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"Wahnhafte Störung": Gutachten zweifelt an Gurlitts letztem Willen

Familienangehörige haben ein psychiatrisches Gutachten anfertigen lassen, das einen neuen Blick auf den letzten Willen von Cornelius Gurlitt werfen lässt.

Das Namensschild an Gurlitts Salzburger Wohnung

Das Namensschild an Gurlitts Salzburger Wohnung

Als Cornelius Gurlitt Anfang des Jahres seinen letzten Willen formulierte, da war der 81 Jahre alte Mann bereits schwer krank und stand unter Betreuung. Sein Testament infrage gestellt hat trotzdem niemand - bis jetzt. Ein Gutachten, das Gurlitts Cousine und Cousin, die Geschwister Uta Werner und Dietrich Gurlitt, in Auftrag gegeben haben, nährt Zweifel daran, dass der Kunsthändler-Sohn im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, als er entschied, wer seinen Besitz erben soll.

Über die Motive von Gurlitts hochbetagten Verwandten für dieses Gutachten kann nur spekuliert werden. Anfechten wollen sie das Erbe angeblich nicht, wie sie versicherten - nur Rechtssicherheit schaffen, auch für künftige Generationen.

Beim Amtsgericht München, dem zuständigen Nachlassgericht, lag zwar das Gutachten vor, wie eine Sprecherin sagte. Grund zu handeln sieht das Gericht aber nicht. "Da derzeit kein Erbscheinsantrag vorliegt, findet auch keine Prüfung der Wirksamkeit des Testaments statt." Auch eine Ergänzung des Testaments, die Gurlitt rund einen Monat nach dem ersten verfasste, werde nicht geprüft.

"Gurlitt litt unter einer Schizoiden Persönlichkeitsstörung"

Der Jurist und Psychiater Helmut Hausner, der Gurlitt allerdings nie persönlich begegnet ist, kommt in seinem Gutachten zu einem ziemlich klaren Ergebnis: "Cornelius Gurlitt litt bei der Errichtung des Testaments vom 09.01.2014 an einer leichtgradigen Demenz, einer Schizoiden Persönlichkeitsstörung und einer Wahnhaften Störung", schreibt er in der Zusammenfassung seines Gutachtens. Sein Fazit: Gurlitt sei nicht mehr zu einem freien Willen in der Lage gewesen. Zuerst hatte die "Süddeutsche Zeitung" darüber berichtet.

Die Gründe für dieses Urteil hat Hausner aus Dokumenten und Gesprächen mit Leuten, die Gurlitt kannten, zusammengesammelt. Einmal, so heißt es darin, beschuldigte Gurlitt das Krankenhauspersonal, ihn bestohlen zu haben - nur um dann festzustellen, dass er die fraglichen 7000 Euro in einem Handtuchhalter versteckt hatte. Gurlitts damaliger Betreuer, der Münchner Anwalt Christoph Edel, will sich heute nicht über den psychischen Zustand seines damaligen Schützlings äußern.

Dessen Zustand war nach Ansicht Hausners, der Chefarzt des Zentrums für Psychiatrie in Cham in der Oberpfalz ist, nicht nur kurz vor seinem Tod am 6. Mai dieses Jahres labil. Hausner wertete zahlreiche Dokumente aus. Im Jahr 1962 beklagte Gurlitts Mutter demnach in einem Brief den "beängstigenden Verfolgungswahn" ihres Sohnes und fragte ihn direkt: "Wo liegt denn der Ursprung Deiner Wahnvorstellungen?" Vor allem vor Nazis habe er Zeit seines Lebens Angst gehabt und gefürchtet, ein deutsches, nationalsozialistisches Netzwerk wolle seine Kunstsammlung an sich reißen.

Hartung kritisiert Gutachten

Gurlitt war der Sohn von Hildebrand Gurlitt, einem der Kunsthändler Adolf Hitlers. Nach Angaben der Taskforce "Schwabinger Kunstfund" kann ein Raubkunst-Verdacht bei 492 Werken aus seinem Besitz nicht ausgeschlossen werden, Gurlitts Anwälte waren stets von deutlich weniger - nämlich acht - ausgegangen. Ein Jahr nach dem Bekanntwerden des Falls Gurlitt ist der Raubkunst-Verdacht nur bei zwei Bildern bestätigt.

Das Gutachten Hausners sieht einen direkten Zusammenhang zwischen Wahnvorstellungen Gurlitts und seinem Testament, #link;http://www.stern.de/panorama/nazi-raubkunst-gurlitts-bilder-gehen-an-schweizer-museum-2108767.html;in dem er mit dem Kunstmuseum Bern eine Schweizer Institution zum Alleinerben seines kompletten Besitzes inklusive millionenschwerer Kunstsammlung machte#. "Gurlitt war gegenüber allem Deutschen skeptisch", sagte sein früherer Betreuer Edel bereits Anfang November.

Der ehemalige Anwalt von Cornelius Gurlitt, Hannes Hartung, dem Edel einst das Mandat entzog, hält das Gutachten von Hausner für falsch. "Hier soll Cornelius Gurlitt posthum ins Irrenhaus gesteckt werden", sagte er der "Welt". "Abgesehen davon, dass ein solches Gutachten juristisch nicht tragfähig werden dürfte, halte ich es für unwürdig und respektlos gegenüber dem Verstorbenen."

Das Berner Museum will in der kommenden Woche, am 26. November, entscheiden, ob es das Gurlitt-Erbe antreten will oder nicht. Von Seiten der deutschen Behörden gibt man sich zuversichtlich, dass das Haus sich für die Annahme entscheidet, in Bern aber hält man sich zu dem Thema sehr bedeckt. Sollte das Kunsthaus ablehnen, fällt alles an Cousine Uta Werner (85) und ihren Bruder Dietrich Gurlitt (95).

dpa/tob / DPA