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Paparazzi-Ausstellung: Mit der Kamera auf Menschenjagd

Paparazzi sind die Bad Boys der Fotografie: Sie lauern ihren Opfern auf, legen sie rein und wollen am Ende nur abzocken. Eine Ausstellung in Berlin zeigt die Anfänge der Paparazzi-Fotografie: überraschend elegant und manchmal sogar lustig.

Von Anja Lösel

Ja, er war ein Paparazzo. Und doch ging Jean Pigozzi nie mit der Kamera auf Menschenjagd. Das hatte er gar nicht nötig. Reiche, schöne und berühmte Freunde wie Mick Jagger, Elle McPherson oder Bono ließen ihn nah, sehr nah an sich heran. Einfach so. Denn Pigozzi, heute 56, war einer von ihnen. Nie musste er sich tagelang vor irgendwelchen Haustüren auf die Lauer legen. Um an das ersehnte Starfoto zu kommen, konnte er einfach klingeln und wurde eingelassen, bekam Einladungen zu den besten Partys, wichtigsten Hochzeiten und schicksten Cocktail-Empfängen. Der Grund: Sein Vater hatte die französische Automarke Simca gegründet und später an Chrysler verkauft. Familie Pigozzi war also Teil der High Society. Playboy-Sohn Jean lud selbst zu Partys, hing mit schönen Frauen auf seiner Yacht herum - und fotografierte ganz nebenbei. Ein Gentleman-Paparazzo sozusagen.

Wenn Mick Jagger seine weiß behandschuhte Hand abwehrend vor Pigozzis Linse schiebt, dann ist das spielerisch und lustig gemeint. Eine Pose, die mit dem Starkult spielt, mit Voyeurismus und Exhibitionismus zugleich. Dass alles nicht so ganz ernst gemeint ist, sieht man auch an einem anderen Pigozzi-Bild: Da quetscht der Fotograf seinen Kopf zwischen die Gesichter von Mick Jagger und Jerry Hall und nimmt das Ganze per Selbstauslöser auf. Die beiden Stars grinsen und haben ganz offensichtlich nichts gegen die Aufnahme.

Brave Anfänge

Der erste Fotograf, den man als Paparazzo bezeichnen könnte, war Erich Salomon. In den 1930er Jahren schlich er sich "mit Frack und Linse" in politische Veranstaltungen ein oder fotografierte unerkannt in Gerichten, was keiner vor ihm gewagt hatte. Seine Kamera versteckte er in der Aktentasche oder unter dem Mantel. Als der französische Außenminister Aristide Briand den Fotografen 1931 hinter einem Vorhang im Pariser Ministerium entdeckte, machte der frech ein Bild von genau diesem Moment. Briand nahm es mit Humor und begrüßte ihn mit den Worten: "Ah, da ist er ja, der König der Indiskreten."

Paparazzi, wie wir sie heute kennen, gibt es erst seit den 60er Jahren. An der Côte d'Azur lauerten Edward Quinn und Daniel Angeli den Stars auf. Vor allem schnell und ausdauernd mussten sie sein - etwa in Cannes beim Filmfest oder in Rom auf der Flanierstraße Via Veneto. Aber während heute sogar Unfälle provoziert werden, um an ein Starfoto zu kommen, ging es früher geradezu zahm zu. Alain Delon und Prinz Charles, Mick Jagger und Woody Allen, Sophia Loren und Grace Kelly, Brigitte Bardot und Marlene Dietrich wurden aus sicherer Entfernung geknipst. Brav und respektvoll.

Nur selten gab es Rempeleien und Prügel. Der Fotograf Ron Galella etwa bekam 1974 eins aufs Maul, weil er Marlon Brando zu heftig auf die Pelle gerückt war. Der rastete aus und schlug Galella gleich mehrere Zähne aus. Beim nächsten Treffen mit Brando setzte der Paparazzo einen Football-Helm auf, was wiederum ein Kollege, Paul Schmulbach, dokumentierte. Eines der schönsten Paparazzo-Bilder überhaupt.

Vom Bewunderer zum Opfer

Auch Helmut Newtons Bilder sind in der Ausstellung zu sehen, obwohl er sicher kein Paparazzo war. Doch seit er Fellinis Film "La Dolce Vita" gesehen hatte, interessierte er sich für das Phänomen der Menschenjäger mit der Kamera. Der Film gab ihnen übrigens den Namen: Eine der Hauptrollen hat ein Fotograf mit dem erfundenen Namen Paparazzo.

1970 reiste Helmut Newton nach Rom, um dort mit einigen Paparazzi zusammenzuarbeiten: Während Newton ein Mädchen fotografierte, sollte es so tun, als sei es eine berühmte Person, genervt und geblendet vom Blitzlichtgewitter. 1980 in Cannes wurde Newton dann selbst zum Opfer einer Paparazzi-Meute: als er Models auf der Croisette fotografierte. Er schien es durchaus zu genießen.

Das schnelle Geld

Heute ist das Geschäft schmutzig geworden. Skrupellose Paparazzi provozieren Zusammenstöße, rempeln sich aggressiv in die Nähe der Stars oder arbeiten mit fetten Teleobjektiven. "Im Mittelpunkt steht das schnelle Geld”, sagt Matthias Harder, der die Schau organisiert hat. Für ein Bild der Zwillinge von Angelina Jolie und Brad Pitt sollen 15 Millionen geboten sein. "Raffinesse, Witz und Selbstironie finde ich in den Bildern der zeitgenössischen Paparazzi leider nicht mehr."

350 Fotos aus den 60er und 70er Jahren sind bis zum 16. November in der Ausstellung "Pigozzi and the Paparazzi" in der Helmut Newton Foundation Berlin zu sehen. Wenn man sie vergleicht mit Sensationsbildern von heute, wie etwa der glatzköpfigen Britney oder dem betrunkenen Prinzen Harry, dann sehnt man sich tatsächlich zurück nach der Eleganz der großen Paparazzi der Frühzeit. Die konnten nämlich nicht nur draufhalten, sondern auch richtig gute Fotos machen.