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Buenos Aires: Mehr Drama, Baby!

Mondän, morbid, melancholisch, hektisch, kosmopolitisch - und im Moment in Partystimmung: Buenos Aires, die Metropole mit wechselvoller Geschichte, liebt die große Pose.

Von Gerhard Waldherr

"Weder am Morgen noch tagsüber noch bei Nacht", schrieb Jorge Luis Borges über Buenos Aires, "sehen wir die Stadt wirklich." Der Morgen, so der größte Schriftsteller, den Argentinien hervorbrachte, sei "hässlich und gemein … eine übermäßige Verschwendung von Licht". Die Nacht nannte er ein trügerisches Wunder. Dazwischen nichts als "Beschäftigungen oder Trägheiten … Es bleibt die Abenddämmerung. Sie bringt den dramatischen Wechsel, den Konflikt zwischen Sichtbarem und Schatten".

Es ist Samstag, und über Recoleta legt sich die Abenddämmerung. Unter einem majestätischen Baum gegenüber der schneeweißen Iglesia de Nuestra Señora del Pilar sitzen die Menschen auf Parkbänken und schauen verträumt in den Himmel. Von der Plaza nebenan dringt Kindergeschrei. Ein alter Mann tanzt zu einem Tango, der aus seinem Kassettenrekorder jammert. An der Eisdiele weiter hinten kichern Teenager. Und ein altes Pärchen - toupiertes, sanft lila gefärbtes Haar sie, Halstuch über tiefblauem Blazer mit goldenen Knöpfen er - flaniert nach Hause.

Pompös türmen sich die Mausoleen

Recoleta. Immer wieder schön, dieses beschauliche Viertel voll bourgeoiser Palais mit imposanten Fassaden. Belle Époque. Beaux Arts. Spitzengardinen hinter hohen Fenstern. Verschnörkelte Gitter an den Balkonen. Es heißt, früher seien sogar die Gehsteige aus Marmor gewesen. Und über allem thront der Friedhof, dessen Grabmale zwischen Araukarien und Zypressen in der Sonne leuchten. Der Cementerio de la Recoleta ist eine hinreißende Nekropolis, eine Eruption in Stein gehauener Requiems. Wer früher etwas auf sich hielt, wollte hier begraben sein. Pompös türmen sich die Mausoleen, Grüfte und Granitskulpturen, als hätte sie ein trauriger Zuckerbäcker modelliert. An den Gräbern finden sich die Namen von ehemaligen Präsidenten, betuchten Kaufleuten, Künstlern. Und natürlich der von Evita, Eva Perón, die sie immer noch verehren.

"Ist es nicht schön, dieses Licht, das alles so deutlich werden lässt", sagt eine blonde Frau auf der Parkbank nebenan und lächelt. Wie? "Schauen Sie: Da drüben wohnt der Tod, doch in diesem Licht mutet er an wie ein Triumph." Sie heißt Adriana Pereyra, 43, Mutter zweier Töchter, Psychologin. "Woanders stehen Widersprüche nebeneinander", sagt Pereyra, "in Buenos Aires verschmelzen sie." Was genau sie damit meint? Wieder lächelt sie und zitiert Silvia Bleichmar, die im vergangenen Jahr verstorbene berühmte argentinische Psychologin: "Wir sind eine seltsame Mixtur aus Talent, Brillanz und Ruin." "Wussten Sie", fragt Pereyra, "dass der Friedhof gebaut wurde, wo früher Rinder geschlachtet wurden?" Nein. Pereyra: "Und hinter ihm befinden sich Stundenhotels."

Da war sie wieder, diese Irritation, die einen in dieser Stadt irgendwann packt. Einer Stadt, die man nie zu fassen kriegt, die mondän und morbid anmutet, melancholisch und hektisch, kosmopolitisch und provinziell. Aber wie soll man Buenos Aires auch schlüssig erklären bei 14 Millionen Einwohnern, Nachkommen von galizischen, italienischen, jüdischen, russischen, britischen, syrischen, koreanischen, deutschen Einwanderern? Eine Metropole, die einmal als Paris Lateinamerikas verklärt wurde, eine der reichsten Städte der Welt war, die mit Kultur und Wohlstand protzte, in der Caruso, Toscanini, die Callas hofiert wurden, Neruda und García Lorca intellektuelle Zirkel leiteten und in der Aristoteles Onassis als Tabakhändler ein Imperium begründete. Und die danach versank in Rezession, Depression und den Schandtaten einer grausamen Militärdiktatur. "Wir sind eine Achterbahn", sagt Pereyra, "es geht immer rauf, runter, rauf, runter."

Die Regierung war bankrott

Wer im Dezember 2001 kam, erlebte die Stadt wieder am Scheideweg. Nach über einem Jahrzehnt selbstherrlicher Politik des Präsidenten Carlos Menem versank Buenos Aires im Chaos. Menem hatte den Wechselkurs des Peso an den US-Dollar gekoppelt, damit die Inflation gebremst und die Weltbank sowie ausländische Investoren angelockt. Gleichzeitig wurde die Binnenwirtschaft ausgehöhlt und durch Privatisierung von Staatsbetrieben ihrer Substanz beraubt. Erst hatte man sich an schottischem Whisky und französischem Käse delektiert, Urlaub machte man in Miami und an der Côte d'Azur. Nun grassierten Arbeitslosigkeit und Armut, Rentner verloren ihre Pensionen und die Regierung war bankrott. Als die Banken ihren Kunden den Zugang zu deren Konten sperrten, kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, Plünderungen, es gab Tote.

Wer heute kommt, sitzt bei Federico Thielemann, Leiter Außenwirtschaft, Deutsch-Argentinische Industrie- und Handelskammer, und staunt. Thielemann referiert über neun Prozent Wachstum, positive Handelsbilanz, eine stabile Währung. Von seinem Büro im 23. Stock an der Avenida Corrientes blickt man auf Rohbauten von Hochhäusern und Kränen vor dem Rio de la Plata, an dessen Ufern das Brachland bebaut werden soll. Apartments und Lofts in Betontürmen kosten bis zu 3500 US-Dollar pro Quadratmeter und sind lange vor ihrer Fertigstellung verkauft. Thielemann sagt, er habe irgendwo gelesen, Buenos Aires sei derzeit weltweit einer der attraktivsten Plätze für Investments. Der Tourismus boomt, getragen vom günstigen Wechselkurs des Peso. Der Flohmarkt in San Telmo überlaufen. Die Tangolokale voll. Gedränge in den Gassen des ehemaligen Armenviertels La Boca. Thielemann: "Wir werden wieder als attraktive Weltstadt wahrgenommen."

Buenos Aires ist canchero. Cool. Um das zu erleben, muss man nicht unbedingt in Restaurants wie dem Sucre verkehren, wo die Prominenz Hof hält und patagonisches Lamm, Lachstatar mit Schaum von grünem Apfel und Malbec aus Mendoza serviert werden. Im Stadtteil Las Cañitas wird man verschluckt von beinahe orgiastischem Trubel in Kneipen, Clubs und Lounges, in denen die Nacht kein Ende nimmt. Im Viertel Palermo mit seinen Kolonialhäusern sind Designerhotels im Dutzend, schicke Restaurants, Modeboutiquen und Shops mit postmodernen Möbeln entstanden. Sie nennen es inzwischen Palermo Hollywood. Die Modedesignerin Carolina Aubele sagt: "Die Krise hatte etwas Gutes: Wir mussten uns auf unsere Kreativität besinnen." Sie haben in Läden die alten Tapeten hängen lassen oder Stühle und Tische vom Sperrmüll vor nackte Ziegelwände gestellt. Man isst wieder Bife de lomo statt Foie gras. Auch Aubele macht ihre Klamotten nicht mehr aus französischen Stoffen, sondern aus heimischem Kuhfell und Baumwolle. "Wir sind endlich stolz", so Aubele, "wir zu sein."

Das Streben nach Größe liegt im Wesen

Das ist neu. Schließlich, sagt Federico Thielemann, liege es im Wesen des Argentiniers, immerfort nach Größe zu streben. Die Einwanderer des 19. Jahrhunderts seien gekommen mit dem Vorsatz "hacerse la America". Amerika machen. Später, als der Weizen und die Rinder der Pampa das Land reich machten und Landbesitzer zu Dollarmillionären, wurde Buenos Aires zu einem Epigonen europäischer Weltstädte. Die Avenida 9 de Julio, der breiteste Boulevard der Welt, wurde den Champs-Élysées nachempfunden; der Bahnhof Retiro der Londoner Victoria Station; das Teatro Colón der Mailänder Scala; das Kongressgebäude dem Capitol. Man hortete Sterlingsilber, böhmisches Kristall und Schweizer Uhren. Die Sehnsucht der Exilanten nach Europa kreierte das Bonmot: Ein porteño, wie man die Einwohner von Buenos Aires nennt, sei ein Italiener, der Spanisch spreche, sich benehme wie ein Franzose und glaube, er sei Engländer. Auf Evitas Grabinschrift steht: "Ich werde zurückkommen und Millionen sein." Verrückt? In Argentinien kommen 133 psychotherapeutisch Tätige auf je 100.000 Einwohner, Buenos Aires hat angeblich sogar die höchste Dichte der Welt.

Es ist Sonntag, wieder Abenddämmerung. Alan Faena steht auf der Terrasse seines Hotels und spricht von Buenos Aires als "Stern des Südens, der zur Stimme des spannenden lateinamerikanischen Kontinents" werden könne. Vom Rio de la Plata ein weicher, warmer Wind. Faena trägt Weiß bis auf einen Cowboyhut mit kunterbunten Quasten. Weiß ist seine Lieblingsfarbe. Er ist ein schlanker, charmanter Mann, dunkler Teint, syrischer Abstammung. Früher war er Modemacher. Doch dann entdeckte er diesen alten Kornspeicher an den Docks von Puerto Madero. Da habe ihn eine Vision übermannt. An den Docks, dem Platz, der Buenos Aires' Aufstieg zur mondänen Metropole begründete, wollte er ein "Sinnbild für den Geist der Stadt" errichten. Und wer erlebt, wie begeistert Faena davon erzählen kann, versteht, dass er kurz vor der Krise dafür amerikanischen Investoren 100 Millionen USDollar abschwatzen und den Stardesigner Philippe Starck gewinnen konnte. Und die haben ihn trotz der Krise nach 2001 nicht fallen lassen. Chris Burch, einer seiner Geldgeber, sagt: "Wer so viel Leidenschaft und Kreativität hat wie Alan, gewinnt."

Seit 2004 steht es hinter Schiffskränen, das Faena Hotel & Universe. Ein Manifest des Comebacks Argentiniens. Kantig, extravagant, pompös. Eine Mischung aus grandiosem Kitsch und schwülstiger Kunst. Die Lobby ist zehn Meter hoch und führt zu einem goldenen Vorhang; in El Bistro diniert man in weißen Lederfauteuils vor weißen Wänden, die dekoriert sind mit weißem Stoff und Köpfen von weißen Einhörnern; in El Cabaret wird Tango inszeniert vor blutroter Kulisse; El Teatro für Cabaret und Konzerte schwelgt in purpurnem Samt. Faena mag nicht nur Weiß. Rot ist für ihn Inbegriff von Liebe und Passion, Gold stehe für Glorie. Faena: "All das, was Buenos Aires verkörpert, ich wollte alle Aspekte der Stadt glorifizieren." In El Mercado, dem zweiten Restaurant, hat er alte Dielen, die mit sogenannten filetes bemalt sind, verlegen lassen; in Glaskabinetten Antiquitäten aus San Telmo, an den Wänden Bilder argentinischer Legenden: Evita, Che Guevara, der Tangosänger Carlos Gardel und natürlich Maradona.

Faible für Tragik

Wenn man das Leben dieser Personen zum Maßstab macht, dann könnte man meinen, auch Faena habe ein Faible für Tragik. Es gibt nicht wenige, die in Evita eine zweitklassige Aktrice und Mätresse des späteren Präsidenten Juan Perón sahen, der sie verstieß, als sie krebskrank dahinsiechte. Ches Ende entbehrt bekanntermaßen jeder Grandezza. Gardel kam mit 44 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, was umso symbolträchtiger ist, als der Tango eine Form von Traurigkeit ist, die man tanzen kann. Und Maradona? Silvia Bleichmar: "Er ist kein Pelé, er ist kein Triumphator, er ist kein Sieger." Und dazu passt, dass Mónica Milito sagt: "Buenos Aires war immer sexy, die Menschen sind schön, die Stadt ist kultiviert, sie hat Parks, den Fluss, es ist nicht weit zu Badeorten wie Mar del Plata und Punta del Este in Uruguay. Doch wir hängen mehr an Oberfläche als an Inhalten." Milito ist Schönheitschirurgin, betreut 1000 Kunden monatlich und bemerkt, dass Argentinien neben Brasilien den höchsten Verbrauch an Silikon habe: "Dabei haben wir wichtigere Probleme."

Aber daran will im Moment keiner denken. Alan Faena sowieso nicht. Der plant bereits sein nächstes Projekt. Er hat es nach einem Erzählband von Borges benannt: Aleph. Es geht um einen 125 000 Quadratmeter großen Komplex, wieder an den Docks von Puerto Madero: Luxusapartments, Geschäfte, Ausstellungsräume. Gebaut wird vom Londoner Stararchitekten Norman Foster. Borges umschrieb Aleph mit einem "kleinen Gegenstand, der das ganze Universum enthält". Wer tagsüber in Buenos Aires den Lärm und die Hektik der vor Hitze glühenden Innenstadt erlebt; wer nachts die Müllsammler beobachtet, die Kartons für Papierfabriken sammeln; wer in die Randbezirke der Stadt gerät, wo vom Paris Lateinamerikas nur noch Lateinamerika übrig bleibt, muss aber auch bei Faenas Aleph an den ewigen Konflikt zwischen Sichtbarem und Schatten denken. Federico Thielemann jedenfalls sagt: "Dass eine Krise überwunden wurde, heißt bei uns nicht, dass sie nicht wieder passieren kann."

Zurzeit geht es rauf. Sollte es irgendwann wieder runtergehen, bleibt ihnen immer noch Trost im Tango. Über den Tango sagt man, er erzähle eigentlich nur eine Geschichte: Lo que podría ser y que no fue. Was hätte sein können, aber nicht war.

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