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M. Beisenherz – Sorry, ich bin privat hier "Person des Jahres": Natürlich Greta. Wer denn sonst?

Micky Beisenherz über Greta Thunberg
Das "Time Magazine" hat Greta Thunberg zur "Person of the Year" gewählt Wen denn sonst?
© Pedro Rocha/AP/dpa
Das "Time Magazine" hat Greta Thunberg zur "Person of the Year" gewählt. Egal wie man zu ihr steht: Die Entscheidung ist folgerichtig, findet Micky Beisenherz.

Greta Thunberg ist dem "Time Magazine" zufolge "Person of the Year". Die erwartbaren Reaktionen darauf ließen nicht lange auf sich warten. Mit dem wütenden Grollen eines V8-Motoren nahm die "Fuck you Greta"-Aufkleber-Bürgerwehr dieses Titelblatt zur Kenntnis.

Natürlich nicht ohne die sarkastische Feststellung, dass dieses Label bereits Personen wie Adolf Hitler oder Josef Stalin zuteil wurde. Da glühten die Tränenlachsmileys auf den Smartphones. Gleichwohl, als Donald Trump letztes Jahr auf dem "Time Magazine" prangte, war der Vergleich mit den beiden Diktatoren natürlich eine beispiellose Entgleisung der Linksfraktion.

Nur, jetzt meine Frage: Wer bitte soll es denn sonst sein, wenn nicht Greta? Und, nur, um das hier noch einmal ganz deutlich zu sagen: Der Preis wird nicht nach Sympathie vergeben, sondern nach dem Einfluss, den die jeweilige Person auf die Gesellschaft, ja, die Welt hat. Und jeder, der an der Supermarktkasse bei der Frage nach der Tragetasche zerknirscht "Papier" antwortet oder Skrupel hat, seine zahlreichen Flugreisen cool bei Instagram zu posten, weiß, dass es niemand sonst sein kann.

Welche Bedeutung Greta hat, durfte unter anderem auch ein Komiker erfahren, dessen süffisante Auseinandersetzung mit der kultischen Verehrung der jungen Schwedin ihm eine Imagekorrektur einbrachte, die ihn bei manchen so beliebt machte wie eine Ölpest oder die Tepco-Sicherheitsinspekteure. So ein Feedback hatte er zuletzt, als er den Islam kritisierte - wenngleich die Muslime etwas gemäßigter schienen.

Selbst der US-Präsident ließ es sich nicht nehmen, auf die Wahl der CO2-Malala zu reagieren, und sein Spott dürfte mehr als Bestätigung ihrer Relevanz sein. Egal, ob pro oder contra - eine gemäßigte Bewertung der Person Thunberg scheint kaum möglich. Die Auseinandersetzung mit der jüngsten Titelträgerin ever driftet zuweilen ins Absurde ab. Worte wie "you have stolen my childhood" sind auf der Oberfläche natürlich wenig belastbar, wenn man sie beispielsweise mit der wenig freudvollen Jugend in Aleppo vergleicht. 

Dennoch kommt es doch reichlich jägerzaunhaft daher, diese Metapher gleich mit Fotos zu kontern, auf denen dieses verlogene Gör in ihrer Besserverdienerbude auf einem Eames Chair lümmelt. Als hätte ein Teenager aus dem gehobenen Mittelstand kein Anrecht, sich eine lebenswerte Zukunft zu erstreiken oder auf ein wenig Pathos.

Greta Thunberg hat ungeheuren Einfluss

Gleichwohl finde ich es argumentativ schwach, sich einerseits über die Macht der von Greta angeschobenen Bewegung zu freuen und bei inhaltlicher Kritik darauf empört zu verweisen, dass es ja noch ein kleines Mädchen sei. Ja, diese junge Frau aus Stockholm hat ungeheuren Einfluss. "Aber, halt!" ruft da der ein oder andere, "wenn die doch so einflussreich ist - wie kann es denn sein, dass erstmals mehr als eine Million SUVs neu zugelassen wurden, hm?! Das ist Rekord!" Dazu sollte man wissen, dass - neben seiner außerordentlichen Stumpfheit - vor allem der Trotz die herausragende menschliche Eigenschaft ist. Oder, um es mit dem großen Philosophen Wolfgang Joop zu sagen: Jeder Trend hat den Gegentrend schon in der Tasche.

Wenn man sieht, wie sehr die moderne Madonnengestalt Greta die Massen spaltet, erscheinen mir Hubraum-Hamsterkäufe wenig verwunderlich. Ähnlich den USA, wo jede Diskussion über verschärfte Waffenkontrollen nur dazu führt, dass Mami beim Gang zum Bäcker neben vier Donuts noch nen 6er-Träger Sturmgewehre mitnimmt - wer weiß, wann man nicht mehr darf! Gut, sicher. Waffen lassen sich etwas besser verstecken. Bei Geländewagen, die mittlerweile eine Größe haben wie ein Townhouse mit drangeflantschten Reifen ist das schwer vorstellbar.

Ein ökologischer Fußabdruck, so klein wie Trumps Hände

Ja, auch ich - als Fan alter Autos - habe einen alten Range Rover. Den ich selten fahre. In erster Linie, weil englische Autos einfach unzuverlässiger Technikschrott sind. Zum anderen aber auch, weil ich die meisten Strecken mit der Bahn fahre und mir deshalb einbilde, einen ökologischen Fußabdruck zu haben, so klein wie Trumps Hände. (Allein 3000 km in den letzten vier Tagen. Es hat nicht einmal auch nur ansatzweise planmäßig funktioniert.)

Das ist vermutlich ein wenig alberner, als mir lieb ist, zeigt aber auch, dass das Thema Klima sich viel wirkungsvoller in mein Sichtfeld geschoben hat. Selbst, wenn mir manche Ausprägung des Aktivismus etwas arg balenciagaartig daher kommt. Das Klima ist kein Ugly Sneaker für eine Saison. Ich fahre weniger. Ich fliege weniger. Ich esse weniger Fleisch. Ich quäle mich nach dem Einkaufen mit diesen beschissenen Papiertüten herum, die für gewöhnlich schneller reißen als das Nervenkostüm von Fler bei einer Polizeikontrolle.

Vor allem deshalb, weil es mir nicht weh tut. Am Ende bleibe ich nach allen gängigen Standards immer noch eine ziemliche Klimasau. Dass ich aber ein Bewusstsein für das Thema Klimawandel entwickelt habe, verdanke ich zuvorderst Greta (sorry, Al Gore.) Ja, gewiss, wer regelmäßig im Supermarkt klauen geht, macht es kaum besser dadurch, dass er es bei vollem Bewusstsein tut, aber hey: Der Pflock ist eingeschlagen. Und das ist der Verdienst dieses Mädchens, das sich dieses Titelbild wahrlich verdient hat. Like it or not.


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