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Fischli und Weiss-Ausstellung: Am Anfang war die Wurst

Peter Fischli und David Weiss sind PR-Totalverweigerer. Ihr Werk ist trotzdem auch außerhalb der Kunstwelt ein Renner. In Hamburg zeigt die bisher größte Retrospektive, warum man um die Arbeiten der humorvollen Schweizer Künstler nicht drumherum kommt.

Von David Scherf

Es gibt nicht viele Künstler, deren Namen weniger bekannt sind als die ihrer Arbeiten. Edvard Munch vielleicht, Maler des weltbekannten Gemäldes "Der Schrei". Und: Fischli und Weiss aus der Schweiz.

Die wohl bekannteste Arbeit der Künstler Peter Fischli (55) und David Weiss (61) ist der Film "Der Lauf der Dinge". Zum ersten Mal 1987 auf der Documenta in Kassel vorgestellt, entwickelte er sich zum populärsten Künstlerfilm unserer Zeit. Gezeigt wird eine dreißigminütige Kettenreaktion von alten Autoreifen, Stühlen, Luftballons und Holzbrettern, die sich in Domino-Manier auf unterhaltsame Weise nacheinander in Bewegung setzen. So simpel die verwendeten Materialien - ausschließlich gewöhnliche Haushaltswaren - so ungewöhnlich und ausgetüftelt sind die Übergänge von einem Element zum nächsten.

Da gibt es zum Beispiel mit Feuerwerkskörpern ausgestattete kleine Spielzeugautos, die automatisch entzündet werden und wiederum das nächste Glied in der Kette anstoßen. Stühle fallen, Reifen rollen bergauf, Wasser wird verschüttet, Schaum in Brand gesetzt. "Der Lauf der Dinge" ist ein Sinnbild des subtilen Humors der beiden Künstler, deren Arbeiten sich stets mit dem Banalen und Gewöhnlichen beschäftigen - und es zum Besonderen erheben.

Der mühsame Lauf der Dinge

Zwei Jahre mühsamen Ausprobierens und Experimentierens haben die Künstler gebraucht, um einen reibungslosen Ablauf auf Zelluloid zu bannen. Die Arbeit sollte sich lohnen. Er ist einer der wenigen Kunstfilme, die nicht nur die Kunstszene erreicht haben, sondern auch massentauglich wurde. Er war mehrfach im Fernsehen zu sehen und sogar die Werbung ließ sich inspirieren: Ein weltbekannter Autohersteller aus Japan zerlegte seinen Mittelklassewagen in alle Einzelteile und zeigte dann im Werbespot, wie sich Schrauben, Scheibenwischer, Fensterheber und Lautsprecherboxen gegenseitig und von ganz alleine in Szene setzen.

Doch nicht nur die große Popularität vom "Lauf der Dinge" überstrahlt die Künstler Peter Fischli und David Weiss. Abseits ihrer Arbeit ist kaum etwas über sie bekannt. Interviews und Stellungnahmen zu ihrem Werk verweigern sie. Anstatt Antworten zu geben, liefern sie noch mehr Fragen.

Für den Schweizer Beitrag zur Biennale 2003 in Venedig projizierten sie hunderte scheinbar belanglose Fragen in kurzen Abständen an die Wand. "Findet mich das Glück?", "Ist alles halb so schlimm?", "Warum geschieht nie nichts?" oder "Darf die Wahrheit sich alles erlauben?". Simple Fragen, über die man aber Stunden diskutieren könnte. Die Installation erhielt den Goldenen Löwen für den besten Kunstbeitrag. Der Katalog mit der kompletten Ansammlung der Fragen ist heute mit über 100.000 verkauften Exemplaren eines der meistverkauften Kunstbücher.

Am Anfang war die Wurst

Das gemeinsame Werk von Fischli und Weiss beginnt im Jahr 1979. Auf zehn Fotografien bauen sie Situationen aus dem Alltag nach - mit Würsten und Wurstscheiben. Eine Bockwurst mutiert zum Feuerwehrwagen und wird auf einen Löscheinsatz geschickt. Ein anderes Bild zeigt zu Teppichen drapierte Bierschinkenscheiben.

Ein Jahr später dann wieder das Medium Film. In einem Bären- und einem Rattenkostüm spazieren die Künstler durch Los Angeles und hinterfragen die Welt.

Fischli und Weiss kann man nicht auf eine Kunstgattung festlegen. Neben Filmen und Fotografie schaffen sie auch Miniskulpturen aus ungebranntem Ton, die vermeintlich wichtige Szenen aus der Geschichte der Menschheit zeigen: Zum Beispiel die Skulptur mit dem langen Titel "Mick Jagger und Brian Jones, die befriedigt nach Hause gehen, nachdem sie I Can’t Get No Satisfaction komponiert haben". Muss man nicht verstehen, vor allem da Keith Richards und nicht Jones der Miturheber war. Lustig und unterhaltsam ist das Werk trotzdem.

Moderner Humor ist leise

Die Arbeiten von Fischli und Weiss wollen nicht ernst genommen werden. Mit leisem Humor suchen die Beiden die Schönheit im Alltäglichen. Mittlerweile zählen sie zu den renommiertesten Gegenwartskünstlern der Schweiz. Ihre Arbeiten sind unter anderem im Guggenheim Museum und dem Museum of Modern Art in New York zu sehen, der Tate Modern in London und dem Kunsthaus Zürich.

In den Hamburger Deichtorhallen gibt jetzt die Retrospektive "Fragen & Blumen" bis zum 31. August den bisher umfassendsten Überblick über das vielfältige Werk. Lesenswert ist auch der Katalog zur Ausstellung, der im "JRP Ringier"-Verlag erscheint und 32 Euro kostet.

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