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Karl-May-Ausstellung: Der Mann, der Old Shatterhand war

Er war ein begnadeter Hochstapler und ein genialer Erzähler, dessen Bücher mit den grünen Einbänden von Generationen von Jugendlichen verschlungen wurden. Dem "Shakespeare für Jungs" widmet das Deutsche Historische Museum in Berlin jetzt eine große Schau: Karl May, wie ihn kaum jemand kennt.

Von Almut F. Kaspar

Wussten Sie, dass der auflagenstärkste deutsche Schriftsteller - 200 Millionen verkaufte Bücher in über 40 Sprachen - fast acht Jahre lang im Knast saß? Mal gab er sich als Augenarzt Dr. Heilig aus und ließ sich von einem Schneider fünf Anzüge fertigen, die er nie bezahlte, mal bestellte er als Seminarlehrer Lohse vier Pelze und verschwand damit. Oder er konfiszierte als angeblicher Polizeileutnant bei einem Schneider zehn Taler und eine Uhr - weil das Geld gefälscht und die Uhr gestohlen seien. Und als vorgeblicher Bote eines Advokaten "beschlagnahmte" er bei einer inszenierten Hausdurchsuchung wegen Falschmünzerei 28 Taler.

Als er einmal ohne Ausweispapiere aufgegriffen wurde, gab er sich als Sohn eines reichen Plantagenbesitzers aus Martinique aus und schrieb sogar aus dem Gefängnis Briefe in seine fiktive Heimat - bis er durch einen Steckbrief identifiziert werden konnte.

Vom talentierten Hochstapler zum genialen Geschichtenerzähler

Es war Karl Friedrich May, geboren am 25. Februar 1842 im sächsischen Ernstthal, als fünftes von 14 Kindern, von denen neun schon bald nach der Geburt starben. Der Vater war Webermeister, die Mutter Hebamme. 1874 wurde May als 32-Jähriger aus der Haft entlassen. Dort war in ihm der Entschluss gereift, fortan sein Geld mit der Schriftstellerei zu verdienen. Der talentierte Hochstapler wurde zum genialen Geschichtenerzähler, der Figuren erschuf wie Old Shatterhand und dessen Blutsbruder Winnetou oder Kara Ben Nemsi und seinen Diener Hadschi Halef Omar.

Jetzt widmet das Deutsche Historische Museum in Berlin dem sächsischen Volksschriftsteller Karl May eine große Ausstellung. Bis zum 6. Januar 2008 werden dort mehr als 500 Exponate aus dem May-Nachlass gezeigt. Die Schau "Karl May - Imaginäre Reisen" präsentiert das einzigartige Werk und zeichnet die skurrile Biografie Karl Mays nach. Viele Ausstellungsstücke sind erstmals zu sehen, da der Karl-May-Verlag in Bamberg dafür seine Archive geöffnet hat. Nicht nur eingefleischte May-Fans kommen auf ihre Kosten: Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, die legendäre "Silberbüchse" oder den "Bärentödter" mit eigenen Augen sehen zu dürfen? Aber auch die afrikanischen Masken, Zeichnungen, Fotografien und die vielen Zeugnisse indianischer und afrikanischer Provenienz laden die Ausstellungsbesucher ein, mit auf die Reisen des Karl May zu gehen, die freilich nie stattgefunden haben. Den Kuratoren Johannes Zeilinger und Sabine Beneke ist es gelungen, einen genialen Flunkerer wieder lebendig werden zu lassen, der in Zeiten von Harry Potter plötzlich wieder eine ganz neue Aktualität gewinnt.

Der "Shakespeare für Jungs"

Generationen von Kindern und Jugendlichen sind mit ihm und seinen Büchern in die Welt des Wilden Westens abgetaucht. Mit Karl May konnte man träumen. Ausbrechen aus dem tristen Alltag. Jeder Junge - ob groß oder klein - wollte so stark sein wie Winnetou und Old Shatterhand, wollte durch die Wildnis reiten, atemberaubende Abenteuer erleben und siegen. Die Mädchen wollten so sein wie Winnetous Schwester Nscho-tschi oder die Häuptlingstochter Ribanna. Wer eines dieser Bücher mit den grünen Einbänden in die Hand nahm, konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Nicht von ungefähr heißt es, dass Karl May zahlreichen Kindern das Lesen beigebracht habe. Der große Philosoph Ernst Bloch hat Karl May sogar einmal als "Shakespeare für Jungs" bezeichnet. Was für ein Kompliment!

Karl Friedrich May wurde in ärmlichsten Verhältnissen groß. Die Kinder der Familie mussten Kräuter sammeln und Handschuhe für Leichen nähen, die damit begraben wurden. Seine Ausbildung zum Volksschullehrer war schon beendet, ehe sie richtig begonnen hatte. Durch seine Gaunereien und kriminellen Hochstapeleien versperrte er sich diesen Berufsweg, der ihm wenigstens ein bescheidenes Einkommen garantiert hätte.

Die Geburt des Winnetou

Noch im Gefängnis plante er künftige Romane, schrieb Skizzen, beobachtete den literarischen Markt. Und verdingte sich nach seiner Entlassung als Redakteur und Schriftsteller. Begünstigt wurde seine Karriere durch einen boomenden Buch- und Zeitschriftenmarkt, der von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg in voller Blüte stand. Er schrieb vor allem Kolportageromane für Zeitschriften wie "Deutsches Familienblatt", wo 1875 zum ersten Mal eine literarische Gestalt namens "Inn-nuh-woh" auftaucht, die später den Namen "Winnetou" erhielt - Winnetou, Sohn eines Apachen-Häuptlings.

Wie sehr sich Karl May mit seinen Kunstfiguren identifizierte, lässt sich an den zahlreichen Bildern ablesen, auf denen er sich stolz in seiner "Villa Shatterhand" in Radebeul bei Dresden präsentierte - als Old Shatterhand oder als Kara Ben Nemsi. Jahrzehntelang behauptete May steif und fest, selbst dieser Old Shatterhand zu sein oder dieser Kara Ben Nemsi. Seiner treuen Lesergemeinde versuchte er immer wieder glaubwürdig zu vermitteln, dass er selbst all die Abenteuer erlebt und bestanden habe, von denen er in seinen Geschichten erzählt. Eine Unwahrheit, wie sich schnell herausstellte - und die ihm einige Prozesse einbrachte. In seiner "Villa Shatterhand" hortete er Souvenirs aus allen Teilen der Welt, die er angeblich mitgebracht hatte.

Doch ist diese manische Realitätsverschiebung nicht völlig nebensächlich in Anbetracht dessen, wie viel Glück er mit seinen Geschichten verbreitet hat? Karl May ist ein Teil seiner Geschichten geworden, und es ist müßig, hinter der Kunstfigur Karl May den "wahren" Menschen suchen zu wollen. Er war ein Idol, dem es wie keinem anderen gelungen ist, eine Fangemeinde aus allen gesellschaftlichen Schichten für sich und sein Werk zu begeistern. Sein zeitgenössisches Publikum war hingerissen, weil erstmals Expeditions- und Reiseberichte erschienen, Landkarten fremder Kontinente gedruckt wurden und Völkerschauen und ethnografische Ausstellungen neugierig machten auf fremde Länder, Menschen und Kulturen.

Abgerundet wird die Berliner Karl-May-Ausstellung durch ein vielseitiges Begleitprogramm. Neben zahlreichen Vorträgen und Symposien gibt es zudem eine Filmreihe, in der Klassiker aus den verschiedenen Epochen gezeigt werden. In den 60er Jahren war in Deutschland eine regelrechte Karl-May-Hysterie ausgebrochen - man rannte in die Kinos und wollte Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand sehen. Bald gab es kaum mehr eine Jugendzeitschrift, auf denen die beiden Schauspieler nicht als Cover-Boys zu sehen gewesen waren. Und nun, Jahrzehnte später, können die weiblichen Fans von damals noch einmal dahinschmachten, wenn "Rothaut" Winnetou seinen Blutsbruder Old Shatterhand begrüßt: "Old Shatterhand, es waren zwei Monde, die uns trennten. Wie geht es dir?"

Mit dem Eigenleben seiner Kunstfiguren auf ewig verschmolzen

Seine einzigen großen Reisen in den Orient und Amerika unternahm Karl May erst sehr viel später, lange Zeit nachdem er seine Abenteuergeschichten geschrieben hatte. Diese Reisen wurden zu einer riesigen persönlichen Enttäuschung, da May feststellen musste, dass die Wirklichkeit mit der Schönheit und Abenteuerlichkeit seiner Romane nicht annähernd übereinstimmte. Am Ende seines Lebens versuchte er sich auf ganz neuem Terrain, bemühte sich vergebens, als anspruchsvoller Autor anerkannt zu werden. Er scheiterte. Winnetou und Old Shatterhand waren unabänderlich mit der Person Karl May verschmolzen. Er konnte sich aus dem Eigenleben seiner Kunstfiguren nicht mehr lösen. Am 30. März 1912 starb Karl May in Radebeul.

Wussten Sie übrigens, dass Karl May nach seinen Gefängnisstrafen nach Amerika auswandern wollte? Der Plan scheiterte an seinen Vorstrafen. Gott sei Dank. Womöglich wären dann seine wunderbaren ausgedachten Geschichten so nie geschrieben worden.