HOME

Interview mit Douglas Gordon: "Zidane hatte einen schlechten Tag"

Er sieht ein bisschen aus wie ein Hooligan, einschließlich Tattoos am Hals. Doch Künstler Douglas Gordon, Träger des renommierten Turner-Preises, analysiert Fußball lieber. Für den Fußballgott Zinedine Zidane hat er ein filmisches Denkmal kreiert. Auf stern.de erzählt Gordon, warum er den Kopfstoß 2006 vohergesehen hat.

Von Sophie Albers

Warum heißt Ihr Film "Zidane - ein Porträt des 21. Jahrhunderts"? Hinterher fühlt man sich eher, als sei man ein Teil von Zinedine Zidane.

Als wir mit Zidane gesprochen haben, haben wir gesagt, dass wir kein "Best of" machen wollen. Das gibt es schon. Wir wollten ein Monument schaffen. Ein Porträt ist ein monumentales Statement. Das Porträt als kulturelle Idee funktioniert wie ein Spiegel in drei Richtungen: Du denkst über das Subjekt nach, dich selbst und den Künstler. Aber der Titel ist auch ein kleines Spiel mit dem Zeitgeist: Die Leute machen nicht mehr wirklich Porträts.

Warum überhaupt Zidane?

Weil er so ein paradoxer Charakter ist. Einerseits steht er für mehr als nur Fußball, dann ist er wiederum so isoliert, das fühlt jeder. Das sieht man auch im Film: Er ist sehr aktiv, dann wieder ganz entrückt. So wie die meisten Menschen ihr Leben leben. Jeder war doch schon mal auf einer Party, fühlte sich als Teil der Gruppe und dann plötzlich einsam.

Fußball als Spiegel des Lebens?

Ja, wie jeder Fan halte ich Fußball für eine Metapher des Lebens.

Ich hätte jetzt eher gesagt Krieg.

Ist das Leben nicht Krieg? [Lacht]

Ist Fußball Kunst?

Philippe und ich sind Künstler mit Arbeiterklasse-Hintergrund. In Interviews heißt es immer wieder, Künstler seien talentiert, begabt oder inspiriert. Mit diesen Worten habe ich meine Probleme. Andererseits hat ein Journalist mal zu mir gesagt: Maradona ist doch auch begabt oder Zidane oder Beckham. Und da stimme ich zu. Also, wenn Talent, Begabung und Inspiration Kunst sind, dann ist Fußball Kunst.

Der Film ist vor Zidanes Kopfstoß entstanden. Hat der für Sie etwas verändert?

Das ist eine lustige Geschichte: Ich war im Sommer 2006 im Stadion in Berlin, aber Philipe war in Paris und hat sich das Finale im Fernsehen angesehen. Zur Halbzeit lag Frankreich in Führung, und ich habe ihn angerufen. Ich meinte "Es sieht gut aus, es läuft fantastisch", und Philippe meinte "Ich weiß nicht, mit Zidane stimmt was nicht." Ich fragte, was er meine, und er sagte: "Einiges, was er in unserem Film gemacht hat, macht er jetzt auch."

Oh, das ist gruselig.

Ja, offensichtlich auf Grund der Filmerfahrung hatte Philippe das Gefühl, dass es nicht gut endet. Und ich saß im Stadion und habe gejubelt. Und dann war das, was in unserem Film passiert und das, was dann in Berlin passierte, nicht so verschieden. Ich glaube, ich verstehe, warum er getan hat, was er getan hat. Er ist auch nur ein Mensch.

Materazzis Beleidigung?

Das war es nicht.

Was dann?

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

[Nach diversen Schmeicheleien und Drohungen sagt Gordon dann immerhin das:] Er ist unfair provoziert worden. Er ist ein Arbeiter, und er hatte einen schlechten Tag. Wir haben alle mal schlechte Tage bei der Arbeit. Manchmal reicht es eben!

Themen in diesem Artikel