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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Vergiftete Geschenke

Die Kinder sind übersättigt von all den teuren Gaben? Packen Sie ein paar Nieten in den Adventskalender – alter Trick meiner Mutter.

Was ist eigentlich aus den schlichten, simplen Adventskalendern geworden? Den rechteckigen Pappdingern, aus denen Kinder früher brüchige Altschokolade mit weißem Film gepopelt haben. Wird so was überhaupt noch hergestellt? Weihnachtliche Motive sind eh out. Stattdessen gibt es Transformers-, Star-Wars- oder Vin-Diesel-Adventskalender. Vermutlich kann man sich mittlerweile sogar Aliens oder Björn Höcke als Naschkalender ins Kinderzimmer hängen.

Ihr müssen danach die Unterarme gebrannt haben wie nach einem Davis-Cup-Finale im Einzel.

Wo war ich? Ach ja, richtig: das Ende der Schlichtheit. Wir leben in Zeiten akuter Überreizung, da kann man Kindern mit der immer gleichen schnöden Schokoladen-Monotonie nicht kommen. Wer den Begriff Adventertainment ernst nimmt, befüllt eigenhändig 24 Säckchen mit sorgsam ausgewählten Gaben.

Eine mir bekannte Vierfachmutter hat es tatsächlich geschafft, binnen eines Nachmittags ihre Quattrobrut mit diesen Überraschungsbeuteln zu bemustern, was in Summe 96 (sechsundneunzig!) Stück bedeutet. Ihr müssen danach die Unterarme gebrannt haben wie nach einem Davis-Cup-Finale im Einzel. Noch überzeugender kann man christliche Selbstlosigkeit nicht leben.

 Jetzt, da ich es gerade schreibe, bemerke ich, dass meine Mutter eine regelrechte Pionierin war – hat sie doch für meinen Bruder Andy und mich bereits in den Achtzigern solche Gabensäckchen gefertigt. Mit einem geradezu teuflischen Twist: Die so zivilisiert scheinende Frau mit dem Guldenburg-Touch hat uns Kindern doch tatsächlich Nieten unter die Geschenke gemischt!

So konnte es passieren, dass man sich an einem 8. Dezember über Schokolade, ein Fünfmarkstück oder einen Kinogutschein freute, während es am 9. Dezember hieß: "Treppe saugen" oder "Straße fegen" . Schon in früher Kindheit wurden wir so mit dem Konzept der Enttäuschung konfrontiert. Ich würde sogar von einem System erdoganscher Willkür sprechen.

Andy und ich haben es ihr heimgezahlt, indem wir ihr in den nächsten Jahrzehnten Gutscheine schenkten, die so wertlos waren wie Simbabwe-Dollars. Und natürlich haben wir nicht alle Nieten eingelöst. Nach unserem Auszug aus den Kinderzimmern sind 1087 "Treppe saugen"- oder „Rasen mähen“-Zettel nicht etwa verfallen – sondern sämtlich auf unseren Vater übertragen worden. Und anders als wir bekommt der arme Kerl nicht einmal mehr Fünfmarkstücke zum Ausgleich zugesteckt.

Heute verbirgt sich in einem schlichten Säckchen zum 11. Dezember ein Playstation-Spiel, am 19. gibt es ein Fußballtrikot.

Aber zurück in die Gegenwart: Empfinden Sie es nicht auch so, dass diese Adventskalenderbeutel inzwischen physisch und monetär sämtliche Dimensionen zu sprengen drohen? Wir waren damals ja häufig schon mit lackierten Kieselsteinen zufrieden. Glaub ich jedenfalls.

Heute verbirgt sich in einem schlichten Säckchen zum 11. Dezember ein Playstation-Spiel, am 19. gibt es ein Fußballtrikot. Und das, obwohl ja bereits der Nikolaustag eine einzige Enthemmung war. Es gibt Eltern, die kaufen ihrem Neunjährigen Stiefel in Größe 49, nur damit die X-Box reinpasst.

Übrigens: 24 sorgfältig präparierte Beutelchen können nicht nur die Eltern- Kind-Bindung stärken, sondern auch Partnerschaften. Jedenfalls theoretisch. Ich habe von einer Frau gehört, die fand in ihrem eigenen, vom Partner gestalteten Kalender einen Zettel mit der Aufschrift: "Gutschein für 1 Mal bumsen".

Soweit ich weiß, hätte die Beschenkte es vorgezogen, die Straße zu fegen.