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Kunstprojekt: Der Gletscher, der telefoniert

Ein Anruf beim Gletscher, das klingt absurd, ist aber möglich. Die britische Künstlerin Katie Paterson hat dem isländischen Gletscher Vatnajökull eine Telefonnummer gegeben. Wer sie wählt, hat direkt den schmelzenden Eisberg am Ohr.

Von Frauke Lüpke-Narberhaus, Reykjavik

Ein Knacken, Klappern, Klatschen und Platschen. Was da aus dem Telefonhörer tönt, könnte schräge Musik sein. Elektronische vielleicht. Oder das Bersten vieler kleiner Äste. Oder Regen. Ist es aber nicht. Es ist ein schmelzender Gletscher. Ein Anruf beim Eisberg, das klingt verrückt, ist aber möglich. Der größte Gletscher Europas, der Vatnajökull in Island, hat für neun Wochen eine Telefonummer. Wer die britische Handynummer + 44 (0) 77 57 00 11 22 wählt, ist direkt mit dem Vatnajökull verbunden.

Hinter der Nummer steckt keine Naturschutzorganisation, die auf die Klimaerwärmung aufmerksam machen will, sondern die britische Künstlerin Katie Paterson, 26. Als sie vor vier Jahren zum ersten Mal vor dem Vatnajökull stand, war sie von seiner Größe überwältigt - und gleichzeitig geschockt, wie schnell er verschwindet. In der Bucht Jökulsárlón vor dem Gletscher sammelt sich das Schmelzwasser. Für Paterson war diese Bucht "ein großes Bad voll von Traurigkeit".

Gletscher beim Schmelzen zuhören

Sie hat mit Menschen gesprochen, die regelmäßig zum Vatnajökull pilgern und die haben ihr berichtet, dass sie dem Gletscher beim Schmelzen zusehen können. "Es musste also auch möglich sein, ihm beim Schmelzen zuzuhören." Nicht nur dieser Gedanke motivierte sie zu dem Projekt, sondern auch Fieberträume: Während ihres ersten längeren Islandaufenthaltes wurde sie krank, bekam hohes Fieber und trank literweise Gletscherwasser. "Ich dachte, ich werde selbst zum Gletscher."

Im vergangenen Sommer fertigte die Künstlerin ihre Abschlussarbeit an der Londoner Kunstschule "Slade School of Art" an und präsentierte erstmals die Arbeit "Vatnajökull (the sound of)", die sie jetzt neuaufgelegt hat. In sechs Tagen gingen damals rund 3200 Anrufe auf dem Handy ein, aus 47 Ländern. Wegen dieser großen Resonanz wiederholt Paterson nun das Projekt. Noch bis zum 01. Juni 2008 stellt sie im "Modern Art Oxford" aus. "Vatnajökull (the sound of)" ist ein Teil dieser Ausstellung.

Mikrofon in der Gletscher-Bucht

Technisch funktioniert der Anruf beim Gletscher so: In der Bucht Jökulsárlón schwimmt ein Hydrofon - ein Unterwasser-Mikrofon - das die Geräusche des Vatnajökull aufzeichnet. Das Hydrofon ist per Kabel mit einem kleinen orangenen Zelt verbunden, in dem Paterson das Equipment untergebracht hat - unter anderem 70 Kilo Batterien. Hier wird das Gletscher-Signal verstärkt und an das Mobiltelefon weiter geleitet. Es gibt also nur die eine Leitung und das war der Künstlerin sehr wichtig: "Ich wollte für jeden Anrufer eine einzelne, ganz intime Situation schaffen." Sie selbst ruft den Gletscher täglich am Abend vor dem Einschlafen und am Morgen nach dem Aufwachen an.

Ein indirektes Statement gegen Klimakatastrophe

"Wenn die Klimaveränderung so weitergeht, ist der Vatnajökull in 200 Jahren komplett geschmolzen", prognostiziert Magnus Tumi Guðmundsson, Professsor für Geophysik an der Universität von Island. Unter dem Gletscher seien zwar auch insgesamt sieben aktive Vulkane, aber die trügen nur marginal zum Schwinden des Gletschers bei. Für die Künstlerin selbst gibt es aber keinen direkten Zusammenhang zwischen der globalen Erwärmung und ihrem Projekt. "Meine Arbeit ist keine Propaganda, und ich möchte durch meine Arbeit auch keine vereinfachten Statements abgeben", betont die Künsterlin. Und doch räumt sie ein: "Natürlich sind mit dem Projekt auch politische Spannungen verbunden." Auch wenn sie es nicht intendiert hat, so gibt Paterson mit ihrer Arbeit nicht nur dem Vatnajökull, sondern letztlich auch der Erderwärmung eindrucksvoll eine Stimme.