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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Der Nussschnecken-Braveheart vom ICE – ein Mann, eine Maske, eine Bremse

AfD-Abgeordneter Stephan Brandner
AfD-Abgeordneter Stephan Brandner
© Bernd von Jutrczenka / DPA
Er wollte lieber eine Nussschnecke verspeisen statt eine Maske zu tragen: AfD-Politiker Stephan Brandner sorgte für einen Polizeieinsatz im ICE. Die ganze Nummer steht sinnbildlich für die Situation der Partei, findet Micky Beisenherz.

Dumm ist der, der Dummes tut. Und sackdämlich ist der, der Dummes tut – und es allen im Internet mitteilt. Nun sind soziale Netzwerke traditionell der Ort, an dem der letzte Funken Intelligenz am Zufallstor Eitelkeit zerschellt. Dass man das Netz im Zweifel aber auch betreten darf, ohne weiter intellektuell auffällig zu sein, bewies unlängst Stephan Brandner von der AfD.

Dieser prahlte in einem Tweet damit, sich der Obrigkeit verweigert zu haben. Es ist aber nun nicht so, als hätte er sich im Alleingang heldenhaft vor einen Migranten geschmissen, den die Hundertschaft der Hamburger Polizei vom E-Scooter kloppen wollte. Seinen Braveheart-Moment hatte der Hertener, als er letzten Mittwoch im ICE saß und sich dort recht zügig dem Mund-Nasenschutz verweigert hatte.

Ähnlich dem Internet gibt es bei der Bahn keinen Wesenstest, der einen vom Betreten abhalten könnte. Der Unterschied liegt nur darin, dass es mittlerweile eben Usus ist, während der Beförderung die Maske zu tragen. Macht keinen Spaß, klar. Ist jetzt aber halt so. Nicht so bei Brandner. Nachdem ihn ein Schaffner auf die Maskenpflicht hingewiesen hatte, verwies Brandner auf seine "Nussschnecke". "Esse gerade, geht nicht, danach überleg ich's mir."

Jetzt ist jemand, der wie Brandner aus dem Rechtsausschuss geflogen und durch fremdenfeindliche Ausfälle selbst als AfDler noch auffällig ist, eine Krawallschachtel ersten Ranges, für den im Kopf den ganzen Tag Kabel 1 läuft.

Ob Brandner blau angemalt, sich an die Nussschnecke krallend "Tod oder Freiheit" schrie, das ist seinem Post nicht zu entnehmen. Verbrieft allerdings ist, dass der Brandnersche Anfall von Masken-Résistance zu einem Polizeieinsatz auf der Strecke führte, die Bahn im vorpommerschen Pasewalk länger halten musste als üblich.

Stephan Brandner verschanzte sich auf der Bordtoilette

Während die Begleiterin von Brandner (wer tut sowas?) immerhin ein Attest vorweisen konnte, konnte dieser sich nicht einmal selber vorweisen, da er: sich auf der Bordtoilette verschanzte, als ginge es darum die letzten Tage im Führerbunker nachzuspielen.

Irgendwann dann konnten mehrere Beamte dem Widerstandskämpfer erklären, was Dreijährige in der Regel nach zwei Minuten begreifen, und im Nussschneckentempo ging es dann irgendwann weiter. Die anderen Fahrgäste waren sicher begeistert.

Dass ausgerechnet einer vom völkischen Flügel dafür sorgt, dass der Anschluss verpasst wird, ist auch eher ungewöhnlich. Eine lächerliche Nummer, von der jeder geistig gesunde Mensch hoffen würde, dass sie für immer unter Verschluss bleiben möge. Nicht so das Mensch gewordene Karo-Kurzarmhemd, das sich mit diesem Auftritt auch noch brüstete.

Vielleicht ist es aber auch gut so: Die ganze Nummer – so unwichtig sie eigentlich auch sein mag – steht sinnbildlich für die Situation der AfD. Deutschland als Zug: Alle wollen, dass es irgendwie weiter geht, alle wollen, dass es vorwärts geht. Und da ist der Tupperdosen-Seagal von der AfD, bläht die Klöten auf und sorgt mit seiner peinlich-destruktiven Campingplatzideologie für Stillstand und genervt-beschämte Blicke.

Die Alternative hat nichts Konstruktives anzubieten

Eine Episode, die schön das ergänzt, was schon in der Kemmerich-Posse im Thüringer Landtag einsehbar war: Die Alternative hat nichts Konstruktives anzubieten. (Das dürfte sich auch nach dem MDR-Sommerinterview am 25.8. mit Björn Höcke nicht geändert haben, das der Sender offenbar für ein stilvolles Gedenken an die Opfer von Hanau hält.)

Da, wo sich ein Gutteil der Bevölkerung auf unangenehme Notwendigkeiten geeinigt hat, kommt der Querdenkerbommel der AfD daher und hält den ganzen Fortschritt auf, selbst, wenn er noch so zäh ist. Bessere Vorschläge? Natürlich nicht.

Ihre einzige Botschaft ist das "Dagegen". Die Destruktion als lächerlicher Selbstzweck. Fast beruhigend, dass die Partei vor sich selbst nicht Halt macht und sich mittlerweile selbst zerlegt, wie man am brandenburgischen Begrüßungsknuffer à la Kalbitz schön sehen kann. Blinddarm sorgt für Milzriss.

Wobei ich Menschen mit der destruktiven Maskulinität eines Kalbitz durchaus zutraue, ein Hallo mit einem Roundhouse-Kick zu verwechseln. Sei's drum. Jörg Meuthen hat es schon schwer genug, den Leuten vorzumachen, dass ohne den Flügel noch was von der Krähe AfD übrig bleibt.

Und Brandner? Der ist jetzt natürlich nicht gleich der Satan oder Bin Laden – er ist lediglich ein Mann, der sich gern beim Blödsein zusehen lässt.

Begreifen wir den ICE als Demokratie, so steht es jedem frei, was er sein will: Motor oder Bremse. Nur etwas weniger laut quietschen, das sollte schon drin sein.


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