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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Jurassic Volkspark - warum die Liga den HSV braucht

Seit Jahren hat es kein Verein so sehr verdient abzusteigen wie der Hamburger Sport-Verein. Man kann es sich trotzdem nicht wünschen: Diese beispiellos öde Liga braucht den HSV dringender denn je.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

HSV

Wird der Dino am Samstag zum letzten Mal im Volksparkstadion auflaufen? Der HSV steht vor dem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte. 

DPA

Wir alle haben ja diesen einen Freund. Bekannten? Freund. Diese Kategorie, die einem in regelmäßigen Abständen so auf den Zwirn geht, dass man sich fragt, warum man überhaupt Zeit miteinander verbringt. Man regt sich auf. Man zerreißt sich das Maul.
Dann plötzlich ist er zuckersüß - und du schämst dich, überhaupt jemals so schlecht über ihn geredet zu haben.

Bis zu dem Punkt, wo der nächste Mist kommt und du WIEDER GENAU WEIßT, warum...! Das letzte Mal, dass ich so jemanden aus meinem Leben entfernt habe, war 2008. Im selben Jahr bin ich nach Hamburg gekommen. Und der HSV in mein Leben.

Es war jetzt nie Liebe. Aber irgendwie doch der tiefe Wunsch nach Zuneigung. Ich habe mir Trikots gekauft (aufgrund der Vereinsfarben hat der Club seit jeher regelmäßig die schönsten Trikots der - ersten - Liga. Ach, würden sie doch bloß auch so spielen), ich war sogar bei internationalen Spielen (!) im Stadion - und ich habe Uwe Seeler persönlich zum 80. gratuliert! Geholfen hat das auch niemandem. Nicht mal Uwe Seeler.

Himmel, ich fand sogar Rafael van der Vaart cool! Ist allerdings auch schon wieder zehn Jahre her.  Das 4 zu 4 gegen Juventus sogar 18. Da habe ich noch in Castrop-Rauxel gewohnt und fing gerade an, zu arbeiten. So richtig abheben konnte diese Beziehung nie. Dafür braucht es eben mehr, als den Gedanken daran wie es sein könnte. Oder wie es mal war.

Und wenn man ehrlich ist, hat es seit Jahren kein Verein so sehr verdient abzusteigen wie der Hamburger Sport-Verein. Vom VfL Wolfsburg natürlich mal abgesehen.

Selbst der 1. FC Köln hat es fertig gebracht, bei mir von der Shitlist genommen zu werden, sodass es mir glatt leid tut, dass sie runter müssen. Meine mühseligen Hineinverliebungsversuche in den hiesigen Fußballclub entsprangen auch immer dem Gedanken, dass die schönste Stadt Deutschlands doch verdammt nochmal in der Lage sein muss, den Hauptstädtern aus dem Süden zu zeigen, was ein cooler Bundesligaclub ist. Doch, ach: Sie hatten das Potenzial, der FC Bayern des Nordens zu werden und wurden der TSV 1860 München des Nordens. Naja. Fast.

Selbst Uwe Seeler macht sich keine Sorgen mehr

Der Frust misst sich auch immer ein wenig an dem, was möglich gewesen wäre. Man ist als Eltern auch unglücklicher über ein Kind, das mit 'nem Einser-Abitur Lagerist wird, als wenn es auf der Hauptschule war. Wenn das Kind dann wenigstens glücklich ist, geht es ja noch.

Rund um das Volksparkstadion ist niemand glücklich. Sogar oben genannter Uwe Seeler macht sich öffentlich schon keine Sorgen mehr, weil die Sorge so sehr ins kollektive Grundempfinden eingesickert ist, dass es schon in eine Art Duldungsstarre gekippt ist.

Erwachsene können sich kaum noch an Feierstunden erinnern, die nichts mit Relegation und/oder Rettungen in letzter Minute zu tun hatten und müssen im schlimmsten Falle miterleben, wie ihre Kinder in einem unbeaufsichtigten Moment plötzlich mit einem Bayern-Trikot nach Hause kommen. Weil Kinder gerne jubeln und feiern.

Ja, der HSV hat den Abstieg verdient

Ernsthaft: Das kann man seinem Kind doch eigentlich nicht wünschen, HSV-Fan zu sein, oder? Gut, es ist nicht so schlimm wie das Bayern-Trikot zu tragen, aber schlimm schon.

Also, nochmal: Ja, der HSV hat den Abstieg verdient. Und man spürt förmlich, wie der FC St.Pauli im Kerker bereits mit der Blechtasse die Gitterstäbe entlang ratscht und mit semmelroggiger Stimme "Frischfleisch, willkommen in der Hölle!" murmelt.

Es spricht wahrlich nichts für einen Verbleib in Liga eins. Die Uhr im Stadion gehört schon lange abgebaut (oder zur Schuldenuhr umfunktioniert). Wer stets auf das vermeintliche Qualitätsmerkmal besteht, immer schon da gewesen zu sein, den ereilt schnell das Schicksal von Reisebüros und Videotheken - und das irgendwie auch zu Recht. Und der doofe Dino hat ja noch nicht einmal irgendwen umgehauen, so wie der Grotifant.

Allein: Diese beispiellos öde Liga braucht den HSV dringender denn je. Denn wenn es schon nicht mehr zum Jubeln langt, dann kann man die Arme immer noch hoch reißen, um sich an den Kopf zu schlagen. Und das ist ja auch eine schöne Emotion.

Die Geissens der Liga

Die Rothosen sind die Geissens der Liga: Großmannssüchtig genug, um von der Bel Etage ausgelacht zu werden, ballern sie regelmäßig Millionen für Schrott raus und bleiben dabei so herrlich ordinär, dass sich selbst ein Arno Dübel voll damit identifizieren kann. Man guckt Bohlens Berufsschülerabsauungsfabrik schließlich auch nur, weil es einfach befreiend ist, wenn andere noch heftiger scheitern.

So eine Truppe von verlässlich agierenden Versagern lenkt auch immer schön vom eigenen Elend ab. HSV - neben SPD, BER oder Markus Söder stets ein todsicherer Lacher und Gesprächseinstiegsbrecheisen in Cafés. Allein als sozialer Kitt ist dieser Verein unverzichtbar.

Hamburg würde als Großstadt, ohnehin als maulfaul bekannt, komplett anonymisieren. Nein, wirklich: HSV. Wir brauchen dich. Kopfschütteln ist das Headbangen des kleinen Mannes, und es ist doch eh schon alles so öde. Würde sich je einer hinsetzen und sich so einen Text über Hannover, Wolfsburg oder Mainz hinaus drücken?
Eben.

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