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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Australien - das Land mit dem Sonnenschwips

Sommer in Australien ist tatsächlich schön. Aber leider macht das Übermaß an Sonne nicht nur glücklich – sondern auch ungemein bräsig.

Von Micky Beisenherz

Australien: Das Übermaß an Licht und Schatten macht träge

Australien: gnadenvolle Bräsigkeit

Wenn Sie diesen Text lesen, hocke ich bereits wieder im grauen Deutschland und mache ein Gesicht, länger als jede Sondierung.

Das Sonnenkonto wird aufgelöst sein. Dafür bleibt die garantierte Grundversorgung, was übellaunige Passanten angeht, die einem entgegenkommen.

Das ist hier in Australien, wo ich gerade mal wieder Gags für das "Dschungelcamp" schreibe, wirklich anders. Alle grüßen. Fremde lächeln dich freundlich an. Würde man sich das in einer deutschen Fußgängerzone trauen, wäre man wohl kurz vor einer Anzeige, zumindest aber hoch verdächtig.

Melange aus Harmonie und Langsamkeit

Wie ich in dieser herrlichen Urlaubsenklave aber schon x-fach festgestellt habe, hat die sonnengegerbte Glückseligkeit einen hohen Preis: Man wird ein wenig bräsig.

Als häufiger Kunde in diversen Gastronomien durfte ich zum Beispiel beobachten, dass die Gehirne von manchen so großzügig beschienenen Servicefachkräften offenkundig etwas anders arbeiten, als man das von zu Hause kennt. Es gibt da eine gut gelaunte Geistesabwesenheit, eine Melange aus unpräziser Harmonie und Langsamkeit.

Trotzdem erzielt die Sonne natürlich auch unmittelbar positive Effekte: Wir fühlen uns leichter, unbeschwerter, sobald der Körper Licht bekommt. Viele dunkle Gedanken werden mit den ersten Sonnenstrahlen vampirartig pulverisiert. Der Körper schüttet Endorphine aus.

Die Wärme macht nicht nur glücklich, sondern lässt uns die Menschen in unserem Umfeld und auch unseren eigenen Gesamtzustand positiver beurteilen. Eine wohlige Kritiklosigkeit umfängt einen. Gut zu beobachten beispielsweise an Menschen, die beim Sektchen in Sonnenstudio-Foyers sitzen, sich aus lederner Gesichtshaut anlächeln und auch sonst jedweden Anspruch an ihre Optik oder die des Gegenübers abgelegt zu haben scheinen.

Strategisch scheint es also ratsam, dem Chef zum Geburtstag erst eine UV-Lampe zu schenken, um etwa drei Monate zu warten und dann ein wichtiges Personalgespräch mit ihm zu führen.

Serotonin rauf, Melatonin runter, und die Welt sieht gleich ganz anders aus. Es gibt ja Gründe, warum man im Sommer selbst in Cottbus Menschen findet, die Eis essend begeistert durch die Stadt flanieren.

Australien: gnadenvolle Bräsigkeit

Was für ein wunderbarer Dauerzustand wäre das. Ein nicht enden wollender Sonnenschwips. Doch, wie gesagt: Der Preis ist womöglich ein gewisser Mangel an Energie und Tiefe.

Die große Kunst, die ausgefeilten Denkprodukte, das Schwere – es kommt ja vornehmlich aus Gegenden, in denen die Sonne seltener Gast ist. Spült das ganze Serotonin doch gleich die für die Kunst so wertvollen Zweifel mit aus dem Körper.

Oh, gnadenvolle Bräsigkeit. Sie lässt uns selig dämmern. Allein, wir schaffen nur noch wenig von Belang.

Die besten Krimis kommen aus Skandinavien. Die besten Drehbücher werden nicht auf Yachten geschrieben. Und die Beatles-Stadt Liverpool ist was anderes als die Bohlen-Insel Mallorca. Ja, mein Gott, die komplette Serie "Californication" handelt von einem Autor, der von New York nach Los Angeles zieht und dort langsam verblödet. Der Rollkragenpulli schlägt im Kulturbetrieb die Bermudas.

Sie, liebe Leser, werden mir für meine These natürlich genügend kluge Gegenbeweise liefern können, aber sehen Sie's mir nach: Ein tiefgründigerer Text war bei all dem Sonnenschein leider nicht drin.

Ozeanschnecken
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