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Festival Transmediale.08: Tauchgänge in die Finsternis

Mit dem Nervenkitzel geheimnisvoller Verschwörungen spielt die Transmediale.08, ein Festival im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Internationale Künstler wollen fantastischen Spekulationen und wilden Theorien auf den Grund gehen - oder sie befeuern.

Von Almut F. Kaspar

Die Filmsequenzen haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt: Grobkörnige Videobilder zeigen das Attentat auf den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in Dallas. Kennedy sitzt neben seiner Frau Jacqueline in der offenen Limousine, und plötzlich trifft ihn ein Schuss, der seinen Kopf nach hinten reißt. Oder die TV-Bilder von 9/11, wie die Flugzeuge in die Türme des New Yorker World Trade Centers krachen und die brennenden Twin Towers schließlich einstürzen. Beides Tragödien, über die die wildesten Verschwörungstheorien kursieren. Der Nervenkitzel konspirativer Machenschaften ist dabei ein fruchtbarer Nährboden, um mit phantastischen Spekulationen das Unbegreifliche erklärbar zu machen.

"Conspire" ist auch das Motto der diesjährigen transmediale in Berlin, des Festivals für Kunst und digitale Kultur, das vom 29. Januar bis zum 3. Februar 2008 im Haus der Kulturen der Welt stattfindet. Mit dem Aufruf "Conspire ...", steht im Programm zu lesen, "wendet sich die Transmediale.08 an interdisziplinäre Forscher, Medienagenten und Tarnkappen-Strategen, den unsichtbaren und unergründlichen Regeln und Kodierungen von globalen Kommunikations- und Meinungsstrukturen etwas entgegenzusetzen und die oberflächliche Rhetorik der Post-9/11 Hysterie zu überwinden." Das Festival solle "die Verschwörung im Sinne einer Strategie, als ein gleichermaßen kreatives wie poetisches Phänomen", propagieren.

Das Thema "Verschwörungstheorien und ihre Umsetzung in der Kunst" hat der kanadische Architekt und künstlerische Leiter der Transmediale.08, Stephen Kovats, vorgegeben. Das Berliner Medienkunst-Festival, das bereits seit 1988, damals noch eine reine Video-Veranstaltung, jährlich auf wachsendes Interesse trifft, gilt mittlerweile als wichtigstes Festival seiner Art, obwohl von "Medienkunst" im eigentlichen Sinne nicht mehr viel übrig geblieben ist. Kein Wunder, denn welcher zeitgenössische In-Künstler will sich heute noch als "Medienkünstler" begreifen? Ein schwammiger Begriff aus den 80ern, den die Transmediale.08 mit frischen und überraschenden Zutaten neu erfinden könnte.

Es wird spekuliert und fantasiert, bis die Schwarte kracht

Medienmenschen, Künstler aus der ganzen Welt, Querdenker und interdisziplinäre Forscher wollen sich auf dem Festival den globalen Kommunikationsstrukturen stellen, um mit den vielfältigsten künstlerischen Mitteln Kontrapunkte zu setzen. Die Transmediale.08 muss sich deshalb intensiv mit den ästhetischen und sozialen Dimensionen der neuesten technologischen Errungenschaften beschäftigen. Das Internet zum Beispiel hat sich längst zu einer Plattform entwickelt, in der die Gerüchteküche nur so brodelt. Und jeder will und kann mitmischen. Es wird spekuliert und fantasiert, bis die Schwarte kracht - wobei kaum noch von Wahrheit und von Lüge zu unterscheiden ist. Was zum Anlass genommen wird, sich aktiv auf kursierende Verschwörungen einzulassen und einen kreativen, geradezu spielerischen Umgang mit populären Gerüchten zu demonstrieren. Verschwörung - dieser Begriff soll durchaus positiv aufgegriffen werden und gleichermaßen auch als poetisches Phänomen interpretiert werden.

Das Festival ist außerordentlich breit gefächert angelegt. Unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung, soll auf den Konferenzen der Transmediale.08 untersucht werden, wie wir die digitalen Netzwerke nutzen und verstehen können. Die einzelnen Themenfelder werden per live streams und Chats erstmals weltweit online zugänglich sein. Hochspannend wird mit Sicherheit die Konferenz sein, in der es um den "Zustand der manipulierten Angst durch politische Institutionen sowie Terrornetzwerke" gehen wird. Soll dort zum Beispiel beleuchtet werden, wie sich Al Kaida & Co. die offenen Strukturen des Internets zu eigen gemacht haben.

Du bist Bilderberg

Willkommen auch im "Bilderberg-Salon", der sich ganz dem Thema widmet: konspirativ. Die legendäre Gruppe traf sich erstmalig 1954 im Hotel de Bilderberg in den Niederlanden. Ihr gehörten internationale Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Kultur an. Aus ihren jährlichen Treffen - damals initiiert von dem polnischen Emigranten Joseph Hieronim Retinger (1888 - 1960) und dem niederländischen Prinz Bernhard (1911 - 2004) - wurde immer ein riesiges Geheimnis gemacht und ließ viel Raum für Gerüchte und Verschwörungstehorien. Grund für die geheimnisumwitterten Versammlungen war die Furcht vor dem Verlust des amerikanischen Einflusses in Westeuropa während des Kalten Krieges.

Auf der Transmediale.08 sollen diese Treffen wiederbelebt werden - Künstler, Aktivisten und Forscher laden täglich ab 12 Uhr zu eigenen "gegen-konspirativen" Bilderberg-Salons ein, wo "Einblicke in das Hinterzimmer der taktischen Informations- und Kommunikationsarchitektur" ermöglicht werden sollen.

Die Welt als Häuserblock

Das Film- und Videoprogramm setzt dagegen filmische Akzente, die vielfältig mit dem Motto "Conspire" spielen: Beiträge in Spielfilmlänge oder zweiteilige Specials, aber auch künstlerische Videoarbeiten, die größtenteils für den Transmediale Award 2008 zusammengetragen worden sind. Beispielsweise Michael Blums eigenwilliger filmischer Essay "The Three Failures" von 2006, der sich mit den drei entscheidenden Ideologien des 20. Jahrhunderts beschäftigt - Kommunismus, soziale Marktwirtschaft und Kapitalismus. Ein wunderliches Märchen, in der die Welt auf die Größe eines Häuserblocks schrumpft.

Mit insgesamt zwölf verschiedenen Performances wird sich die Transmediale.08 an unterschiedlichen Orten den Berliner Stadtraum erobern. Im Haus der Kulturen wird zum Beispiel in Anlehnung an die Macbeth-Adaption des japanischen Filmemachers Akira Kurosawa die zwölfstündige Klang-Performance "Moving Forest" aufgeführt. Die von der Slowenin Natasa Petresin-Bachelez kuratierte Ausstellung zur Transmediale.08, die über den Festival-Zeitraum hinaus bis zum 24. Februar zu sehen sein wird, will die "strategische Grundidee des konspirativen Aktes" erforschen. In sieben "Clustern" werden 33 Arbeiten internationaler Künstler präsentiert, deren Werke zur Hälfte extra für die Transmediale.08 hergestellt worden sind und sich inhaltlich mit verdrehten Realitäten, politischen Utopien und verschwörerischen Wahrheiten auseinandersetzen. Hier werden die konspirativen "Wahrheiten" vor allem in Doku-Fiktionen belichtet. Die Videoarbeit "Secta" des litauischen Künstlers Egle Budvytyte etwa zeigt eine fiktive Geheimgesellschaft, die so geheimnisvoll ist, dass nicht einmal die Mitglieder selbst wissen, dass sie ein Teil dieser Gruppe sind.

Doch was ist schon ein Festival, das sich unter dem Motto "Conspire" vorstellt, ohne wirklich dunkel und verschwörerisch zu sein? Das mit diesen Codes und Theorien nur spielt? Seien wir ehrlich: Was kann uns diesbezüglich heute denn noch umhauen? Deshalb ist es wunderbar, wenn man sich nach stundenlangen Tauchgängen in der glitzernden Welt dieser theoretischen Finsternis in die tiefschwarze kalte Berliner Nacht stürzen kann und das einmalige Parallelprogramm zur Transmediale.08 besucht. Der Club Transmediale.08 mit diversen Spielstätten versteht sich als Brückenbauer zwischen verschiedenen musikalischen Traditionen und bietet allen Freunden anspruchsvoller elektronischer und experimenteller Musik durchaus überraschende Momente jenseits aller Geheimnistuerei.

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