Neues Museum Nofretetes Heim in Berlin eröffnet

Nofretete blickt in die Ferne. Am Ende des Korridors, nach 85 Metern, erhebt sich Sonnengott Helios. Die Schöne aus Amarna und der Koloss aus Alexandria stehen sich im Neuen Museum gegenüber wie zwei sehnsüchtige Königskinder am breiten Fluss der Jahrhunderte.

Nofretete blickt in die Ferne. Am Ende des Korridors, nach 85 Metern, erhebt sich Sonnengott Helios. Die Schöne aus Amarna und der Koloss aus Alexandria stehen sich im Neuen Museum gegenüber wie zwei sehnsüchtige Königskinder am breiten Fluss der Jahrhunderte. «Die Achse der Götter ist Zufall», sagt Dietrich Wildung, der als langjähriger Direktor des Ägyptischen Museums Berlin die neue Ausstellung konzipiert hat. Am 17. Oktober öffnen sich nach 70 Jahren auf der Museumsinsel die Präsentationen zu Ägypten und zur Vor- und Frühgeschichte der Menschheit. Die Besucher sollen eine Zeitreise antreten, wie geführt von der unsichtbaren Hand eines Weltenregisseurs.

Es ist ein Meilenstein im Riesenprojekt Museumsinsel. Nach fast 20 Jahren der Planung, des Streits und der Finanzsorgen bekommt Berlin für 200 Millionen Euro ein Gesamtkunstwerk, wie es wohl in Europa seinesgleichen sucht. Für die Sarkophage und Mumien, die Tempeltore, Schalen und Schmückstücke hat Architekt David Chipperfield ein Haus geschaffen, das lange als unbeabsichtigtes Kriegsmahnmal vor sich hinmoderte.

In Tüftlerarbeit legten der Brite und sein Team die von der Geschichte vergessene Ruine Zentimeter für Zentimeter frei. Den Meisterbau des Schinkel-Schülers Friedrich-August Stüler (1800-1865) kleisterten sie nicht zu - im Gegenteil. Sie beließen die Narben und Risse, die Einschüsse und den abgebröckelten Putz als Spur der Vergangenheit. Entstanden ist «ein Monument der Archäologie des 19. Jahrhunderts als Hülle für die Archäologie des Altertums», schwärmt Wildung. Für Anhänger des Originals ein Tort

Am einst pompösen Treppenhaus setzte Chipperfield sein Konzept am radikalsten um. Wo einst die Riesenfresken Wilhelm von Kaulbachs der Antike huldigten und goldschimmernde Deckenbalken an eine Römervilla erinnerten, steht nun ein wuchtiger Aufstieg aus Edelbeton, flankiert von zwei Löwenstatuen - für die Freunde des originalgetreuen Wiederaubaus ein Tort.

«Wir haben versucht, auf das Haus zu reagieren», umschreibt Wildung seine Ausstellungskonzeption. Der frühere Museumschef, der jüngst mit 67 Jahren pensioniert wurde, und seine Helfer konnten sich aus einer der reichsten Sammlungen außerhalb Ägyptens bedienen. Rund 35 000 Objekte und 60 000 Papyrusrollen lagern in den Depots. Nach dem Wiederaufbau will Wildungs Nachfolgerin Friederike Seyfried die Schätze der Wissenschaft öffnen. «Wir haben einen Nachholbedarf von 100 Jahren.» Lust auf die Ur-Urahnen

Das Museum soll Lust auf unsere Ur-Urahnen wecken. Im Eintrittspreis sind Audioguides inbegriffen, auf Multimedia verzichtet die Schau fast komplett. «Unsere große Stärke sind die Originale - die wollen wir sprechen lassen.» Die Stationen heißen etwa «Jenseits und Ewigkeit» oder «Gott und Götter». Hier treten die Alten als Zeitgenossen auf, etwa auf der lichtdurchfluteten Bühne des Ägyptischen Hofs, wo Nofretetes Gatte Echnaton und seine Familie in Augenhöhe an die Besucher herantreten. Allerdings will Seyfried die knappen Erläuterungen in Zukunft mit mehr Information anreichern.

Auch Matthias Wemhoff, der Direktor des Museums für Vor - und Frühgeschichte im Südtrakt, setzt nicht nur auf die Erzählkraft der steinernen Zeugen. Ursprung und Nutzen der Objekte sind präzise beschrieben. «Wir brauchen eine Vermittlungsebene und keine Ästhetisierung des Materials.»

Im Niobidensaal ist unter den Deckenfresken eine Bibliothek der Antike entstanden. Auf elektrisch betriebenen Lesetischen wird die Geschichte auf Papyrus, Pergament und Koran-Handschriften ausgebreitet. Darüber, im obersten Geschoss, wird die Besiedlung Europas dokumentiert - etwa mit dem Schädel des Neandertalers. Zu den Schätzen zählt der Goldhut aus der Bronzezeit, ein Juwel, um das Wemhoff die Entstehung des Kalenders auf Schautafeln nachgezeichnet hat.

Dennoch bleiben schmerzliche Lücken, wie etwa der Schatz des Priamos, den Heinrich Schliemann 1873 aus Troja mitbrachte. 1945 wurde er von der Roten Armee verschleppt und lagert heute im Puschkin-Museum in Moskau. So müssen sich die Besucher mit Kopien des Goldschmucks mit Halsketten und Diadem begnügen. Original ist ein großes massives Silbergefäß, in dem der Goldschmuck aus Troja verborgen war, als ihn Heinrich Schliemann (1822-1890) entdeckte. Nofretete für Eilige

Im Sockelgeschoss, dort wo in Zukunft die Archäologische Promenade die fünf Häuser der Museumsinsel verbinden soll, steht zwischen ägyptischen, römischen und frühchristlichen Sarkophagen ein altes Grab aus der Insel Helgoland - Kulturen werden als gemeinsames Erbe erlebbar.

Wer es eilig hat, kann über das Treppenhaus schnell zur Nofretete hinauf - nach rechts durch den Skulpturensaal, wo sich 45 Figuren in fünf klassischen Positionen in Glasvitrinen um die Besucher scharen - von der Stand-Schreit-Statue bis zum Schriftgelehrten im Schneidersitz. Und wer genauer hinschaut, stellt fest, dass sich in 3000 Jahren die Darstellungsformen kaum ändern. «Die Ägypter waren Meister der Beharrlichkeit», sagt Wildung. Einflüsse etwa aus Griechenland oder Rom ließen sie weitgehend kalt, wie am Beispiel von Totenmasken aus der Zeit um Christi Geburt zu sehen ist: Die Kopfform ist ägyptisch, die Haartracht römisch, eine Verschmelzung findet nicht statt.

Es ist wohl diese Beständigkeit und Formenklarheit, die Europa an Ägypten fasziniert. Vor allem in Berlin gab es eine heftige Ägypten-Liebe, wie sie sich am Beispiel von James Simon (1851-1932) nacherzählen lässt. Der Mäzen finanzierte 1912 die Expedition in die Nofretete-Stadt Amarna. In Berlin schenkte er dann die Funde dem Museum. Heute steht die Büste des lange vergessenen jüdischen Mäzens im Nordkuppelsaal gegenüber von Nofretete. Ein Lächeln huscht über seine Lippen.

DPA DPA

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