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Operndorf in Afrika: Schlingensiefs Traum wird Wirklichkeit

Es sollte "kein abgehobenes Bayreuth", "kein Rotwein-Scheiß" werden, forderte Christoph Schlingensief für das von ihm geplante Operndorf Afrika. Jetzt wird es erstmal eine Schule. Und dann?

"Von Afrika lernen": Unter diesem Motto hat der Theatermacher Christoph Schlingensief seine schier unglaubliche Idee eines Operndorfs in Burkina Faso entwickelt. Gut ein Jahr nach seinem Tod wird jetzt zumindest ein Teil des Traums wahr. Am Samstag eröffnet seine Witwe Aino Laberenz unweit der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou eine Schule - der Einstieg in das Festspielprojekt. "Heute feiern wir und das Leben im Dorf beginnt", sagt die 30-Jährige. "Und morgen bauen wir weiter!"

Die Schule nimmt in den kommenden sechs Grundschuljahren jeweils 50 einheimische Jungen und Mädchen auf. Zusätzlich zu den regulären Unterrichtsfächern soll es Film-, Kunst- und Musikangebote geben, in denen die Kinder lernen, sich eigenständig künstlerisch auszudrücken. "Die Schuleröffnung ist Ausgangspunkt von Schlingensiefs Idee, abseits der tradierten europäischen Hochkultur einen künstlerischen Schmelztiegel zu schaffen, in dem sich unterschiedliche Kulturen auf Augenhöhe begegnen", sagt Laberenz.

Noch zu Lebzeiten hatte der ebenso begnadete wie exzentrische Künstler sich mit aller Kraft für ein "Operndorf Afrika" eingesetzt. Zwei Jahre war er mit seiner um 20 Jahre jüngeren Gefährtin immer wieder auf dem schwarzen Kontinent unterwegs, um einen geeigneten Standort zu finden, in Namibia, Mosambik, Kamerun. Bis er eines Tages in dem bitterarmen westafrikanischen Burkina Faso auf einem Hügel in der Nähe von Laongo stand und den weiten Blick auf die Savanne hatte: "Das ist es."

Geisterbefragung für guten Baustart

Die Regierung in Ouagadougou stellte 14 Hektar Land zur Verfügung, die Ältesten der umliegenden Dörfer befragten die Geister ihrer Ahnen - alles stand gut für den weißen Mann. Mit dem in beiden Ländern beheimateten preisgekrönten Architekten Francis Kéré entwickelte Schlingensief seinen Traum weiter: Um das eigentliche Opernhaus sollten sich schneckenförmig Schule und Werkstätten, Wohn- und Gästehäuser, Krankenstation und Büros entwickeln. "Ein Projekt, wo Kunst und Leben zusammengehen", sagte er.

Doch Schlingensiefs Tod machte den Plänen ein jähes Ende. Bei der Grundsteinlegung im Februar 2010 war er nach langen Kämpfen schon stark von seinem erneut ausgebrochenen Lungenkrebs gezeichnet. Am 21. August starb er mit 49 Jahren in Berlin.

Für Monate schien das Schicksal des Operndorfs ungewiss. Doch Aino Laberenz verstand die Vision ihres Mannes als Vermächtnis: Mit einem hochkarätigen Beraterkreis kurbelte sie die Bauarbeiten wieder an - mit der Schule ist nun die erste von drei Bauphasen abgeschlossen. Als nächstes soll die Krankenstation folgen. "Wir können aber nicht so tun, als sei das alles eins zu eins die Umsetzung dessen, was er gemacht hätte", sagte kürzlich der Berliner Rechtsanwalt und Berater Peter Raue.

Partnerschaft zwischen Europäern und Afrikanern

Unterstützt wird das Projekt vom Auswärtigen Amt, der Kulturstiftung des Bundes und dem Goethe-Institut, das sich mit Kunst- und Bildungsprogrammen im Operndorf engagiert und "Dorfgespräche" auf den Weg gebracht hat. Neben dem deutschen Beirat gibt es inzwischen auch einen künstlerischen Beirat in Burkina Faso. Er solle Ideen entwickeln, wie das Projekt mehr und mehr in die Handhabe der Menschen vor Ort übergehen könne, so die Organisatoren.

Auch für den Architekten Kéré ist die echte Partnerschaft zwischen Europäern und Afrikanern Grundvoraussetzung für das Gelingen des Projekts. "Die Europäer können Afrika anschubsen, inspirieren, aber sie müssen auch akzeptieren, wenn dabei etwas anderes herauskommt, als sie erwarten."

Von Nada Weigelt/DPA / DPA