, fasst die Abschieds-E-Mail so zusammen: "Sie ist gut, aber kompliziert. Er sagt, dass er sie immer lieben wird. Wenn er sie liebt, weiß ich nicht, warum er sie verlässt. Es ist traurig."

Vor dem Sex folgt nach dem Sex

Tracey Emin, 43, wirft mit ihrer Schau im Britischen Pavillon das Image der Krawallgöre und um Selbstachtung kämpfenden Schlampe ab und zeigt sich von einer neuen, sehr feinen, zurückhaltenden Seite. Inhaltlich bleibt jedoch alles beim Alten: Vor dem Sex ist nach dem Sex, auf Gier und Lust folgt Frust. Unendliche Variationen eines wankenden weiblichen Ichs, mit zittrigem, aber ausdrucksstarkem Strich aufs Papier gesetzt. Für ihre geradezu museale Präsentation von Zeichnungen, Monotypien, bestickten Leinwänden und Gemälden hat sie sich Schützenhilfe besorgt: Der Künstler und Regisseur Julian Schnabel reiste eigens nach Venedig, um mit ihr die Arbeiten aufzuhängen. "Ich fühlte mich sehr glamourös an der Seite von Julian Schnabel", erzählt die Künstlerin bei der Eröffnung. "Ich liebe es, hier zu sein, und ich muss andauernd weinen", gab sie mit brüchiger Stimme zu, emotional wie immer völlig ungebremst.

Komplett unsentimental und frei von allem Persönlichen wirkt die Installation von Deutschlands Szeneliebling Isa Genzken, 59. Die für ihre kargen konzeptuellen Objekte geschätzte Bildhauerin greift tief in die Trash-Kiste, liefert aber brav aufgestellte Objektanordnungen, die den mächtigen Deutschen Pavillon irgendwie leer erscheinen lassen. Astronauten schweben unter der Decke und liegen herum, im zentralen Raum baumeln Henkerschlingen, und eine Armee billiger Rollkoffer, mit allerlei Tand beladen, wartet auf ein Signal zum Aufbruch. Außen ein Baugerüst, innen Plastikplanen auf dem Boden, darauf eine Ansammlung peripherer Objekte, die ihre Bestimmung noch nicht gefunden haben: Deutschland, eine Baustelle. Angesichts all der Bravheiten auf der diesjährigen Biennale polarisiert Genzkens Beitrag immerhin - und der Hügel mit den drei Frauen-Pavillons wird zur Attraktion der Giardini.

Genzken greift tief in die Trash-Kiste

76 Länder Stellen sich vor - die Giardini mit ihrer historisch gewachsenen Architektur reichen da schon lange nicht mehr aus. Die Biennale erstreckt sich über die ganze Stadt, in alten Palästen und Brauereien, Lagerhäusern und dem ehemaligen Marine-Arsenal ist die Kunst eingezogen. Die zentrale Ausstellung der Biennale, "Denke mit den Sinnen - Fühle mit dem Geist", die der amerikanische Kurator Robert Storr arrangiert hat, beginnt im stimmungsvollen Ambiente der alten Corderie (Seilerei) mit einem Statement zur Gegenwartskunst und setzt sich im Italienischen Pavillon mit einer klassisch-musealen Präsentation fort.

Storr überrascht mit einer an optischen und sinnlichen Reizen armen Schau, die umso stärker politisches und gesellschaftliches Bewusstsein demonstriert: Migration, Globalisierung, Nahostkonflikt, Diktaturen, Menschenrechte, alles dabei. Von den Stars des internationalen Kunst-Jetsets weit und breit keine Spur. Kein Daniel Richter, kein Neo Rauch, kein Damien Hirst. Keine Bling-Bling-Kunst, die Auktionatoren- Herzen höher schlagen ließe. Dafür jede Menge ganz junger und noch nicht so bekannter Künstler aus Australien, Nah- und Fernost, Afrika, Mittel- und Südamerika. Eigentlich großartig. Doch viele Arbeiten kommen über eine unmittelbare Abbildung der Realität nicht hinaus. Hunderte von Metern Wand mit Fotografien, mal Arafats Beerdigung, mal Grenzzäune in Australien, mal Übungspuppen in einem israelischen Krankenhaus - aber keine Distanz, keine überzeugende künstlerische Strategie, keine Utopie in Sicht; selten ein Aufreger oder gar ein Publikumsliebling. Wirkungsvollstes Werk zwischen all den ernsten Bemühungen: die Rauminstallation "Tijuanatanjierchandelier", eines der letzten Werke des 2006 gestorbenen amerikanischen Künstlers Jason Rhoades.

Zum Glück kommen dann noch die Afrikaner. Mitten im Arsenale haben sie ihr Quartier aufgeschlagen und zeigen "Check List Luanda Pop", ein lautes und kraftvolles Potpourri voller Black Power. Loulou Cherinet lässt eine ausgelassene Männerrunde über das Geheimnis der weißen Frau philosophieren, um die Ecke knallen die Beats von DJ Spooky alias Paul D. Miller aus den Boxen. Mitten im Raum beschießen sich zwei kopflose Gestalten - es sind die typischen, im Kolonialstil gekleideten Figuren von Yinka Shonibare, die vorführen, "wie man zwei Köpfe auf einmal wegblasen kann". Knapper und ironischer kann man's kaum sagen - auch so kann politische Kunst aussehen.

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