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Man-Ray-Ausstellung: Ein Erotomane bis zum Tod

Wer ein Foto von Man Ray kaufen will, muss Millionen hinblättern. Der Dadaist und Surrealist baute aber auch witzige Kunstobjekte, malte seltsame Rätselbilder - und war ein großer Erotomane. Eine Ausstellung in Berlin zeigt nun erstmals bisher unbekannte Werke des Künstlers: seine Porno-Fotos.

Von Anja Lösel

Sie hieß Kiki de Montparnasse und war Sängerin in einem Pariser Nachtclub. Dem Amerikaner Man Ray sollte sie eigentlich nur Französisch beibringen. Doch sie wurde alles für ihn: Muse und Modell, Geliebte und Freundin. Sie führte den Maler und Fotografen in die Bohème ein, wo er Künstler wie Max Ernst, Salvador Dalí und Pablo Picasso kennen lernte. Und sie regte ihn zu einigen seiner besten Werke an.

Sie hieß Kiki de Montparnasse und war Sängerin in einem Pariser Nachtclub. Dem Amerikaner Man Ray sollte sie eigentlich nur Französisch beibringen. Doch sie wurde alles für ihn: Muse und Modell, Geliebte und Freundin. Sie führte den Maler und Fotografen in die Bohème ein, wo er Künstler wie Max Ernst, Salvador Dalí und Pablo Picasso kennen lernte. Und sie regte ihn zu einigen seiner besten Werke an.

Porno-Fotos im Hinterzimmer

Kiki ist die Dame mit dem Geigen-Körper: Ihr Rücken wurde berühmt, weil Man Ray ihn mit den Schall-Löchern einer Violine schmückte. Auf dem Foto "Noire et Blanche" setzte der Künstler Kikis zartes Gesicht neben eine afrikanische Maske und schoss damit eines der teuersten und begehrtesten Fotos der Welt. Als es das letzte Mal auf dem Markt war, brachte es 600.000 Dollar, heute müsste man wahrscheinlich mehr als eine Million dafür zahlen.

Mit Kiki machte Man Ray aber auch eine Serie von Porno-Fotos, in der er freizügig sein bestes Stück präsentiert. André Breton druckte die Bilder in einer Sonderausgabe seiner Zeitschrift "Variété". Die Auslieferung scheiterte an ein paar strengen Zollbeamten, die die gesamte Auflage von 500 Heften beschlagnahmten.

In Berlin sind die Bilder nun in einer großen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zu sehen (bis 18. August). Dass sie erhalten sind, ist dem Amerikaner Eric Browner zu verdanken, Man Rays Schwager. Für Kunst interessierte er sich eigentlich nicht so sehr, mehr für alte Autos. In Long Island betreibt er heute noch eine Reparatur-Werkstatt für Oldtimer. Nur ganz nebenbei gewährte er in den Hinterzimmern der Werkstatt dem Nachlass von Man Ray Asyl und rührte über Jahrzehnte nichts davon an. Ein Glücksfall für die Ausstellungsmacher: Sie konnten einige vergessene Schätze heben. Darunter die Pornos. Und ein paar wunderschöne, winzig kleine Farbfotos von Filmstars wie Yves Montand und der ganz jungen Juliette Greco.

"Kaugummi-Millionär" als Künstler

Eigentlich hieß Man Ray ja Emmanuel Radnitzky. Weil aber kein Mensch in New York das richtig aussprechen konnte, gab er sich schon mit 15 Jahren einen Künstlernamen. Mit 30 entschloss er sich, von New York nach Paris zu gehen. Ohne Französischkenntnisse, nur mit einem kleinen Koffer voller Gemälde und ein paar hundert geliehenen Dollars. Marcel Duchamp holte ihn vom Bahnhof ab und schleppte ihn sofort ins "Cafe Creta", wo sich jeden Nachmittag die Dadaisten trafen. Sie empfingen den Künstler aus Amerika mit offenen Armen, verehrten ihn, dachten sich Phantasiegeschichten aus vom "Kaumgummi-Millionär", der Künstler geworden war.

Bewunderer gab es genug, Käufer für seine Gemälde fand Man Ray allerdings nicht, deshalb beschloss er, sich auf die Fotografie zu verlegen. Mal hier ein Modefoto für "Vanity Fair" oder "Harper's Bazaar" mal dort ein Auftragsporträt, so schlug er sich durch. "New York ist süß, aber kalt. Paris ist bitter, aber warm", schrieb Man Ray nach Hause, beeindruckt von der Freundlichkeit der Menschen in Frankreichs Metropole. Besonders gern fotografierte er seine Freunde: Marcel Duchamp und Max Ernst, Luis Bunuel und Salvador Dalí, Pablo Picasso und René Magritte, die gesamte Pariser Avantgarde. Am allerliebsten jedoch seine Freundinnen: Kiki de Montparnasse, deren Rücken berühmt wurde, weil Man Ray ihn mit den Schall-Löchern einer Violine schmückte. Lee Miller, die amerikanische Fotoreporterin und Kriegsberichterstatterin. Und natürlich die Pelztassen-Künstlerin Meret Oppenheim, die er nackt, mit schwarzgefärbten Handflächen, am Rad einer Druckmaschine aufnahm - eines der bekanntesten Fotos der Welt.

Erfindungsreicher Erotomane

Ganz nebenbei entdeckte er, wie man auch ohne Kamera Fotos machen konnte: Aus Versehen hatte der Künstler beim Vergrößern seiner Modeaufnahmen ein paar Gegenstände auf feuchtes Fotopapier gelegt und dann das Licht angeknipst. Sie hinterließen geheimnisvoll verzerrte und durchbrochene Silhouetten und Muster. Eine ganz neue Kunstform war geboren. Selbstbewußt nannte Man Ray seine neue Technik "Rayographie". So wichtig wurde ihm die Fotografie, daß er irgendwann sogar begann, seine Gemälde zu zerstören und nur noch Schwarzweißfotos davon aufzubewahren, weil sie ihm besser gefielen als die farbigen Originale. Er war überzeugt davon, "daß die Fotografie die Malerei von ihrem Thron stoßen wird".

Erst mit 56 Jahren kam Man Ray zur Ruhe. In Hollywood lernte er die Tänzerin Juliet kennen, heiratete sie und lebte 30 Jahre lang mit ihr zusammen, meist in Paris. Am Ende litt er unter Arthritis und konnte kaum noch einen Stift halten. Gezeichnet hat er trotzdem bis zum Schluss: grobe Pinselzeichnungen von nackten Frauen. Ein Erotomane bis zum Tod.

"Unbekümmert, aber nicht gleichgültig" - die Inschrift auf Man Rays Grabstein in Paris wurde als Titel für die Ausstellung gewählt, die bis zum 28. August im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist.