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Andy Warhol: "God bless you"

Das war der einzig vollständige Satz, den Andy Warhol im Winter 1968 dem jungen Reporter aus Deutschland schenkte. Zum 20. Todestag des Jahrhundertkünstlers erinnert sich Alfred Nemeczek an ein denkwürdiges Interview in der New Yorker "Factory".

Dezember 1968. Bitterkalt war es in Manhattan, wo ja sonst um diese Jahreszeit noch niemand einen Mantel braucht. Weiß waberte Wasserdampf aus den vergitterten Abluftschächten der U-Bahn, vor den Kaufhäusern lärmten Firmen-Weihnachtsmänner mit ihren Handglocken, und an jeder Straßenecke roch es nach verkohlten Maronen. Ich saß im Taxi und näherte mich dem Höhepunkt der ersten New-York-Reise meines Lebens - einem Interview mit Andy Warhol, dem damals prominentesten und vielseitigsten Künstler der USA.

Er fasziniert mich vor allem als Maler, der mit Kollegen wie Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Jim Dine, Jasper Johns und James Rosenquist die Pop Art auf den Weg gebracht und mit gegenständlichen Trivialbildern aus der Waren-, Konsum- und Medienwelt sozusagen über Nacht die Vorherrschaft der Abstraktion gebrochen hatte.

Statt eines Ateliers unterhielt Warhol seit 1963 in der 47. Straße ein "Factory" (Fabrik) genanntes Open House. Das war mit Silberfolie tapeziert und hatte einen Job für jeden Streuner, der sich bei der Produktion der rund 2000 Warhol-Inkunabeln nützlich machen wollte, die dort allein bis 1964 entstanden. Und Warhol wechselte, angeblich von der Malerei gelangweilt, schon bald von neuem das Metier, um mit einer 16-Millimeter-Kamera nur noch billige Underground-Filme zu kurbeln. Prompt mutierten dabei die Laien seiner chaotischen Zufallskommune zu "Superstars", deren Haschkonsum beim Improvisieren cineastischer Ready-Mades ohne Handlung, Ton, Regie und nachträglichen Schnitt der Drogengegner Warhol cool übersah.

33 Union Square West. Pünktlich um 15 Uhr hielt das Taxi vor dem Union Building, in dem Warhol Anfang des Jahres seine Factory neu installiert hatte, weil das Gebäude der alten abgerissen wurde. Verblüffung: im sechsten Stock ein kahles, stinknormales Büro. Andy war noch nicht im Haus. Nach einer Weile teilten sich die Fahrstuhltüren, und mich durchfuhr ein Schauder. Eintrat Andy Warhol, 40, der einem Untoten aus Horrorfilmen glich.

Zusammengefasst von Katherina Koester

Ausstellungen:

bis 18. Februar, Albertina, Wien;
bis 18. März, Kunsthaus Apolda, Thüringen