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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Dauert nicht lange

Lesen Sie ruhig diesen Text! Das braucht nur ein paar Minuten, Sie verpassen schon nichts. Wir wissen ja, dass Sie nichts so quält wie Müßiggang.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Keine Sorge, Sie haben den Mist hier schnell hinter sich. Ein ehrlicher Einstieg in einen Text, oder? Unlängst fiel mir beim Studium eines Artikels im Internet etwas auf. Direkt unter der Überschrift fand sich eine wichtige Information: „Lesedauer: 4 Minuten“.

Abgesehen davon, dass solch eine Zeitvorgabe ein Schlag ins Gesicht all jener ist, die sich hingesetzt, Gedanken und Mühe gemacht haben, um ein paar intelligente Sätze aneinanderzureihen, ist sie natürlich auch trügerisch.

Mich setzt sie massiv unter Druck. Immer wieder schaue ich beim Lesen auf die Uhr, vergewissere mich, ob ich mich noch in der Regelstudienzeit befinde, hinterherhinke oder dem deutschen Durchschnittsleser gar enteile.

Vier Minuten! Wer soll das schaffen?

Zwei Minuten rum. Ist das jetzt schon die Hälfte des Textes? Bin ich erst auf einem Drittel? Dieser unmenschliche Druck! Jetzt habe ich mich in der Eile kaum auf den Inhalt konzentriert und muss den letzten Absatz noch einmal lesen! Das versaut mir den Schnitt. Vier Minuten! Wer soll das schaffen?

Was ist bloß los mit uns? Wir sind so ruhelos geworden. Immerzu suchen wir nach Ablenkung und neuen Impulsen.

Die bedrohlichste Schlange ist in Mitteleuropa von jeher nicht die Kreuzotter, sondern die an der Kasse im Supermarkt. Immer schon habe ich es gehasst, dort einen Gutteil meines Feierabends verbringen und aus der Ferne Rentnern beim Präsentieren antiker Münzen an der Kasse zusehen zu müssen. Seit man sich aber die Wartezeit gewöhnlich mit dem Smartphone vertreibt, wird meine Frustrationstoleranz noch auf viel härtere Proben gestellt. Weil man in dem vollverbleiten Asbest-Bunker keinen Empfang hat, sondern nur das „E“ für Edge-Verbindung angezeigt wird (Edge wie Ätsch gesprochen). Seien wir ehrlich: Das ist kaum auszuhalten!

Im Stau auf der A 1 dasselbe traurige Spiel. Kein Handyempfang bedeutet doppelte Wut. Früher war es uns doch auch möglich, einfach blöd in der Gegend herumzugucken.

Empfang: leider nur ein Stern. Nicht zu empfehlen.

Man hört bereits von ersten Menschen, die nach einem Restaurantbesuch bei der Bewertung Abzüge geben, weil die Verbindung so schlecht war, dass sie ihren Hauptgang nicht bei Facebook hochladen konnten. Essen: fünf Sterne. Empfang: leider nur ein Stern. Nicht zu empfehlen.

Diese fast panische Angst vor Langeweile (die ja nicht selten die besten Gedanken zutage fördert). Was die Aufmerksamkeitsspanne angeht, hat uns selbst der Goldfisch mittlerweile überholt.

Hört man Podcasts auf dem iPhone, kann man die Geschwindigkeit des Interviews verdoppeln. So kann man sichergehen, möglichst schnell zur nächsten Information hetzen zu können – von der wir dann auch nur die Hälfte behalten.

Weiterwischen, skippen, wegdrücken. Wir optimieren uns munter in die Hektik hinein. Demnächst fangen wir an, ungeduldig mit dem Finger zu schnippen, wenn der Vater beim Erzählen mal wieder nach Worten suchen muss.

Andererseits besteht Hoffnung: In England hat die Vinyl-Schallplatte erstmals die Downloads überholt. Es besteht offenbar eine neue Sehnsucht nach dem Analogen. Eine Platte bedeutet ja auch, sich zu zwingen, mal einen schlechteren Track auszuhalten, sich einer Information auszuliefern. In Ruhe.

Ruhe. Manche Menschen haben die noch. Manchmal.

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