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Zum Tod von Jérôme Savary: Der kompromisslose Theatermacher

Jérôme Savary galt als Enfant terrible des französischen Theaters. Seine ironischen, unkonventionellen Inszenierungen gefielen dem Publikum, auch in Deutschland.

Seine Zigarre war sein Markenzeichen. Sogar bei seinem Abschied als Direktor der Pariser Opéra Comique vor gut fünf Jahren rauchte er auf der Bühne. Jérôme Savary war kompromisslos. Mit seinen häufig ironischen, frivolen und Tabus brechenden Aufführungen sorgte er regelmäßig für Schlagzeilen. Er wollte das Theater demokratisieren und entstauben - auch auf die Gefahr hin, in Ungnade zu fallen. Mit 70 Jahren ist der französisch-argentinische Regisseur, Schauspieler und Intendant am Montagabend an den Folgen einer Krebserkrankung in Paris gestorben.

Savary galt als Enfant terrible der Theaterwelt. Wie er selbst sagte, hatte er an den Schaltstellen der Macht mehr Feinde als Freunde. Die Gunst des Publikums war dem in Buenos Aires geborenen Regisseur jedoch sicher. Als er im Jahr 2000 die Pariser Opéra Comique übernahm, steckte das Haus tief in den roten Zahlen. Er wurde zum Leiter einer Oper ohne Orchester, ohne Ballett und ohne künstlerisches Budget. Er brachte das Haus wieder auf Vordermann, dennoch wurde seine Amtszeit nicht verlängert.

Comicstrip-Zeichner und Chauffeur

Hart im Nehmen, optimistisch, unkonventionell und innovativ - auch das war Savary. Als 19-Jähriger bestritt er in New York seinen Lebensunterhalt mit Jazzmusik, in Paris kämpfte er sich als Comicstrip-Zeichner, Autor von Foto-Romanen und Chauffeur durch.

1965 gründete er das Grand Théâtre Panique, aus dem drei Jahre später der Grand Magic Circus mit einer zum Großteil aus Laiendarstellern bestehenden Truppe hervorging, mit der sich Savary als "Magier" schnell einen Namen machte. Denn seine Theater-, Opern-, Operetten- und Musical-Aufführungen wie "Carmen", "Der blaue Engel" oder "Mutter Courage" waren Feuerwerke: bunt, spritzig, ironisch und temporeich.

Auch in Deutschland gefielen seine unkonventionellen Neuinterpretationen wie das blutrünstige Drama "Richard III." von William Shakespeare oder die Operette "La Périchole" von Jacques Offenbach, die er mit Swing, Schlagerklängen und Jazz auftrimmte. Savary liebte Jazz und war ein virtuoser Trompetenspieler.

Mit Peter Zadek in Berlin

Aufsehen erregte er in Deutschland, als er Anfang der 80er Jahre zusammen mit Peter Zadek Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" als große Revue auf die Bretter des Berliner Schillertheaters brachte. Als das Schillertheater 1993 wegen Sparzwängen geschlossen wurde, zeigte sich Savary an einer Übernahme interessiert, aus der aber nichts wurde.

Weit ab von Paris fing Savary vor einigen Jahren wieder von vorne an. In Béziers in Südfrankreich ließ er sich im Théâtre des Franciscains nieder. Um seine Produktionen und Aufführungen zu finanzieren, gründete er eine Vereinigung, in der jeder gegen einen Beitrag Mitglied werden konnte. "Ich hoffe, dass mich das Publikum auf meinem neuen Weg begleiten wird", sagte Savary damals, ehe sein Kampf gegen den Krebs begann.

Sabine Glaubitz, DPA / DPA
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