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Unappetitliche Lebensmittel Michael Schmidts Fotografien sind nicht zum Anbeißen


Was essen wir? Die industrialisierte Lebensmittelproduktion in der globalisierten Welt ist ein brisantes Thema. Der Fotograf Michael Schmidt hat einen verstörenden Ansatz für seine Dokumentation über Lebensmittel gewählt.

Appetitlich ist das nicht, was uns der Fotograf Michael Schmidt aus dem Alltag der industrialisierten Lebensmittel-Massenproduktion serviert. Ein unheimlich grinsendes blassrosa Wurstgesicht scheint in der Vergrößerung von Ekzemen übersät. Zum Anbeißen ist auch der übergroße sattgrüne Konfektionsapfel nicht, so künstlich wirkt seine pustelige Haut. Ein unscharfes Schwarz-Weiß-Foto einer Fischfarm weckt die Assoziation eines Internierungslagers.

Von 2006 bis 2010 bereiste der 66-jährige Schmidt Europa und fotografierte in Lachsfarmen, Brotfabriken, Milchviehbetrieben, Schlachthöfen oder Gemüseproduktionen. So entstand die inzwischen sechste Langzeitdokumentation des Autodidakten, dessen frühere Werkblöcke "Waffenruhe" (1985-87) und "EIN-HEIT" (1991-94) im Museum of Modern Art in New York gezeigt wurden.

Das auf Gegenwartskunst spezialisierte Leverkusener Museum Morsbroich präsentiert von diesem Sonntag an bis zum 13. Mai erstmals Schmidts jüngstes Projekt "Lebensmittel". Die Auswahl von 121 Bildern wandert anschließend nach Innsbruck und wird ab Januar 2013 im Martin-Gropius-Bau in Berlin gezeigt.

"Wirklichkeit bildhaft transparent machen"

Die Bilder Schmidts, der in seinem früheren Leben Polizist war, scheinen formal sachlich und verstören trotzdem. Doch sie sind nicht einfach eine platte sozialkritische Propaganda, die die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion geißelt. Dazu macht es Schmidt dem Betrachter zu schwer. Die Fotos werden ohne jeden Begleittext und anonymisiert präsentiert. Man erfährt nicht, in welchem Land sie entstanden sind. Nur manchmal deutet ein Firmenname auf einer vollautomatischen Melkmaschine oder eine kaum zu entziffernde Adresse auf einem eingeschweißten Hähnchen auf die Herkunft hin.

Ängstliche Schweine- und Kuhaugen, wandputzartiger Fabrik-Toast, Brote wie Ziegelsteine, eingeschweißter Salat mit einer faulig-braunen Stelle, verschwommene Inhaltsangaben auf unbekannten Lebensmitteln - eine oft ekelerregende Ernährungswirtschaft wird in der Vergrößerung der Bilder surreal verfremdet und kommt gleichzeitig dem Menschen - und seinem Mund - ganz nah.

Die "Wirklichkeit bildhaft transparent zu machen", sei sein künstlerischer Anspruch, sagte Schmidt einmal. Er spielt auch mit Motiven der klassischen Malerei, etwa bei dem fast poetischen Bild einer Erntehelferin, die gebückt auf einem Lauchzwiebelfeld hockt.

Erstmals fotografierte Schmidt in Farbe

"Die Fotos sind kein Pamphlet und keine Anklage", sagt Morsbroich-Direktor Markus Heinzelmann. Aber bei jedem Bild hege der Betrachter einen Verdacht. Schlangengurken in Pappkartons sehen aus wie Würmer, Fische werden wie Abfall durch Rohre auf einen Lastwagen gepumpt.

Erstmals hat Schmidt bei diesem Projekt auch in Farbe fotografiert. Ob die blässliche Fleischfarbe der Mortadella mit Fettaugen oder auf Hochglanz polierte grüne Paprika auf dem Styroporbett - der Appetit vergeht einem bei der Schau ganz sicher.

Von Dorothea Hülsmeier, dpa DPA

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