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Very British: Mit Hitler in der Hölle

Die Hölle ging in Flammen auf: Vor vier Jahren verbrannten in London einige der bekanntesten Werke junger britischer Künstler, darunter auch "Hell", ein apokalyptisches Panorama menschlicher Höllenqualen. Nun haben ihre Schöpfer ein Remake erschaffen: die Turbo-"Hölle".

Von Cornelia Fuchs, London

Wer zu den Tiefen menschlicher Abgründe gehen will, muss in der White Cube Gallery in eine Art Bunker hinuntersteigen. Die sterilen weißen Wände und grauen Betonböden stehen im seltsamen Widerspruch zu dem, was sich dem Besucher der Ausstellung "If Hitler had been a hippy how happy would we be" in einem der Ausstellungsräume präsentiert. "Fucking Hell" ist die Wiedergeburt von "Hell" aus dem Jahr 2000, der Ausstellung der britischen Künstler Jake und Dinos Chapman. Wie die Brüder feststellten, war es eine ganz besondere Ironie, dass ihr erstes Endzeit-Werk ausgerechnet von einem Feuer vernichtet wurde. Sie könnten sich jedoch eine Welt ohne Hölle nicht vorstellen, sagten sie, und begannen über vier Jahre und mit der Hilfe von acht Spezialisten eine neue herzustellen.

Wie Zinnsoldaten in einem Sandkasten

Von weitem sieht sie noch unscheinbar genug aus, die "Fucking Hell": Neun Glasvitrinen, die, von oben betrachtet, in einer seltsamen Kreuz-Form zueinander stehen. Je näher man kommt, desto mehr schieben sie sich zu einem Hakenkreuz zusammen. Zunächst sieht man Wasser am Rande der ersten beiden Glaskästen, in denen es wuselt und wimmelt wie im Sandkasten eines hyperaktiven Kindes mit zu vielen Zinnsoldaten. Die Farben sind seltsam dunkel und trübe. Und überall dazwischen leuchtet ein blutiges Rot hervor.

Flöße kann man sehen von ferne, und Häuser, deren Außenwände fast zusammenfallen. In der Mitte schiebt sich eine riesige Pilzwolke in den Himmel. Natürlich weiß, wer die Brüder Chapman kennt, dass den Betrachter nichts Gutes erwartet in diesen Glaskästen. Aber der Effekt ist dennoch erstaunlich, wenn die Augen sich das erste Mal an die winzigen Figürchen gewöhnt haben, diese fokussieren und man in einer seltsamen Reaktion immer mehr Eindrücke von Blut, Skeletten, Häutungen, Schädeln und Schmerz aufnimmt und sich gleichzeitig ganz dringlich und innerlich abwenden will von diesem Konvulut, das nicht aufzuhören scheint, das Unsagbare zu wiederholen.

Langsam schiebt man sich mit den anderen Besuchern an den Außenwänden der Glasvitrinen entlang, an einem Floß vorbei, auf dem sich Menschen, wenn es denn Menschen sind, selbst zerfleischen, wie die Überlebenden des Schiffes "Medusa" auf dem berühmten gleichnamigen Bild aus dem 19. Jahrhundert. Kunst vermischt sich mit Gewalt, Ikonen mit Splatter - der Verstand des Betrachters versucht unermüdlich, hinter diesen Tableaus des Furchtbaren einen Sinn zu finden. Sieht der gekreuzigte Gehäutete aus nicht aus wie auf einem Kalvarienberg? Sind die Schafe mit Wolfsköpfen, die Schädel verschlingen, kein Anklang der Märchen der Gebrüder Grimm? Sieht man in der Formation der Skelette auf den Panzern im Fluss nicht Szenen aus dem Hollywood-Film "Apokalypse now"?

Die unendliche Hölle

Doch all diese Erklärungen führen am Ende zu nichts. Wer sich durchgekämpft hat durch diese Ansammlung des Allerschrecklichsten, der hat am Ende lauter Gewalt-Bilder im Kopf, die sich zu nichts formen als zu einer Gewaltorgie. Schweine scheiden Schädel aus, eine Fabrik spuckt Hitler-Figuren mit salutierenden Armen auf Lastwagen aus der Pforte, vor einem nicht enden wollenden Massengrab schmückt eine Girlande aus Köpfen die toten Bäume und auf dem Eingang des stilisierten Konzentrationslager steht der Spruch "Work hard, play hard - arbeite hart, feiere kräftig".

Der Kunstkritiker Simon Barker sieht in "Fucking Hell" die unausgesprochene Absprache mit dem Betrachter, dass Gewalt und Unmenschlichkeit immer weiter und weiter und weiter geht, bis jede originelle Idee verschwindet - "es wird immer neue Höllen geben", schreibt er im Buch zur Ausstellung. Andere haben den Chapmans vorgeworfen, sie würden den Krieg durch die Miniaturversion verniedlichen, ihn hygienisch sauber verpacken und präsentieren. Und es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass sich die ewige Wiederholung von gehäuteten, aufgespießten und enthaupteten Körpern seltsam enttabuisiert.

Doch dann gibt es diese Momente, die den Betrachter aufschrecken lassen. Wenn man, zum Beispiel, eine verängstigte Anne Frank entdeckt, die sich im Speicher eines zusammenfallenden Hauses versteckt. Oder einen von vielen Hitlern, der, betrachtet von sechs Skeletten, am Rande eines Massengrabes ein Bild malt - ein Nikolaus-Häuschen mit gelber Sonne.

Hitler als Amateurmaler

Es sind die Aquarelle dieses Mannes, die im zweiten Raum der Gallerie den Kontrast zu "Fucking Hell" bilden mit ihrer seltsamen Belanglosigkeit. 13 Bilder Adolf Hitlers haben die Chapmans gekauft, haben sie mit pastell-farbenen Regenbogen ausgemalt, mit Sternchen und Schmetterlingen, die Himmel grün, gelb und pink werden lassen. Hitler hat sich einmal beschwert über Künstler, die "Wiesen blau, Himmel grün und Wolken schwefelgelb" malen: "Im Namen des deutschen Volkes will ich diese armseligen Unglückseligkeiten verbieten." Die Chapmans glauben, dass sie seine Kunst "durch das Schlechtermachen besser gemacht haben".

Es ist dieses Bild, das bleibt, wenn man die Treppen in der White Cube Gallery wieder ans Tageslicht steigt: Der Amateurmaler Hitler mit seinen Wasserfarben am Rande der Hölle.

Die Ausstellung ist noch bis zum 12. Juli 2008 in der White Cube Gallery zu sehen, Mason’s Yard, London.