Fotograf Youssef Nabil Bauchtanz, Strass und schöne Augen


Wenn der Ägypter Youssef Nabil fotografiert, dann gerät die Zeit durcheinander. Moderne Menschen sehen bei ihm aus wie Glamour-Stars der Zwanziger Jahre. Und das Beste: Alle sind ein wenig schöner als in Wirklichkeit.
Von Anja Lösel

Fifi ist Bauchtänzerin, und in Kairo kennt sie jeder. Ihren glitzernden, strassbesetzten BH. Ihre durchsichtigen Röcke. Die dunklen Augen, pechschwarz umrahmt, und die klappernden Ohrgehänge. Wenn sie beginnt, sich zur Musik zu drehen, zu tanzen und mit dem Bauch zu kreisen, geraten nicht nur Männer außer sich.

Youssef Nabil hat Fifi fotografiert, immer und immer wieder. Im engen, schwarzen Abendkleid und mit knallroten Fingernägeln. Mit Wasserpfeife und lasziv geöffnetem Mund. Und geheimnisvoll wie eine Sphinx auf ihrem goldgerahmten Bett. "Fifi ist ein Phänomen", sagt er. "Eine wunderschöne, starke Frau, die es als Bauchtänzerin in ihrer Heimat nicht leicht hat." Während andere muslimische Frauen sich mehr und mehr verhüllen, zeigt sie ihren Körper.

Jetzt ist Fifi in Berlin zu sehen. Leider nicht life, aber Youssuf Nabil hat ihr Bild mitgebracht in die Galerie Volker Diehl, wo er seine erste Solo-Ausstellung in Deutschland hat. Und nicht nur Fifi hängt dort an der Wand, sondern auch jede Menge anderer Bilder: Melancholische Selbstporträts, nostalgische Aufnahmen von Stars und Künstlern. Sie erinnern an alte Kinoplakate und an die Zeit, als Filme noch schwarz-weiß waren oder zarte, verwaschene Farben hatten. Nabil sehnt sich nach dieser Vergangenheit. Überhaupt scheint er aus der Zeit gefallen zu sein und in einem seltsamen Film zu leben, besessen von Ruhm und Glanz des alten Hollywood-Kinos.

Schon mit fünf Jahren guckte er sich ägyptische Liebesschnulzen an - und versank in Kinoträumen. "Ich fand es toll, dass die Schauspieler auf der Leinwand immer jung blieben und durch ihre Filme unsterblich wurden", sagt er. "Und ich mochte diese wunderbaren, handkolorierten Filmplakate. Die hingen damals in ganz Kairo."

Zu schüchtern für starke Frauen

Nabil fing an, genau so zu fotografieren: Schwarz-Weiß und altmodisch. Porträts von Künstlerinnen wie Shirin Neshat, Tracey Emin, Zaha Hadid. Ein paar Männer sind auch dabei: David Lynch, Andreas Gursky, Gilbert & George, Omar Sharif. Aber die Frauen, das sieht man sofort, sind ihm wichtiger. "Ich mag starke Frauen", sagt er. Niemals allerdings würde er auf sie zugehen, dazu ist er viel zu schüchtern. Er trifft sie zufällig bei einem Dinner oder einer Vernissage. Man redet, man lernt einander kennen. "So entwickelt sich das, es passiert einfach", sagt er. "Ich lade die Künstler ein, Teil meiner Welt zu werden."

Coloriert die Bilder mit Pinsel und Stift

Und sie lassen sich gern drauf ein, denn auf den Bildern von Youssef Nabil sieht jeder ein wenig schöner aus als in Wirklichkeit: entrückt und märchenhaft. Sein Trick: Er bemalt seine Bilder sorgfältig nach Altmeister-Art mit Pinsel und Stift. Computeranimation? Kommt überhaupt nicht in Frage. Alles ist bei ihm handgemalt. Stundenlang retouchiert und koloriert er, bis alles bräunlich und weich gezeichnet ist und mit zarten Farben verzaubert. Wunderschön, glamourös und ein wenig aus der Welt gerückt sehen seine Modelle nun aus, gar nicht mehr wie moderne Menschen.

Die Techniken hat er in Kairo gelernt, von den alten Meistern des Kolorierens. Später lernte er in Paris und New York bei den großen Modefotografen David LaChapelle und Mario Testino. Die meisten seiner Modelle, wie der Modemacher Jean Paul Gaultier oder der Autor Paolo Coelho, blicken ernst in die Kamera, vom Fischaugen-Objektiv leicht verzerrt. Manche, wie die Künstlerin Tracey Emin, haben die Augen geschlossen.

Nofretete, die Fast-Berlinerin, ist die schönste

Die schönste von allen ist Nofretete. Wie ein Filmstar blickt die Jahrtausende alte Statue zwischen all den anderen von der Wand, in honigfarbenes Licht getaucht, voller Würde und Eleganz. Die edle Ägypterin ist längst Liebling der Berliner, aber davon weiß Youssef Nabil nichts. Auch nicht, dass sie bald an ihren alten Standort reisen wird, den sie vor dem Krieg verlassen musste: ins Neue Museum auf der Museumsinsel. Für Nabil ist Nofretete keine Berlinerin. Ihr ursprünglicher Standort? Natürlich Ägypten. Youssef Nabil ist ein gut aussehender Kerl, 36 Jahre alt, dunkle Haare,aarHaare große Augen. Aber irgendwas an ihm ist seltsam traurig. Auf seinen Selbstporträts blickt er versonnen in die Ferne, und auf der Bildserie "I will go to Paradise" wandert er langsam ins Meer ­ bis er in den Fluten verschwunden ist. Todessehnsucht? Nein, das nicht, aber eine große Melancholie und das Gefühl, immer am falschen Ort und in der falschen Zeit zu sein. "Ich hatte immer das Gefühl, nicht wirklich nach Ägypten zu gehören. Immer wieder ziehe ich weiter. Und wenn ich an einem Ort angekommen bin, dann weiß ich schon, dass ich wieder gehen werde. Das war mein ganzes Leben lang so, es ist einfach so gekommen." Er gehört nie so richtig dazu: nicht nach Kairo, wo er geboren ist, nicht nach Paris, wo er lang lebte, und nicht nach New York, wo er in Harlem wohnt. Auch zwischen Christentum und Islam steht er.

Die Jungfrau Maria neben dem Koran

Youssef Nabils Vater wurde als Christ geboren und trat später zum Islam über. Nabil hatte also christliche und muslimische Verwandte. "Ich fand das großartig", sagt er, "wir haben alle Feste gefeiert, Ramadan und Weihnachten!" Dass man Kinder im Religionsunterricht trennt, kann er nicht verstehen. "Ich lebe mit dem Islam, aber ich fühle mich auch anderen Religionen nah, das finde ich ganz normal. Freunde in NY denken oft, ich sei Jude und laden mich in die Synagoge ein. Das ist nett, denn es zeigt, dass wir alle eins sind und die Unterschiede gar nicht so groß. Ich habe zu Hause eine Ecke, da steht der Koran und daneben eine Jungfrau Maria und noch so einige andere religiöse Dinge, die ich aus der ganzen Welt mitgebracht habe. Religion sollte nicht Hass predigen, sondern die Menschen einigen." Irgendwann will er selbst Filme machen, und zwar in der Art seiner Fotos: altmodisch und verwaschen. "Ich möchte, dass meine Bilder sich bewegen." Wen würde er gern vor seine Kamera locken? "Sophia Loren! Ich verehre sie. Sie ist immer noch verwirrend schön."


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