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Documenta 12: Das Märchen von 1001 Chinesen in Kassel

Es ist das teuerste Documenta-Projekt aller Zeiten: Für sein Kunstprojekt "Fairytale", also "Märchen" schickt der chinesische Künstler Ai Weiwei 1001 Chinesen nach Kassel. 3,1 Millionen Euro kostet das Vorhaben. Für die Teilnehmer ist es das Erlebnis ihres Lebens.

Von Anja Lösel

Die Chinesen sind da. In kleinen Gruppen streifen sie durch Kassel, gucken, lächeln, freuen sich. Noch ist die Documenta 12 nicht eröffnet, aber sie sind schon dabei, die Stadt zu erobern - als Teil eines ungewöhnlichen Kunstwerkes und als heimliche Stars.

Fast alle sind jung, gebildet und neugierig - und fotografieren, was ihnen vor die Kamera kommt. Wang Yang etwa hat in Peking Elektrotechnik studiert, ist jetzt Popsänger und lichtet grade eine Kasseler Mutter mit Kleinkind ab. Weil das Mädchen so einen lustigen Sonnenhut auf dem Kopf hat.

Xing Rui, eine junge Frau in Jeans und T-Shirt und mit rot gemalten Lippen, arbeitet an der Uni in Peking. Jetzt sitzt sie auf einer Bank und fotografiert die alte Zeltfabrik, in der sie eine Woche lang wohnen wird. Und die Häuser gegenüber. Und den Papierkorb. Und den Hund des Sicherheitsmannes, der einen schwarzen Umhang mit der Aufschrift "Security" trägt. Alles ist fotografierenswert. Am liebsten aber mag sie Hunde und Katzen: "Die sehen in Deutschland ganz anders aus als in China." Am Arm trägt Xing Rui einen neongrünen USB-Stick. Darauf speichert sie ihre Fotos. Am Ende der Reise wird sie den Stick dem Künstler Ai Weiwei übergeben, genau wie alle anderen 1001 Chinesen. Der wird die Bilder sammeln und dokumentieren.

Unkomplizierte deutsche Bürokratie

"Fairytale" nennt Ai Weiwei seine Arbeit: "Märchen". Und ein Märchen ist es wirklich, nicht nur für die Chinesen, die ausnahmslos zum ersten Mal in Deutschland sind und sich die Reise allein niemals hätten leisten könnten. Auch für Ai Weiwei, der völlig überrascht wurde von der unkomplizierten Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden. "Ich bin so beeindruckt", sagt er.

Der schwere Mann mit dem Ziegenbart ist in China ein Star. Einer, der mit seiner Kunst aneckte, das Land verließ, zwölf Jahre in den USA arbeitete und seit 1993 wieder in China lebt. Dort gilt er inzwischen als einer der mächtigsten Männer des Kulturbetriebes, berät Kunstsammler, Galeristen und Architekten. Zusammen mit den Baseler Architekten Herzog & de Meuron (Allianz Arena München, Elbphilharmonie Hamburg) baut er gerade das neue Olympiastadion in Peking.

Als er von documenta-Chef Roger Buergel nach Kassel eingeladen wurde, beschloss er, nicht allein zu kommen, sondern noch 1000 weitere Chinesen mitzubringen. Sie sollten die Chance bekommen, Neues zu erfahren - ganz im Sinne des Bildungsideals, das die Documenta 12 propagiert.

Die Auserwählten fand Ai Weiwei über seinen Blog im Internet: blog.sina.com.cn/aiweiwei. Zwei Tage nachdem er den Aufruf gestartet hatte, hatten sich schon mehr als 1000 Leute gemeldet, die mitfahren wollten, am Ende waren es über 3000, die gern mitfahren wollten, und Ai Weiwei musste per Fragebogen die geeigneten aussuchen. Die meisten sind Studenten, Künstler, Architekten, Designer, Leute, die mit dem Internet vertraut sind. Aber einige von ihnen haben auch ihre Eltern, Onkels und Tanten mitgebracht. Familie Wu wird Ende Juni sogar mit 19 Personen kommen. "Jeder sollte das Recht zum Reisen haben", findet Ai Weiwei, "auch einfache Leute vom Land. Aber viele haben nicht mal Pässe, kein Geld, keine Chance."

Es ist das teuerste Documenta-Projekt, das es jemals gab. 3,1 Millionen Euro kostet es, die 1001 Chinesen nach Kassel zu bringen. Jeweils 200 kommen gleichzeitig und bleiben eine Woche, dann werden sie von der nächsten Gruppe abgelöst. Die Kosten tragen zwei Schweizer Stiftungen, die Ai Weiweis Galerist Urs Meile aus Luzern aufgetrieben hat. Erhoffter Nebeneffekt: Wenn der Künstler auf der documenta erfolgreich ist, dann steigt auch sein Marktwert und die Galerie kann das Geld wieder zurückzahlen.

Aber davor stand ein Riesenberg Arbeit: Pässe besorgen, Visa beantragen, Flüge buchen, Unterkunft herrichten, fürs Essen sorgen und nebenbei auch noch alles dokumentieren und Interviews geben. Man sieht Ai Weiwei die Anstrengung an, die ihn sein "Märchen" kostet. Aber seine Augen glühen, obwohl er kaum schlafen konnte vor lauter Arbeit und Aufregung. Jedem seiner Gäste hat er einen Koffer gepackt: mit Decke, Kissen, T-Shirt, Stadtplan von Kassel und USB-Stick zum Runterladen der Fotos.

Chinesen sind Teil des Kunstwerkes und haben keine Ruhe

Er fand die leerstehende Zeltfabrik in Kassels Nordstadt und baute dort mit einfachsten Mitteln Schlafräume in die kahlen Räume. Mit weißen Stoffbahnen, ein Meter mal 2,30, hängte er Wände ab, auf den schwarzen Steinfußboden legte er helle Matten, stellte darauf schlichte Bettgestelle mit bunt bezogenen Matratzen. Es sieht ein bisschen nach Pionierlager aus oder nach Skihütte. Aber in jedem Raum stehen elegante weiße Tische und Stühle und weiße Teekannen, alles von Ai Weiwei entworfen. Die Gäste aus China sollen sich wohl fühlen in Kassel, auch wenn sie in Mehrbettzimmern schlafen müssen. Weil sie eben Teil eines Kunstwerkes sind, werden sie allerdings immer wieder in ihrer Ruhe gestört. Eine junge Frau liegt im Bett, als gleich vier Fernsehteams mit ihren Kameras in den Raum stürzen. Vier Mikrofone sind wie Pistolen auf sie gerichtet. Sie ist tapfer, zieht die Decke über den Bauch und antwortet in zauberhaftem Englisch auf schlichte Fragen. "Gefällt Ihnen Kassel?" Natürlich gefällt es ihr. So schön findet sie alles. So hübsch die Häuser, ganz anders als in Peking. Und vor allem: so sauber. Diese frische Luft. Ganz herrlich. Und die Deutschen? Sehr nett. Winken immer und grüßen und, ein bisschen seltsam, reichen einem die Hand.

Lieber keine deutschen Würste

In der Küche rührt ein chinesischer Koch in einem riesigen Topf mit Suppe. Bleiche Hühnerbeine schwimmen darin. Es riecht sehr streng und ungewohnt. Warum probieren sie kein deutsches Essen? Naja, sagt einer, sie wollen ja nicht unhöflich sein, aber diese deutschen Würste! Die sehen wirklich komisch aus. Lieber nicht.

Schon vor Wochen sind 1001 antike Holzstühle aus China in Kassel angekommen. Stellvertretend für die Chinesen hat Ai Weiwei sie über die gesamte documenta verteilt. Überall in den Ausstellungsräumen stehen sie herum: in Reihen, in Grüppchen, in großen Haufen. Wie die lebendigen Chinesen eben. "Dieses Kunstwerk mache ich für 1001 Menschen", sagt Ai Weiwei. "Sie werden diese Reise nie vergessen."