HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: #Gagshaming - es gibt kein richtiges Lachen im falschen

Mit dem Humor ist es in Deutschland eine schwierige Sache: Man darf bloß keinem wehtun - soll aber gleichzeitig Haltung bewahren. Micky Beisenherz findet dagegen: Comedy soll vor allem lustig sein.

Micky Beisenherz über #Gagshaming

Micky Beisenherz über #Gagshaming

Wenn Autisten bei einem Gag die Wut packt, kann man das als therapeutischen Dienst berechnen?
Aber dazu später mehr. Oder auch nicht. Erst einmal zu meiner Wut. Speziell in den sozialen Netzwerken regt mich kaum noch etwas auf:
- Nazi-Posts
- Katzenbilder
- Fake-Weiber mit Dreifachnamen
- -Sonnenbrillenrabatte
- Runtastic-Posts
- weinerliche Berlin-Mitte-Bloggerinnen.

Wobei ich mir bei Letzteren nicht so sicher bin, teilte ich doch unlängst eine amüsante Alltagsbeobachtung, gänzlich fern jeglicher Ideologie: "Um zu zeigen, wozu zu viele Süßigkeiten führen, warf meine Schwägerin im Beisein der die Google-Bildersuche an. In der Suchleiste: 'dick'. Das war ein Fehler.“ So weit, so wahr, so lustig. Fanden viele andere auch. Denn leider kann die Suchmaschine Englisch.

Ein Kommentar zu dem vermeintlich unverfänglichen Post allerdings stieß mir dann doch übler auf, als ich hätte ahnen können. Eine junge Frau schrieb: "Du solltest es besser wissen, dass Fatshaming, das Erwachsene propagieren, Kinder nachahmen. Ich finde es sehr bezeichnend und armselig, dass du für diesen Post auch noch Likes bekommst. Zum Glück nur sehr wenige. Dieser Beitrag ist Fatshaming vom allerübelsten, der bereits dem Nachwuchs anerzogen wird." Fatshaming? Wat?

Abgesehen davon, dass ich mir beim Lesen von Neo-Kniggerismen wie #fatshaming, #bodyshaming oder #ableism immer besonders alt vorkomme, packte ich mir erst an den Kopf - und dann mich die Wut. Was zur Hölle... ? Wie kann man allen Ernstes auf die absurde Idee kommen, hier würde es darum gehen, dicke Menschen zu verunglimpfen.

Andererseits ist dieser Fall sehr typisch für die Art, wie in jeder noch so simple Gag (der in diesem Falle ja nicht mal einer war) auf seinen humoristischen Rechtsanspruch überprüft wird.

Hier sollen Dicke diskriminiert werden!

Der Konsument hört die ersten Worte, dann folgt der Trigger, und der Rest wird erst gar nicht mehr wahrgenommen. "Scheiß auf die Pointe, hier geht es um MEIN Thema!" Dass die Geschichte in eine ganz andere Richtung zielt, spielt überhaupt keine Rolle! Nein, hier sollen Dicke diskriminiert werden!

Abgesehen davon, dass ich dick sein für ungesund halte, hätte ich mich schon gefreut, wenn die gute Frau den Kopf noch so frei gehabt hätte, um am Ende über den unerwarteten Ausgang der Geschichte lachen zu können.

Es scheint uns nicht mehr gegeben zu sein. Das Ärgerliche daran ist unter anderem, dass diese Hypersensibilität dazu führt, dass tatsächlich mal zu beredende Missstände durch diese Befindlichkeitsinflation völlig in den Hintergrund gedrängt werden. Wie in dem Märchen von dem Jungen, der immer "Wölfe!" ruft. 

Bloß keinem wehtun! 

Betroffenhype macht taub. Jeder hat sein Thema, jeder macht aus allem eine persönliche Angelegenheit, ja, startet seinen persönlichen Feldzug, weil: Das ist Humor in Deutschland. Bloß keinem wehtun! Aber gerne mit "Haltung".
Dabei ist Verarsche doch die größtmögliche Form der Integration. Kein Behinderter ist von einem Gag je behinderter geworden - sehr wohl aber wurde er mehr in die Mitte der Gesellschaft gerückt. Wenn alle gleich viel abbekommen, kann von Diskriminierung keine Rede sein.

Ein Freund teilt das sehr, sehr lustige Video, in dem ein BBC-Mann seine große Stunde wähnt, während herein platzender, tobender Nachwuchs und die panische Frau seinen Auftritt als seriösen Experten gnadenlos torpedieren. Komik aus dem Lehrbuch. Komödie. Tragödie. Alles drin. 

Wo ist die Haltung?

Man könnte jetzt befreit lachen. Nicht so im Jahr 2017. Nur wenige Minuten nach dem Veröffentlichen entbrennt eine heiße Debatte darüber, wie man denn ein so kinderverachtendes Video online stellen kann, außerdem denkt ja niemand an die arme Nanny und wieso überhaupt muss die Latina die Nanny sein und darf nicht etwa als Ehefrau gesehen werden! Ja, was für ein sexistischer, rassistischer, kinderfeindlicher Dreck! #sexism, #racism, #kiddieshaming, #whateverism. Es ist zum Heulen, ehrlich. Gagshaming vom Allerfeinsten.

"Kommen ein Jude, ein Palästinenser und ein Nazi in eine Bar. Sagt der..."  "Halt! Moment! Warum sitzt da keine Frau mit am Tisch!!!" Der Deutsche Michel ist zum Timm Thaler mutiert - kommt sich dabei aber wenigstens sehr wichtig vor.

Zuletzt bemerkt in einer unsäglich dämlichen Kritik in der "Süddeutschen Zeitung" zum Thema #Goslinggate (Himmel, immer diese Hashtags), die Joko & Klaas ernsthaft vorwarf, bei aller technischen Exzellenz "nach unten zu treten", weil "der Feind" - das Deutsche Fernsehen - ja quasi am Boden liege. Und wo sei denn eigentlich die Haltung bei der ganzen Sache? Hä?

Da fehlt die Metaebene

Wer Haltung sucht, soll zum Orthopäden gehen. Vielleicht reicht es irgendwann mal wieder, einfach nur lustig zu sein. Vor allem in Zeiten, in denen hoch gepriesene Sendungen vor Haltung zwar nur so strotzen, aber irgendwann vergessen haben, dass man auch in kabarettistischen Sendungen durchaus auch mal lachen können sollte.
Warum reicht es nicht mehr, dass zwei gute Typen sich gedacht haben: "Ey, wir gucken mal, wie weit wir mit der Nummer kommen." War Hape Kerkelings großer Wurf damals etwa schon #royalshaming? Haben wir eigentlich alle einen an der Pfanne?

Fünf Minuten lachen, fünf Tage lesen, warum man das aus humorarchitektonischen Gründen nicht darf. Stellen Sie das Schenkelklopfen ein - der HÜV hat es nicht abgenommen. Da fehlt ja auch total die Metaebene.

Und wenn die Kritik schon panisch nach einem Erkenntnisgewinn in der puppenlustigen "HalliGalli"-Maz sucht, darf sie gerne sehen, dass man bei #Goslinggate erstmals öffentlich belegt weiß, dass deutsche Preisverleihungen grundsätzlich jeden internationalen Star ehren, der gerade in der Stadt ist. Grimme-Preis! Sofort! Für Sätze wie "wenn Ryan Gosling keine Goldene Kamera bekommt, bekommt die Goldene Kamera keinen Ryan Gosling" hätten sie allemal einen verdient.

Die Amis haben halt Ahnung von Comedy

Comedy braucht keine Haltung. Comedy soll lustig sein, verdammte Kacke. Conan O'Brien hat das begriffen - er hat die Nummer in seiner Show gefeiert und sogar sauber weiter gesponnen. Aber die Amis haben halt Ahnung von Comedy. Sonst hätten sie wohl auch kaum Trump zum Präsidenten gemacht.

Wo wir eh gerade bei Primaten sind: Es ist wohl nur in Deutschland möglich, über einen Film wie "Kong" eine rammdösige "Spiegel"-Rezension zu lesen, die dem Film mangelnde Ernsthaftigkeit und zynischen Umgang mit den spektakulär sterbenden Figuren vorwirft. Ja, Zapperlot! Ist es möglich! Das hätte man von einem Film mit einem 50 Meter große Affen ja nun wirklich nicht erwartet. 

Bei Wim Wenders wird mir wiederum grundsätzlich zu wenig geballert. Jeder einzelnen Vorwurf in dem dauerbeleidigten Nonsens hat mich im Übrigen noch heißer gemacht, diesen wunderbaren Streifen endlich zu gucken. Lediglich den Vorwurf des #monkeyshamings habe ich noch vermisst.
Die deutsche Humorlandschaft ist wie eine Allee von Stromkästen in : Irgendeiner ist immer angepisst.

Das "Imitat" von Schauspieler Ryan Gosling