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Zehn Monate Homeoffice Leben am Limit – eine Typologie der Kollegen in Videocalls

Videocall
Die Hamburger Künstlerin Brigitta Jahn zeigt in einem Videocall mit sich selbst, wie es im Homeoffice manchmal so zugeht. Da freut man sich direkt wieder aufs Büro.
© Brigitta Jahn
Für Menschen im Homeoffice besteht die einzige Möglichkeit, ihre Kollegen zu sehen, derzeit in Videocalls. Doch das ist nicht immer ein Vergnügen, wie eine Hamburger Künstlerin uns ganz trocken vorführt.

Während Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger täglich ihr Leben riskieren, um Covid-19-Erkrankte zu versorgen, hat einen Teil der Gesellschaft ein weniger ruhmreiches Schicksal ereilt. Tausende arbeiten seit rund zehn Monaten im Homeoffice, manche müssen "nebenbei" noch ihre Kinder bespaßen oder durch Schulaufgaben coachen, andere sind während dieses Zeitraums völlig allein. Auch wenn der Haustierkauf in dieser Zeit rapide gestiegen sein soll, einen Menschen kann ein Tier nicht wirklich ersetzen. Nachdem es für manche im Sommer eventuell eine kurze Rückkehr an den Firmenschreibtisch gegeben hat, sind viele inzwischen wieder ins Homeoffice zurückgekehrt. Der einzige Kontakt zu den Kollegen, mit denen man sich früher ein Büro geteilt hat oder einen Tisch beim Mittagessen, findet für Singles digital statt: via Zoom, Teams, Skype oder eine der anderen zahlreichen Softwares.

Die Hamburger Foto- und Videokünstlerin Brigitta Jahn widmete sich den Menschen, die beruflich nur noch für wenige und ausschließlich auf Bildschirmen sichtbar sind. Sie führte einen (fast stummen) Videocall mit sich selbst – gleich neun Mal. In ihm spigeln sich die unterschiedlichen Typen von Kollegen wider. Der stern hat mit Brigitta Jahn gesprochen und sie zu ihrer Kollegen-Typologie befragt.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Videocall mit dir selbst zu machen?
Zurzeit posten alle bei Facebook oder Instagram Bilder davon, wie sie digital ihren Geburtstag feiern oder Meetings abhalten und da dachte ich, das könnte ich ja mal etwas anders darstellen.

Du hast dich für das klassische Chat-Format mit neun angezeigten Teilnehmern entschieden, in dem du jeweils einen anderen Typ repräsentierst. Kannst du uns erzählen, obwohl es eigentlich keine Erklärung braucht, wen du jeweils darstellst?
Klar, ich gehe das mal von links oben nach rechts unten durch. 

  1. Die erste Person zeigt jemanden, der währenddessen immer etwas nebenher macht – kurz aufsteht oder so, aber trotzdem konzentriert wirken will. Etwa eine Mutter, bei der auch mal ein Kind reinkommt.
  2. Sie guckt sich gern an, wie sie aussieht. Ob die Haare sitzen und der Schal, sie will sich vorteilhaft präsentieren.
  3. Die dritte lebt das perfekte Homeoffice, für das sie sich selbstverständlich einen Kaffee zubereitet.
  4. Die nächste Teilnehmerin hat technische Probleme, kommt mit dem Kopfhörer nicht richtig zurecht, hat keinen Ton, ist super hektisch und kriegt's nicht hin.
  5. Die Frau in der Mitte ist gerade erst aufgestanden und noch total müde, bemüht sich aber dennoch, präsent zu sein und einen fitten Eindruck zu machen.
  6. Diese Person gibt sich von oben herab, will nicht wirklich etwas mit diesem Call zu tun haben, nimmt aber teil. Ihre Ignoranz zeigt sich darin, dass sie ihre Kamera etwas falsch eingestellt hat.
  7. Die Person mit der Mütze gibt sich distanziert und wirkt mit ihren verschränkten Armen abwehrend. Sie ist zu cool für die Kollegen.
  8. Nummer acht ist, unübersehbar, vor lauter Langeweile eingeschlafen.
  9. Die letzte Teilnehmerin ist eine übereifrige Sprecherin und die einzige, deren Mikrofon eingeschaltet ist. Zuhören will niemand.

Die letzte Person können auch die Zuschauer deines Videos hören, aber nicht verstehen. Sie spricht den Singsang der Lehrerin aus den Peanuts-Comics.
Genau, nur Kinder können bei Charles M. Schulz das "Wah Wa Wa Wah Wa Wa" von Miss Othmar verstehen.

Glaubst du, die meisten Videokonferenzen laufen so ab?
Ich denke schon, dass jeder seinen eigenen Stil hat, wie er vorm Rechner sitzt. Wahrscheinlich hat trotzdem jeder Mensch eine Mischung von all diesen Figuren in sich: Manchmal hat man keine Lust oder ist todmüde oder guckt tatsächlich, wie die Haare sitzen. Man will in diesen Konferenzen ja auch nicht total bekloppt aussehen. 

Hast du alle Teilnehmerinnen einzeln gefilmt? War das aufwendig?
Ich habe alles als einzeln gefilmt, aber es waren alles One Shots. Das ging ganz schnell. Beim Schneiden habe ich allerdings bemerkt, dass ich eine Figur vergessen hatte, da musste ich noch mal ran. Trotzdem hat es maximal eine Stunde gedauert.

Ein Instagram-Kommentator wünscht sich, dass deine Videocalls noch stärker aus dem Ruder laufen. Denkst du schon über eine Fortsetzung nach?
Ich habe tatsächlich kurz drüber nachgedacht, aber das würde wohl ein bisschen langweilig. Da mache ich lieber etwas anderes, was dann aus dem Ruder läuft,  als eine Videokonferenz.

Brigitta Jahn zeigt bei Instagram und auf ihrer Website auch professionelle Arbeiten, die ihren Blick auf die Welt widerspiegeln.


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