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Formel 1: Das Quintett der Hoffnung

Beim Großen Preis von Deutschland am Hockenheimring gab es eine einmalige, nie da gewesene Konstellation. Im elitären Rennfahrerfeld tummelten sich gleich fünf Deutsche. Sie ringen um Reputation, denn ein langer Schatten verfolgt sie.

Von Martin Sonnleitner

Die rund 90.000 Zuschauer am Hockenheimring reagierten zunächst einmal verdutzt, als Gotthilf Fischers Chöre in hohen Tönen die deutsche Nationalhymne schmetterten. Doch flugs erhoben sie sich von ihren Plätzen und gaben dem Großen Preis von Deutschland ihren passenden Rahmen. Immerhin ging es aus deutscher Sicht um eine Zäsur. Fünf einheimische Fahrer, soviel wie nie zuvor bei einem Formel-1-Rennen, reihten sich im 20-köpfigen Pilotenfeld ein und brachten unmittelbar nach der Darbietung der Fischerchöre ihre mächtigen Boliden zum Kochen.

Eine Zäsur in zweierlei Hinsicht. Es war das erste Rennen am Ring seit 17 Jahren ohne einen Schumacher. "Es ist für uns eher Chance als Bürde", hatte Nico Rosberg, Fahrer bei Williams-Toyota, noch einen Tag vor dem Rennen eingeräumt. "Die deutschen Fans warten drauf, einheimische Fahrer zu haben, die da oben mitmischen. Wir geben alles."

Doch drängt sich glatt die Frage auf, wie es bestellt ist um das deutsche Quintett, gerade im Schatten des großen Schumi, Michael. Und wer weiß da besser Bescheid, als die Armada treuer deutscher Formel-1-Fans. "Es ist sehr spannend, gerade weil Schumi nicht mehr da ist" findet Herwig Gärtner aus Wildeshausen. "Ich halte nichts vom Starkult." Allerdings räumt Gärtner ein, dass die deutschen Fahrer keine reellen Siegchancen hätten. Auch Michael Schmidt aus Krefeld besteht darauf, dass Rosberg, Timo Glock oder Sebastian Vettel ab der nächsten Saison in einem der großen Rennställe fahren müssten, Adrian Sutil brauche noch Zeit, Nick Heidfeld sei über dem Zenit. "Am besten Mercedes", so Schmidt, "ein Deutscher in einem deutschen Stall, das wäre optimal."

Auch Enrico Ahl, der mit seinem 16-jährigen Sohn Patrick gekommen ist, sieht "ein neues Zeitalter, in dem junge deutsche Nachwuchsleute auf einem guten Weg sind". Ahl, der sich auch häufig kleinere Autorennen anschaut, hat beobachtet, dass Talente zunächst bei einem kleineren Rennstall anheuern, "um Zeit zu haben, zu reifen". So könne es vorkommen, dass ein Formel-BMW-Fahrer sich in der Formel 1 zunächst hinten anstellen muss, um später wieder vom Mutterstall rekrutiert zu werden. "Das ist auch wichtig, um mal frische Luft zu atmen und andere Leute kennen zu lernen", sagt Ahl. Er grinst dabei seinen Sohn an, der allerdings in knallroten Ferrari-Klamotten bekundet, der großen Schumacher-Zeit noch hinterher zu trauern.

Kein Lieblings-Deutscher bei einheimischen Fans

"Die meisten deutschen Fahrer haben noch Luft nach oben", ist Steffen Sroka aus Karlsruhe optimistisch, dass einer von ihnen zeitnah in die Phalanx der großen Formel-1-Piloten einbrechen könne. Pascal Hess aus München ist da kritischer: "Man merkt, dass Schumi weg ist, es gibt auch keinen deutschen Favoriten bei den Fans hier." Er bedauert, dass Heidfeld, mit 31 Jahren Nestor im deutschen Fahrerfeld, "es nicht geschafft hat", glaubt aber, "dass Vettel noch groß rauskommt" und Rosberg überschätzt sei "wegen seines Vaters".

Philipp Gerschler aus Chemnitz dagegen findet, "dass Rosberg das größte Potenzial" habe und denkt generell, dass das Team zunächst sekundär sei: "Die sollen erstmal beweisen, dass sie fahren können", fordert Gerschler, der selber in einer Kart-Serie Rennen gefahren ist. Dann räumt er doch ein, dass "Glock und Vettel eventuell im falschen Team fahren", Heidfeld "zu alt" sei und sowieso "keiner der Deutschen die Qualitäten eines Schumi" habe.

Junge Fahrer brauchen Zeit

Auch ein hochrangiger BMW-Mitarbeiter insistiert: "Die sollen sich erstmal durch gute Fahrleistungen etablieren. Beim Fußball ist auch nicht jeder gleich ein Ballack." Zur Erinnerung: Auch ein Michael Schumacher gewann seine ersten Titel im Benetton-Renault.

Der Österreicher Ludwig Spindelberger, der 1976 schon Nicki Lauda am Hockenheimring fahren sah, macht den Deutschen Mut: "Dass Fahrer wie Hamilton oder Alonso innerhalb kürzester Zeit ein Topteam bekommen und einschlagen, ist selten." Auch er hält es aber für wichtig, dass den jungen Fahrern die Zeit für ihre Entwicklung gegeben werde, was im hysterischen Rennzirkus oft nicht möglich sei.

Trostlose Siegerehrung aus deutscher Sicht

Der 16-jährige Max Möller fasst die Zwiespältigkeit deutscher Fans noch einmal zusammen: "Dass ein Viertel aller Rennfahrer aus Deutschland kommt, ist einfach klasse." Sein Favorit auf das Schumi-Erbe ist Rosberg, "weil der sympathisch ist und auch sehr viel kann". Dann zwinkert er mit dem Auge: "Der Ferrari wäre das beste Auto für ihn."

In der Tat gab die Siegerehrung aus deutscher Sicht ein trostloses Bild ab. In der Mitte eine England-Flagge des Siegers Hamilton, eingerahmt von den brasilianischen Farben der anderen Podest-Fahrer, Piquet und Massa. Den größten Jubel gab es dabei vom Team des Zweiplatzierten Piquet. Denn sein Stall Renault spielt eigentlich nur die zweite Geige im großen Konzert der kraftstrotzenden Rennautos. Das alleine sollte Motivation genug für die jungen wilden deutschen Fahrer sein. Immerhin wurde Vettel Vierter.

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