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"Schwabinger Kunstfund": Nazi-Raubkunst: Warum im Fall Gurlitt auch ein Justiz-Skandal steckt

Ist der spektakuläre Raubkunst-Fund beim Kunstsammler Cornelius Gurlitt ein Justizskandal? Ein Buchautor und Gurlitts Anwalt sind der Ansicht: ja. Die Unschuldsvermutung sei außer Kraft gewesen. Von 1500 Werken wurden nur sechs als Raubkunst identifiziert.

Fünf Jahre, nach dem rund 1500 Werke bedeutender Künstler in der Münchner Privatwohnung des Kunstammlers Cornelius Gurlitt entdeckt wurden, erscheint der vermeintlich spektakulärste Fund von Nazi-Raubkunst in einem zweifelhaften Licht. Der Journalist, Autor und Filmemacher Maurice-Philipp Remy erhebt in seinem neuen Buch "Der Fall Gurlitt" schwere Vorwürfe. Das Eindringen in die Wohnung des damals 80-Jährigen, die Beschlagnahme der Kunstwerke, diese öffentlich ungeprüft als Raubkunst darzustellen - all' dies sei nicht rechtens gewesen, stellte Remy gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) fest. Und er geht noch weiter: Gurlitt sei 2014 an den Folgen einer Herzerkrankung gestorben, so Remys drastische These, weil die Öffentlichkeit ihn quasi zu Tode gehetzt habe. Fakt ist: Nur sechs der Werke, die Gurlitt von seinem als "Kunsthändler Hitlers" bekannten Vater Hildebrand erbte, konnten von einer eigens eingerichteten "Taskforce" als Raubkunst identifiziert werden.

Remys Buch erscheint just zur Eröffnung zweier Ausstellungen mit den Werken aus dem als epochal gefeierten sogenannten "Schwabinger Kunstfund". Im Kunstmuseum Bern, das vor drei Jahren unter Bauchschmerzen die ihr überlassene Gurlitt-Sammlung akzeptierte, sind von den Nazis als "entartet" verfemte Werke zu sehen; die Bonner Bundeskunsthalle zeigt eine Auswahl größerer kunsthistorischer Bandbreite. Der Bonner Teil der Doppelausstellung ist der weitaus umstrittenere: Die Ausstellung in der früheren Bundeshauptstadt spürt der Verbindung des 1956 gestorbenen Hildebrand Gurlitt zum Kunstraub der Nationalsozialisten nach.

Kaum Raubkunst in der Gurlitt-Sammlung 

Allerdings ist längst fraglich, ob die Sammlung Gurlitt für eine solche Untersuchung überhaupt eine geeignete Basis ist. Selbst Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gibt zu, dass unter den 1500 Werken des Fundes wohl weit weniger Raubkunst enthalten ist als ursprünglich vermutet. Im Laufe der Erforschung der 2012 bei Cornelius Gurlitt beschlagnahmten Sammlung sei immer klarer geworden, dass die Raubkunst-Vermutungen "sich so nicht halten lassen", sagte Grütters der "Süddeutschen Zeitung". In den vergangenen fünf Jahren konnten lediglich Liebermanns "Zwei Reiter am Strand", "Femme assise" von Matisse, Pissaros Paris-Ansicht "La Seine vue du Pont-Neuf, au fond le Louvre", die Menzel-Zeichnung "Das Innere einer gotischen Kirche", die Spitzweg-Zeichnung "Das Klavierspiel" und erst in der vergangenen Woche Coutures "Porträt einer jungen Frau" der Raubkunst zugeordnet werden. Vier der Werke konnten ihren Besitzern inzwischen zurückgegeben werden.

Daran gibt es nach Ansicht von "Fall Gurlitt"-Autor Remy auch nichts zu beanstanden. "Ich bin vollkommen auf der Seite der Alteigentümer", betonte er gegenüber dem rbb. Es bestehe jedoch kein Zweifel daran, dass das Ergebnis der "Taskforce" eine Blamage sei und dass die bayerischen Behörden 2012 zur Klärung des Falls völlig überreagiert hätten. "Sie haben die Unschuldsvermutung mit Füßen getreten", so Remy. "Ohne jeden Rechtsgrund wurde ihm die gesamte Kunstsammlung weggenommen", stützt Gurlitts Anwalt Hannes Hartung Remys Haltung. "Er wurde mit 9000 Euro, völlig legal, im Zug aufgefunden", berichtete Hartung dem "Bayerischen Rundfunk", als man dann auch noch auf den Namen Gurlitt gestoßen sei hätte es nur geheißen: "Oh mein Gott, das muss ja Raubkunst sein".

Gurlitt konnte sich nicht wehren

"Sie haben ausgenutzt, dass der alte Mann physisch und psychisch krank war, sich nicht wehren konnte, sich keinen Anwalt nahm", so Remy zum rbb. Die Ergebnisse seien von Ermittlern dann auch noch an die Presse durchgesteckt worden. Ein gutes Jahr nach der Beschlagnahme berichtete der "Focus" 2013 exklusiv über den spektakulären Fund - die Rede war uneingeschränkt von Raubkunst, Gurlitts voller Name wurde genannt. Der 80-jährige, der in erster Linie von seinem Vater eine Sammlung geerbt hatte, stand am öffentlichen Pranger. Er kooperierte mit den Behörden, doch nach Lesart Remys war die Aufregung letztlich zuviel für den gealterten Kunstsammler.

Auch wenn dadurch das zweifelhafte Vorgehen der Kunstermittler in dem Fall nicht rechtfertigt wird und, so Remy gegenüber dem rbb, "die Sammlung von Anfang an als verdächtiger dargestellt worden ist als sie war", musste aufgrund der Herkunft der Werke der Raubkunst-Anteil an der Sammlung zwingend geklärt werden. Die Bundesrepublik steht bei dem Thema stets unter großem internationalen Druck, so dass die Einrichtung der "Taskforce" zur Klärung der Werke als gerechtfertigt angesehen wird. Auch die jetzige Doppel-Ausstellung in Bern und Bonn wird im Ausland mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Dort fällt auf: Unter jedem Bild steht eine Provenienz-Legende, und sehr oft ist der Satz zu lesen: "Aktuell kein Raubkunstverdacht."

Deutschland intensiviert Suche nach Raubkunst

Auch nach dem Fall Gurlitt sieht sich Deutschland nach den Worten von Kulturstaatsministerin Grütters "in der moralischen Verantwortung", weiter nach NS-Raubkunst zu forschen. Dies nicht nur in privaten Sammlungen, sondern vor allem in den Museen. Die Aufarbeitung bleibe gerade gegenüber den Opfern "eminent wichtig". Deshalb habe der Bund das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gegründet und die Mittel für Provenienzforschung auf über sechs Millionen Euro verdreifacht. "Kein Museum in Deutschland kann sich wegen fehlender Mittel der Provenienzforschung verweigern." Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, darauf weisen die Ereignisse um den "Schwabinger Kunstfund", gilt auch bei diesem Thema.

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mit Material von / DPA
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