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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Die Moral-Schufa kommt - von der Freiheit, schlecht zu sein

China arbeitet daran, den "ehrlichen Menschen" heranzuziehen. Gute Taten werden auf einem Punktekonto gesammelt. Wie wäre es, wenn wir diese Regelung in Deutschland einführen - dem El Dorado des Denunziantentums?

China

Ich China ist ein Pilotprojekt gestartet, das an dem "ehrlichen Menschen" arbeiten.

Jeder, der schon einmal gezwungen war, aus einer aus- oder in ein Flugzeug einzusteigen, wird den Traum von einer besseren Gesellschaft schnell aufgegeben haben.

Was aber, wenn respektvoller Umgang und rücksichtsvolles Verhalten nicht nur ein nettes Accessoire sind, sondern ernsthaft über Kreditwürdigkeit oder einen Platz im Zugabteil entscheiden? Wenn Sie diesen Text lesen können, weil sie heimlich bei Ihrem Nachbarn W-Lan schnorren, fehlen Ihnen bereits jetzt 5 Punkte. Ich sag's nur vorweg.

Der Chinese als solcher taugt natürlich hervorragend für billige Witze irgendwo zwischen Kopierer und Hundefutter. Vielmehr aber ist China zur Glaskugel geworden, die uns einen Blick in die Zukunft erlaubt. Und die ist in etwa so sonnig wie der Himmel über Peking.

Gestern Abend noch erzählte mir der -Korrespondent des stern beim Essen - ohne dass man im Westen groß Notiz davon genommen hätte - von einem ziemlich spektakulären Pilotprojekt, welches die Regierung des Reichs der Mitte in rund 30 Städten gestartet hat. Städte wie Rongcheng (mit rund 600.000 Einwohnern in etwa so große wie zum Beispiel Dortmund), die gemeinsam mit einer App an dem "ehrlichen Menschen" arbeiten. Die Grundlage dafür bildet ein Punktesystem. Jeder Mensch hat 1000 Punkte auf seinem Konto. Je nachdem, wie er sich verhält, kann er also im Ranking steigen oder heftig absinken. Von AAA bis runter zu D.

Triple A belohnt vorbildliches Wohlverhalten dahingehend, dass man zum Beispiel auf einem Leihfahrrad stundenlang gratis fahren kann. Natürlich ohne Kaution zu hinterlegen - man ist ja offenkundig ein guter Mensch. Die Kategorie D hingegen kann teilweise nicht mal mehr nen buchen, darf sich aber sicher sein, künftig noch schärfer überwacht zu werden- schließlich gilt man für alle einsehbar als unehrlich.

Wie komme ich also an meine Punkte? Die Eltern zu besuchen zum Beispiel kommt gut. 5 Pluspunkte. Bücher rechtzeitig zurück bringen. 5 Pluspunkte Den Alten helfen, sie zum Arzt bringen. 5 Pluspunkte.

Die sittliche Bonität nimmt Schaden

Minuspunkte bringen Dinge wie Schneeschaufeln vergessen, Müll auf die Straße werfen oder bei Rot über die Straße gehen. Dank Kameras und Gesichtserkennung ist das Ticket eh oft schneller zuhause als man selbst. Nur, dass man jetzt nicht mehr nur gleichgültig bezahlt. Nein, jetzt wird es ernst, denn du als Mensch wirst runtergestuft. Deine sittliche Bonität nimmt Schaden.

Es ist eine Zukunftsvision, die Gesellschaft, die schon jetzt nach dem Kodex einer Art Moral-Schufa lebt und bereits 2020 flächendeckend das chinesische Volk erziehen soll. Was nicht ganz stimmt, denn: Die Menschen erziehen sich gegenseitig, maßregeln sich und machen zur Not Meldung, wenn es denn sein muss. Wobei mir jetzt gerade nicht bekannt ist, ob die Mitteilung über Fehlverhalten eines anderen zusätzliche Punkte bringt - oder eine Petze sogar welche abgeben muss. Was bei einem repressiven Regime wie dem chinesischen aber unwahrscheinlich sein dürfte. Ein Staat, in dem der Begriff "Vertrauen" in etwa so geläufig ist wie der TÜV.

Ich bin gemeinhin ein recht stumpfer Geselle. Dies alles aber hat mich doch etwas erschaudern lassen. Eine bereits reale Dystopie, irgendwo zwischen George Orwell, Charlie Brooker und irgendwas von Xavier Naidoo.

Der Mensch ist des Menschen Wolf, schon klar

Mich hat es damals schon erschreckt, als ich bei meinem ersten Australien-Besuch feststellen musste, dass man Down Under sich als Volk freiwillig zum Tragen von Fahrradhelmen verpflichtet hat und du an jedem öffentlichen Ort mehr Verbote findest als tödliche Tierarten. Und das will dort was heißen. 

Ein netter australischer Bierfreund erklärte mir damals, dass die Aussies das als eine Art freiwillige Selbstkontrolle bräuchten, da sie sich ohne Verbote gegenseitig besoffen die Schädel einschlagen würden. Das leuchtete mir ein. Vielleicht auch deshalb die Helmpflicht.

Ja, der Mensch ist des Menschen Wolf, schon klar. Und kein Mensch ist von Natur aus gut. Schon immer war eine übergeordnete Strafinstanz vonnöten, um Schlimmeres zu verhindern. Egal, ob Gott, Allah oder das Grundgesetz. Ansonsten wäre es einfach zu verlockend zu sagen: "Das von dem Heinz von nebenan gefällt mir. Ich glaub, ich klopp dem die Hirse zu Brei und nehm das selbst. Top! So mach ich's!"

Höflichkeit ist ein Luxusartikel

Ich bin kein Sinologe, womöglich ist es anders kaum möglich ein Milliardenvolk anders zu lenken oder disziplinieren. Sind wir ehrlich: Höflichkeit zum Beispiel ist ein Luxusartikel unserer westlichen Zivilisation, der einzig und allein auf ausreichend Raum für jedermann basiert. Wie schnell dieser dünne Firnis an Benimm reißen kann, sehen wir regelmäßig bei jedem Einstieg in öffentliche Verkehrsmittel, bei Media Markt Eröffnungen oder an Primark-Grabbeltischen.

Also vielleicht doch eine Gesellschaft, in der die Menschen in einer Art stillem Wettbewerb nett, freundlich und rücksichtsvoll sind? Müll trennen. 5 Pluspunkte. Auf dem Weg zur Arbeit Menschen im Auto mitnehmen. 5 Pluspunkte. Einen Flüchtling beherbergen. 5 Pluspunkte.

Klingt doch erstmal gut. Wenngleich ich auch Menschen kenne, die ohne Weiteres höhere Versicherungsprämien oder teurere Flugtickets in Kauf nehmen würde, nur um nicht ihre Eltern besuchen zu müssen.

Ein Frankenstein aus Payback- und Karmapunktekonto

Sind wir nicht ohnehin schon eine Gemeinschaft von Menschen, die sich pausenlos bewertet, liked oder rankt? Bringen wir einen Ebay-Artikel nicht schneller zur Post in der Hoffnung, eine gute Bewertung zu bekommen? Drängen wir uns nicht immer wieder auf ein Foto mit einem Instagram-Höchstleister, um von dessen Follower-Ruhm zu profitieren?

"Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt." Und wenn wir uns da schon kaum noch frei fühlen, so ist das chinesische Modell mir zutiefst unheimlich. Wir argwöhnen ja schon und unterstellen dem Amerikaner unterschwellig einen flachen Charakter, nur, weil er stets oberflächlich freundlich ist. Als sei oberflächliche Unfreundlichkeit der Ausweis größerer Tiefe. Uns droht ein aus Payback- und Karmapunktekonto.

Am Ende halte ich sogar die Freiheit, ein Arschloch zu sein, für mehr wert als ein enges Korsett des Wohlverhaltens. Ich will nicht dem Busfahrer Trinkgeld geben oder fremde Hundekacke vom Bürgersteig entfernen, nur um mich aus dem Moraldispo zu freundeln. Lieber träume ich davon, dass die Menschen aus sich selbst heraus gut und hilfsbereit sind. Auch wenn die Vorstellung reizvoll ist, dass Maschmeyer oder Bohlen nicht mal mehr mit dem Regionalexpress fahren dürften.

Deutschland, das El Dorado des Denunziantentums

Welche Freiheit geben wir bereits jetzt auf, wenn wir irgendwelche Armbänder tragen, die unsere Vitalfunktionen tracken - bis irgendwann die Versicherung anruft und ankündigt, die Krankenhauskosten nicht zu übernehmen. Man kann ja sehr gut sehen, dass man sich die letzten Jahre weniger bewegt hat als das Matterhorn.

Und nehmen wir mal an, dass die Chinesen in der Regel recht gleichgültig sind. Was bitteschön ist erst einmal los, wenn dieses Punktesystem das El Dorado des Denunziantentums, Deutschland, erreicht. Ein Land, in dem du keine zwei Minuten irgendwo stehen kannst, ohne dass irgendein Typ in einer Cargo-Hose vorbei kommt, um dir zu sagen, dass du hier nicht sein kannst. Um Gottes Willen.

Schon jetzt scheinen soziale Netzwerke nur noch dazu da zu sein, damit Screenshots von verbalen Unglücken oder gar Entgleisungen gemacht und zur allgemeinen Empörung entsprechend weiter veröffentlicht werden. Kaum lässt du deine Kinder mal mit der AK47 im Garten spielen, ruft der Nachbar schon das Jugendamt an.

Vielleicht gibt es auch einfach nur einen Stern

Wäre aber selbst das noch irgendwie zu ertragen, was aber - und da kommen wir wieder zurück zum Ausgangsregime -, wenn der politische Wind sich dreht? Wer legt fest, welches Verhalten "ehrlich", "freundlich" und "moralisch" ist?

Unpatriotische Filme schauen. 5 Minuspunkte. Regimekritische Nachbarn besuchen. 10 Minuspunkte. Einen Flüchtling beherbergen. 20 Minuspunkte.

Vielleicht gibt es auch keine Punkte, sondern einfach nur einen Stern. Im Zweifel auf der Brust. Freundlich lächelnd in den Käfig. Vielleicht machen die Chinesen doch erstmal ohne uns weiter.

Ganz ehrlich: Im Grunde genommen bin ich natürlich nur dagegen, weil ich das "Was ist was"-Dinosaurier-Buch, das ich mir 1984 im Kolbe-Haus geliehen habe, nie zurück gebracht habe.

Kolumne zu Ende gelesen. 5 Punkte.

P.S.: Vielen Dank für das inspirierende Gespräch, Janis Vougiokas. Außerdem war der interessante Artikel von Kai Strittmatter in der "SZ" die 1,99 Euro "Rechercheaufwand" mehr als wert.