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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Schlechter ist besser

Mehr Sport, gesünder essen, weniger trinken – wer seine guten Vorsätze durchhält, merkt, dass sie das Leben nicht lebenswerter machen.

Von Micky Beisenherz

Mehr Sport, gesünder essen, weniger trinken? Nicht Micky Beisenherz!

"Mehr Sport treiben" gehört zu den Top 3 der nationalen Vorsatz-Charts

Ein neues Jahr muss man angehen wie eine strafbare Tat – ohne Vorsatz kommt man später meist besser weg. Außerdem befinden wir uns bereits am Ende der zweiten Kalenderwoche. Das bedeutet für viele Menschen, dass die Beerdigungsfeier für die hochtrabenden Pläne schon eine gute Woche her sein dürfte. Vermutlich inklusive üppigem Leichenschmaus.

Gibt es in Ihrem Bekanntenkreis noch Menschen mit guten Vorsätzen? In meiner Blase werden die gar nicht mehr geäußert, gelten sie sogar als old-fashioned. So wie Dosenmilch, "Lindenstraße" oder Schrankwände.

"Mehr Sport treiben" gehört zu den Top-3 der nationalen Vorsatz-Charts

Und sie haben das Hirn schneller verlassen als der Weihnachtsbaum das Heim. Schon mit der Hantelbank-Empirie lässt sich sagen, dass "mehr Sport treiben" auch in diesem Jahr wieder unter den Top-3 in den nationalen Vorsatz-Charts rangieren dürfte. Und so ist es auch. Die Gyms quellen über wie die Spandexhosen, in denen die angehenden Besserleber ihre Ambitionen verfluchen.

Im Februar ist dann schon wieder Platz. Bevor es drei Tage vor Beginn der Freibadsaison noch mal kurzfristig zu letzten Zuckungen kommt. Buchstäblich.

Im Mittelfeld der Charts liegt traditionell der Wunsch: "gesünder ernähren". Ein Ziel, das heutzutage etwas leichter zu erreichen ist als früher, einfach wegen des besseren Angebots. Noch vor wenigen Jahren hieß "gesünder ernähren" so viel wie: mehr Kartoffeln zum Schwein. Da gab's auch noch keine "schlechten Fette". Fette waren immer gut, weil lecker, und auch Butter war immer "gute Butter", weil: Es hätte ja auch Margarine sein können.

Wo war ich? Zumindest schon mal der Abnehmwunsch selbst hat abgenommen (um 3 Prozent auf jetzt 30 Prozent). Das mag auch daran liegen, dass ein Gutteil der Bevölkerung ohnehin ganzjährig das Projekt "Selbstoptimierung" betreibt. Ein lupenreiner Etikettenschwindel. Legt der Begriff Optimierung doch nahe, dass es nur noch kleinerer Verbesserungen bedarf. Was beim Anblick vieler Eigenoptimierer als postfaktisch durchgehen dürfte.

Vielleicht haben viele aber auch schlicht aufgegeben. Statistisch gesehen sind ja nur circa zehn (!) Prozent der guten Vorsätze nachhaltig. Apropos Prozente: Platz 10 der Charts, "weniger Alkohol", hat sich meist schon mit Abklingen des Neujahrskaters erledigt.

Weniger Stress – wie soll das gehen?

"Weniger fernsehen" (Platz 9) ist leicht umzusetzen – man guckt eh auf dem Tablet oder dem Handy.

Und Platz 1 spiegelt tatsächlich mal einen gesellschaftlichen Trend wider: Die Menschen wollen "weniger Stress"

Stress. Eine Volkskrankheit, die es vor ein paar Jahren noch gar nicht gab. Und ein Platz 1, der so weder in Nigeria noch im Sudan oder in Syrien zu finden ist. Haben die es gut.

Weniger Stress. Wie soll das gehen? Zwischen all den zusätzlichen Fitnesskursen, dem stundenlangen Abklappern von Biomärkten, der elendigen Pendelei zwischen Kalorien-, Kohle- und Kohlehydratezählen. Pausen gibt es keine, denn das letzte bisschen Freizeit geht jetzt drauf für einen Zweitjob, weil der Superfood-Mist locker ein zusätzliches Gehalt kostet. Bereits Mitte des Jahres siehst du aus wie irgendwas, das Cousteau früher aus dem Meer gezogen hat.

Was war das doch für ein herrlich entspanntes 2017. Mit Chips auf der Couch vor dem Fernseher QVC gucken und dabei auf dem Handy facebooken. Mit 'ner guten Flasche Rioja. Herrlich.

Aber du Trottel musstest dir das alles ja streichen. Das Leben – ein Teufelskreis.

Fitnesscoach Ben
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