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Lucian Freud: Nackte Britin 30 Millionen Euro wert

Lucian Freud ist der Maler des Fleisches, einer der wichtigsten Künstler der Gegenwart. Nun soll das Porträt einer 125 Kilogramm schweren Britin bei Christie's in New York für bis zu 30 Millionen Euro versteigert werden - mit dieser Meldung hat es zum ersten Mal eine Nackte auf den Titel der Financial Times geschafft.

Von Julia Stanek

Lucian Freud wird mit dem Bekenntnis zitiert, dass seine Porträts nicht wie Menschen aussehen, sondern aus Menschen bestehen. Aus einer ganz gehörigen Portion Mensch besteht das Bild "Benefits Supervisor Sleeping", ein Aktgemälde, das ein beträchtliches Sümmchen Wert ist: Am 13. Mai 2008 soll es in New York für bis zu 30 Millionen Euro versteigert werden, seit dem 13. April ist es beim Auktionshaus Christie's in London ausgestellt. Der britische Maler und Zeichner, ein Enkel des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud, würde mit dieser Summe alle Rekorde brechen - nie wurde einem lebenden Künstler mehr Geld für ein Werk bezahlt. Derzeit ist der Amerikaner Jeff Koons ungeschlagen: Dessen Werk "Hanging Heart" wechselte 2007 bei einer Auktion für damals rund 16 Millionen Euro den Besitzer.

Freuds millionenschweres Bild zeigt eine gewichtige dunkelhaarige Frau, die hüllenlos auf einem Sofa schläft. Stolze 125 Kilogramm bringt das Aktmodell Sue Tilley auf die Waage - da können andere nackte Damen der Kunstgeschichte, wie Botticellis schaumgeborene Venus oder Rubens "Drei Grazien", beileibe nicht mithalten. Die 51-jährige Angestellte aus London hatte es sich 1995 wochenlang auf der Freud'schen Couch gemütlich gemacht und dem deutschstämmigen Künstler ihre üppigen Massen präsentiert. Dieser entlohnte "Big Sue" mit gerade einmal 25 Euro pro Tag. Doch der Ruhm ist dem Aktmodell ohnehin wichtiger als Geld. "Ich kann es kaum glauben", äußerte sich Tilley gegenüber dem Sender BBC, "aber ich bin tatsächlich die erste Nackte auf dem Titelblatt der Financial Times". Dass es beim britischen Wirtschaftsblatt noch nie zuvor ein splitternacktes Covergirl gegeben hat, dürfte einleuchten. Was aber macht ein Bild so wertvoll?

Eitelkeiten sind bei Freud fehl am Platze

Kunstkritiker nennen Lucian Freud einen der wichtigsten Künstler der Gegenwart und den "besessensten Maler des Fleisches". "Benefits Supervisor Sleeping" zählt zu seinen bedeutendsten Arbeiten. Ohne den zaghaftesten Versuch einer Beschönigung zeigt der lebensgroße Akt die Konturen und Beschaffenheit des menschlichen Körpers - die Königsdisziplin des 85-jährigen Künstlers. Schlaffe Haut, Zellulite und wucherndes Fett werden nicht kaschiert, sondern in allen Details ausgeführt. Geht es nach ihm, soll Malerei erstaunen, sie soll "verstören, verführen und überzeugen". Die realistischen Porträts des Briten zeigen Menschenbilder an der Grenze zum Grotesken. Erbarmungslos werden blaue Adern unter heller Haut, Schuppen oder trübe Augen in den Vordergrund gerückt. Nach ihrer Schokoladenseite fragt Freud seine Modelle, vor allem Verwandte und Bekannte, nicht. Eitelkeiten sind in seinem Atelier fehl am Platze.

Eine der wenigen Berühmtheiten, die Freud porträtierte, ist Kate Moss. 2002 malte Freud das damals schwangere Supermodel auf dessen Wunsch. Das Resultat liefert dem Betrachter einen Blick auf die unbekannte Seite der androgynen Ikone: "Naked Portrait" zeigt Moss weich und verletzlich, fernab von Glamour und Drogen-Skandalen. Kate Moss mag dem Schönheitsideal unserer Gesellschaft zwar eher entsprechen, über die Summe jedoch, die ihr Porträt 2005 bei einer Auktion einbrachte, wird sich "Big Sue" Tilley lediglich ein Lächeln abringen können. Der Moss-Akt wurde für "nur" 5,7 Millionen Euro versteigert.