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Banksy: Künstler auf der Flucht

Seine lakonischen Graffiti werden aus den Wänden gerissen oder bei Sotheby's versteigert - doch Banksy pflegt noch immer den Mythos des anonymen Sprayers und Rebellen. Porträt eines Phantoms.

Von Kito Nedo

Dreißig Tage Gefängnis und 250 Pfund Schadensersatz lautete das Urteil eines Londoner Gerichts für den 25-jährigen Literaturstudenten James Matthews im Mai 2000. Weshalb? Überwachungskameras hatten den jungen Mann dabei gefilmt, wie er am ersten Mai nach dem Erklimmen der Churchill-Statue auf dem Londoner Parliament Square ein längliches Rasenstück auf dem Kopf des großen Staatsmannes drapierte. Es war klar: Bei derartigen Handlungen hört selbst im Mutterland des schwarzen Humors der Spaß auf.

Was das Gericht als Akt der Missachtung gegenüber einem Helden der Geschichte und Beleidigung der britischen Nation insgesamt verurteilte, ist für den englischen Graffitikünstler Banksy einfach nur ein gelungenes Kunstwerk. "Das war ein aufregendes Stück Vandalismus", sagt der Engländer, der seine wahre Identität sorgfältig geheim hält. In seiner ersten, "Turf War" betitelten Einzelausstellung 2003 in einem Londoner Lagerhaus zeigte Banksy denn auch ein überlebensgroßes Schablonengraffiti mit Churchill und Irokesenfrisur. Die Polizei besuchte die Präsentation dann jedoch wegen einer Tierschützerin, die sich aus Protest in den Ausstellungsräumen festgekettet hatte. Der Künstler hatte lebende Kühe, Schafe und Schweine mit Graffiti besprüht und in der Show präsentiert. Als sie nicht wieder gehen wollte, wurde die Aktivistin von den Ausstellungsorganisatoren kurzerhand zum Teil der Installation erklärt.

Ein gefundenes Fressen für die Medien: Keine Londoner Zeitung ließ es sich nehmen, über die bunten Tiere und ihren phantomhaften Stylisten zu berichten, der seit Mitte der neunziger Jahre die Häuserwände britischer Städte mit eigenartigen Schablonengraffitis beglückt: wild knutschende Bobbys, eine Mona Lisa mit Panzerfaust und allerlei renitentes Rattenvolk, das zuweilen im Stile von René Magrittes Melonenmännern mit Regenschirmen vom Mauerwerkshimmel segelt. Als Teil der internationalen Street-Art-Bewegung verwandelte er so die urbanen Räume in große Freiluftgalerien, in denen jede und jeder das Recht haben sollte, nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen zu forschen.

Das Nichtwissen steigert die Neugier

Vielleicht hängt die große Popularität des Künstlers auch mit seiner strikten Geheimhaltungspolitik zusammen: Niemand weiß seinen tatsächlichen Namen, wie er wirklich aussieht, woher er kommt und wie er genau arbeitet. Je weniger sie über ihn wissen, desto begieriger sind die Medien und lassen sich gern mit Bildern und Aktionen und diesem einen Pseudonym füttern: Banksy. Andy Warhol habe da etwas durcheinander gebracht, erklärt das Phantom selbstbewusst: In Zukunft gehe es nicht um 15 Minuten Ruhm, sondern um 15 Minuten Anonymität. In den Zeitungen hält sich unterdessen das hartnäckige Gerücht, dass es sich bei dem großen Unbekannten um einen Mann Anfang 30 aus Bristol handelt, andere denken, er arbeite als Maler oder Innendekorateur.

Der Popularität von Banksys Bildern hat die Heimlichtuerei jedenfalls nie geschadet. Das Jahr 2003 dürfte das Jahr gewesen sein, in dem seine Kunst zum Mainstream-Phänomen avancierte. Es war das Jahr, in dem er unter anderem ein CD-Cover für die britische Rockband Blur gestaltete. Doch weil es naturgemäß ziemlich lange dauert, bis man als Künstler mit bunten Kühen, Plattencovern und Schablonengraffitis in die großen Museen Einzug hält, nahm Banksy seinen großen Durchbruch in die Museumslandschaft in die eigenen Hände.

Er bewaffnete sich mit Schnellkleber, schlich sich 2003 in die Tate Britain und ergänzte in einem unbeobachteten Augenblick die dortige Präsentation mit einem von ihm verfremdeten Flohmarkt-Ölgemälde. So bereicherte er den Pariser Louvre mit einer Mona Lisa mit Smiley-Gesicht und bestückte vor zwei Jahren in New York gleich vier große Museen. Es dauerte mal Tage, mal Stunden, bis die eingeschmuggelten Werke vom Museumspersonal entdeckt und entfernt wurden. Doch einmal passierte das eigentlich Unmögliche: Ein Stück Mauer, dass Banksy mit einer Darstellung im Stil einer frühen Höhlenzeichnung mit Urmensch, Einkaufswagen und verwundetem Wild versehen hatte, fand Eingang in die Sammlung des British Museum.

Was mit den anderen abgenommen Werken geschah, ist nicht bekannt. Es könnte allerdings sein, dass man nun im Lager des MoMA diskret nach den einst verschmähten Schmuggelbildern sucht. Denn seit einigen Monaten erzielen Banksys Werke Rekordpreise auf Versteigerungen. Der Künstler kommentierte die Kunstmarkt-Banksymania in den Auktionshäusern auf die ihm eigene Art. Kurz nach der Versteigerung war auf seiner Webseite zu lesen: "Ich kann es kaum glauben, dass ihr Idioten das Zeug wirklich kauft."

Zusammengefasst von Juliane Richter

(Die komplette Geschichte lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von art - Das Kunstmagazin)

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