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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Frohes Neues, ja

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Frohes Neues, ja
Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Drosten macht Pointen auf Twitter, die Ersten prahlen mit Impfung Nummer vier. 2022 wird ein gutes Jahr, hofft Micky Beisenherz.

Früher, als Talkshows noch Saalpublikum hatten und man sich mit Sätzen wie "Schwimmbäder und Spielplätze werden geschlossen, aber DAFÜR ist Geld da!" Szenenapplaus abholen konnte, war man stets gut beraten, darauf hinzuweisen, dass "der Humor von Loriot unerreicht" sei.

Besserung der Umstände

Dem Meteorologen der gesellschaftlichen Großwetterlage hätten diese ja nun doch auch tragikomischen Zeiten vermutlich gefallen. Und wie in dem berühmten Sketch mit dem schiefen Bild lernen wir, dass die Hoffnung auf Besserung der Umstände durch kleinere Veränderungen trügerisch ist. Da drehen wir artig am Zählwerk, von 2019 auf 2020, von 2020 auf 2021, von … Sie wissen schon – und das neue Jahr wagt es, partout nicht besser zu werden als das andere.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.

Erinnern Sie sich noch, als damals Menschen mit Pappschildern vor Sendezentren demonstriert haben, weil in lustigen Liedchen unsere Oma als Umweltsau geschmäht wurde? Das waren Probleme. Die Beschwerden auf den Pappen ändern sich, die Leute bleiben gleich, so scheint es. Euro-Rettung, Flüchtlingskrise, Corona-Diktatur. Pandemische Europäer gegen die Impfung des Abendlandes. Doch nicht nur die Leute bleiben gleich – die Debatten darum auch.

Haben wir das nicht alles schon 2015 so besprochen? Wo endet das Verständnis für Sorgen und Nöte, und wo beginnt der Schlagstock zu jucken? Sicher ist: Wer sich an Silvester fragt, ob die Krawatte zur "Ungeimpft"-Binde passt, hat seinen Anspruch auf Gehör jedenfalls verwirkt. Jetzt kann man natürlich sagen, dass man eine laute Minderheit grundsätzlich ignorieren könne oder sollte – durch eine solche allerdings ist ein gewisser Karl Lauterbach auch zum Minister geworden.

Alles Gute an den neuen Gesundheitsminister

Gut, okay, die Leute waren andere, die Pappschilder Hashtags und das Ansinnen deutlich wissenschaftsaffiner und von geradezu irritierender Zuneigung geprägt, dennoch: Die Wirkmacht diskursiver Sardinenschwärme hat 2021 womöglich ihren Höhepunkt erlebt. Dem neuen Gesundheitsminister kann man nur alles Gute und bestmögliches Gelingen wünschen. War er doch derjenige, der sich in die Herzen seiner Fans gewarnt hat und kaum, dass er auf der Regierungsbank Platz genommen hatte, zum Zauderlehrling wurde.

Bleibt zu hoffen, dass diese fast irrationale Liebe zu dem knuffig leiernden Pandemiepopper nicht in bittere Enttäuschung umschlägt, kaum dass er ein bisschen zu abwartend und zögerlich daherkommt. Das geht ja schnell heutzutage. Eben noch gefeierter Held auf der Bühne, nächste Woche an der falschen Stelle mitgelacht und Co-Schwein. Fast komisch, dass es nicht selten dieselben sind, die einerseits die Rückkehr zu "Sachthemen" fordern und gleich bei der nächsten Gelegenheit den absoluten Unwillen offenbaren, Sachverhalt und Person sauber zu trennen.

Mehr Toleranz für öffentliches Tasten

Da werden öffentliche Figuren schnell zu Tontauben, die Etikettiermaschine rattert und die Schubladen füllen sich mit neuen "Schwurblern", "reaktionären Arschlöchern" oder "Klimaleugnern". Das mag in einer komplexen Welt voller Anlehnungsbedarf attraktiv sein, ist aber auf Dauer ein verlässlicher Weg zur kompletten Verkapselung. Dass dann ein Konkretisierungsallergiker wie Olaf Scholz Bundeskanzler werden kann, ist eher ein Krisensymptom als ein glanzvoller Sieg. Ein wenig mehr Toleranz für öffentliches Tasten erscheint sinnvoll.

Womöglich sind ein wenig Milde und Wohlwollen angebracht, wo zuletzt der Meinungsbrutalismus heftigere Schneisen in die Bevölkerung geschlagen hat, als es einer Impfdebatte je möglich gewesen wäre. Da bekommt auch der Begriff "Schlagwort" gleich eine ganz andere Bedeutung. All diese sich selbst genügenden Diskursattrappen, die sich allein schon dadurch selbst entzaubern, dass so vieles nach dem Stille-Post-Prinzip aus der Vergangenheit, dem Kontext oder besser aber noch gleich aus beidem gerissen wird.

Kommt im diesem Jahr denn wirklich ALLES wieder?

Es wäre auch alles weitaus weniger scheinheilig, wenn sich die Affekte nicht so ähneln würden, egal, ob es um Kabul geht, das Ahrtal oder einen sexistischen Gag bei "TV Total". Mikrowellenhitze. Erst verbrennt man sich fast dran und kaum später stellt man es komplett erkaltet beiseite. Es ist alles gesagt. Nur noch nicht laut genug. Wir verlangen nach Substanziellem, aber wenn sich Baerbock mit ihrem Patchwork-Schmöker oder Armin Laschet mit seiner Schickenrollenzunge anbietet, dann nehmen wir doch lieber die, als uns mit der Zukunft zu beschäftigen. Das Internet als pawlowsche Hundehütte. Nicht, dass sich heute schon niemand mehr für die Tausenden Menschen an der polnischen Grenze interessieren würde – nun allerdings sind es die armen Irren, die beim Lagerverkauf in Kalensko F3-Böller mit Stumpengarantie shoppen. Wegen Freiheit und so.

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Auch so ein Begriff, abgegriffener als 'ne Avocado bei Netto. Oder Schlecker. Scheiße, kommt im diesem Jahr denn wirklich ALLES wieder? Freiheit jedenfalls thront nicht als monolithischer Block im Gesellschaftsverständnis, sondern muss analog zu den Dynamiken des Zeitgeschehens dehnbar sein, oder nicht? Man droht sich schnell zum Idioten zu machen, passt man seinen Blick auf die Welt nicht veränderten Gegebenheiten an. Ich steh ja auch nicht im Dezember im Schneematsch in der Speedo in der Einfahrt, nur, weil ich die im Sommer noch zum seligmachenden Kleidungsstück erklärt habe. Aber vermutlich bin ich auch nur ein rückgratloser Systemling. Allerdings auch einer, der sich, randvoll mit Antikörpern, recht angstfrei auf die nahenden Monate zubewegt.

Impfung Nummer vier

Es ist nicht einmal Neujahr, und die ersten prahlen bereits mit Impfung Nummer vier. Die bange Frage: Wird das jetzt so wie mit den neuen iPhones? Muss ich mich schämen, wenn ich nur geboostert bin? Wann Keynote im Rollkragenpullover, Karl Lauterbach? Wäre ich ein besserer Geschäftsmann, dann würde ich nächstes Jahr ein Impfzentrum eröffnen mit kleiner Coffee-Bar, DJ, einem Pop-up-Store für Designer-Kleidung, vielleicht ein paar schicken Dekoelementen, damit man während der anderthalb Stunden Wartezeit auf die quartalsmäßige Impfung ein bisschen was zu konsumieren hat. Stempelkarte. Ab zehnter Impfung gibt's nen Flat White aufs Haus. "Also, als Barista ist er maximal eine vier minus, aber Impfnachweise kontrollieren kann er wie kein Zweiter."

Und was ist jetzt? Drosten macht jetzt Pointen auf Twitter. Was eingedenk dessen, dass Komiker sich für Virologen halten, nur konsequent ist. Ist die neue Lässigkeit womöglich ein Hinweis auf eine Bewegung in Richtung endemischer Situation? Klar scheint: Die nächsten Wochen werden wir mit Zahlen konfrontiert, weit jenseits dessen, was Angela Merkel (kennen Sie die noch?) in ihrer legendären Modellrechnung damals aufgezeigt hatte. Klingt schlimm. Wird es womöglich auch.

Ein wenig Optimismus

Aber die letzten Nachrichten aus Südafrika, aber vor allem auch aus England lassen darauf hoffen, dass die Hospitalisierungsrate trotz der gruseligen Infektionszahlen vergleichsweise gering ist, bzw. sein wird. Wenn es viele haben werden, dafür aber weniger schlimm, na, das wäre doch schön, oder? Solange es nicht ausgeschlossen ist, bin ich stets Willens, mich zunächst einmal an dem positiven Gehalt einer Information entlangzuhangeln. Befremdlich, mit welcher Sehnsucht an dem allgemeinen Niedergang so manche auf die Nachrichtenlage blicken. Apokalüste allerorten. Doch was hilft es?

Auch zur Welt muss man eine Beziehung aufbauen, die mit gnädiger Verliebtheit über die Beschissenheit der Dinge hinwegsieht und das zu ändern bereit ist, was zu ändern ist. Sonst kann ich auch gleich liegen bleiben. Egal, wie das neue Jahr beginnen wird: Im März kommt der Frühling, im Sommer wird uns das alte Leben wie ein Gruß aus der Küche reingereicht werden, und mit einer gesunden Balance aus Vernunft und Ausgelassenheit geht auch diese Zeit irgendwann vorbei. 2022 wird ein gutes Jahr. Ich wünsche allen einen leichten Verlauf.

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