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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Bleibt alles anders

Im Januar tendiert der Mensch zur biografischen Neuerfindung. Aber lohnt sich der Verwandlungsaufwand überhaupt?

Von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Sind wir ehrlich: Silvester ist der größte Blender unter den 365 Tagen im Jahr. Noch um Mitternacht steht man mit Sektflöte auf dem Balkon und freut sich darauf, dass im nächsten Jahr alles anders werden möge. Spätestens am 2. Januar ist dann alles wie immer – nur mit einem Stapel Rechnungen.

Wenig überraschend, dass sich viele sagen: Wenn sich schon die Welt um mich herum nicht ändert, dann muss ich mich eben selbst wandeln. Nicht mehr rauchen, dafür mehr Sport machen. Und wer heutzutage noch Kuhmilch trinkt, verletzt in Teilen Berlins ja schon fast religiöse Gefühle! Doch: Lohnt es sich eigentlich, sich noch mal "neu zu erfinden"?

Bei mir zum Beispiel geschehen die Dinge selten vorsätzlich, sondern eher beiläufig. Dafür dann nachhaltig. So habe ich schon mit 16 mit dem Rauchen aufgehört, als mir auffiel, dass ich nicht mehr nur "Partyraucher" war, sondern tatsächlich regelmäßig qualmte.

Alkohol konsumiere ich nur noch selten, seitdem ich bemerkt habe, dass man gemeinsame Abende auch gut bestreiten kann, ohne sich für dreistellige Beträge zu sedieren.

Und eines Morgens vor nicht allzu langer Zeit ging ich in einen inneren Dialog, an dessen Ende ich feststellte, dass sechsmal die Woche joggen gehen auch Quatsch ist. Jetzt sind es nur noch dreimal, und wie ein Sack Erdnussbutter seh ich trotzdem nicht aus.

Das neue Ich schreit nach Aufmerksamkeit

Aber ist solch ein Selbstneuentwurf auch automatisch eine Erfolgsgeschichte? Schwer, das allein zu beantworten. Schließlich sollte die bessere Version meiner selbst ja nicht nur mir, sondern auch allen anderen auffallen. Da muss man schon einen gewissen Aufwand betreiben.

Wie lange haben wir gebraucht, um dem Moderator Dieter Moor endlich seinen neuen Namen Max Moor zuzugestehen?

Warten wir nicht täglich darauf, dass der um 70 Kilo erschlankte Tetje Mierendorf endlich wieder "der lustige Dicke" wird?

Und was zur Hölle ist eigentlich mit Kanye West passiert? Eine eigene Kirche gründen? Wirklich?

Wie eine gelungene Metamorphose tatsächlich funktioniert, hätte West mal besser im eigenen Familienkreis studiert. Vor wenigen Jahren hatte sich sein Schwiegervater Bruce Jenner für das weibliche Geschlecht entschieden und sorgt seither als Caytlin Jenner dafür, dass es bei den Kardashians wenigstens eine sympathische Frau gibt.

Unerreicht, wenn es darum geht, einer breiten Öffentlichkeit zu beweisen, dass man eine spektakuläre Entwicklung hinter sich hat, ist Marius Müller-Westernhagen. Von vielen allein schon dafür verhasst, dass er nicht Grönemeyer ist, hat sich der Sänger vom Bierbecher-Jagger über das Dasein als Stadion-Großereignis zu einer Art Edelkauz gewandelt, der in seltsamen Fantasie-Uniformen in Fernsehstudios vor sich hindenkmälert.

Bei Westernhagen buchen viele lieber den Imitator

Gerade weil er mir nicht unsympathisch ist, frage ich mich schon, was eigentlich genau die Idee dahinter ist, aus sich selbst einen deutschen Johnny Cash zu machen, seinen größten Hits auch noch den letzten Dampf auszutreiben und darauf zu hoffen, dass die Fans diesen künstlerischen Weg brav mitgehen.

Angeblich buchen viele mittlerweile lieber den Imitator, weil sie bei dem wissen, dass der auf jeden Fall die Hits spielt. Er ist das Original, das Westernhagen selbst nicht mehr sein mag.

Vielleicht auch ganz tröstlich für viele: Es macht gar keinen Sinn, sich neu zu erfinden – man war vorher schon nicht besonders originell.

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