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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Mein Leben als Stripper - kabellos glücklich

Selbstverknotende Ohrhörerkabel sind eines der großen Ärgernisse unserer Zeit. Ob Apples kabellose Stecker dem Abhilfe schaffen?

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Seit 10 Jahren Gefangener von Apple: Micky Beisenherz

Mit David Copperfield habe ich herzlich wenig gemein. Ich besitze ja nicht einmal eine eigene Insel. Von Zauberei halte ich ebenfalls nicht viel. In der Causa Roy war ich ja sogar für den Tiger. Dennoch gelingen mir in letzter Zeit erstaunliche Kunststücke. Um genau zu sein, meiner Tasche.

Jacke wie Hose. Wann immer ich meine Apple-Kopfhörer irgendwo rausziehe, sind die Mistdinger komplett verknotet, machen den Buxentaschen-Houdini. Keine Ahnung, wie das geht. Doppelter Palstek, Achtknoten, Rundtörn mit zwei halben Schlägen, egal - meine Strippen sind Meisterwerke der Vertäuung. Kapitän Schwandt wäre stolz auf mich. Dummerweise gibt es in meinem Viertel so selten Jachten, die spontan bei mir am Haus anlegen und fest gemacht werden wollen.

Viel weniger weiß ich, wie die Dinger wieder auseinander zu knoten sind. In der Regel hat man ja sehr wenig Zeit für Feinarbeiten dieser Art, und unter Druck habe ich noch nie funktioniert. Nach iTunes, der Cloud und Apple Music waren diese selbstverknotenden Kabel immer das Premiumprodukt, wenn es darum ging, unser Leben jeden Tag ein kleines bisschen mieser zu machen.

Gut, eines muss man ihnen lassen: Immerhin sind sie griffbereit. Diese Ohrhörer sind ja wie die Mitarbeiter in dem Technik-Markt, wo sie einem verkauft wurden: Brauchst du sie gerade nicht, sind fünf von ihnen da. Hast du sie dringend nötig, ist nix von ihnen zu sehen.

Dann darfst du dir diese überteuerten Schweinedinger für rund 35 Euro neu kaufen - woraufhin dir just mit dem Betreten der Wohnung circa zehn Stück aus Jacken, Hosen, Sporttaschen und Gemüsefächern fallen. Selbstverständlich verheddert wie das Finanzsystem der Fifa.

Aber was tun? Gut, ich könnte jetzt umsteigen. Von diesen kleinen, schlanken In-Ears zu diesen großen, klobigen, knalligen Kopfhörern von Dr. Dre. Diese Fußballerhalsbänder, die immer wirken, als würde Boateng gerade mit einem knallroten Nackenkissen aus dem Bus steigen.

Mein Kopf besteht zu circa 65 Prozent aus Ohr

Soll ich mit fast vierzig mit sowas rumrennen? Zumal das in meinem Alter schon langsam nicht mehr cool wirkt. Das kriegt dann so einen Sanitätshauscharakter. Als wäre ich gerade aus 'nem "KIND"-Laden damit spaziert.

Davon ab sitzen die Dinger teilweise so eng auf dem Schädel, so dass ich mich fühle wie der Typ, dem Joe Pesci in "Casino" den Kopf in die Schraubzwinge steckt. Unangenehm.

Alles nicht einfach für mich. Mein Kopf besteht ja zu circa 65 Prozent aus Ohr. Dann wiederum gibt es diese Ear-Plugs, die man sich wie Propfen in die Muschel steckt. Halten bei mir gar nicht. Fallen einfach wieder raus. Sehr frustrierend. Gottlob habe ich für das Testmodell am Flughafentechnikspontankaufautomaten nur 80 Euro gezahlt. Wäre ich nicht mit Germanwings geflogen - es wäre der größte Frust des Tages gewesen.

Vielleicht sind die Kopfhörer-Schnüre eine Allegorie auf das Leben

Kabellos wäre schön. Kommt mit dem iPhone 7. Zwei singuläre Ohrstecker, die via Bluetooth funktionieren, und wie ich meine Freunde von Steve Jobs intellektueller Insolvenzverwaltungs-Zentrale kenne, wird das sicher dermaßen viel Akku ziehen, dass ich bei dem neuen Bon-Iver-Album gerade mal bis Track 3 komme, bevor das Telefon für die nächsten Stunden ins Moratorium geht.

Der Hersteller spricht von fünf Stunden Akkulaufzeit, was bedeutet, dass man es vielleicht gerade so schaffen wird, mit Musikbeschallung im Ohr ein Spiegelei zu braten. Und überhaupt: Wenn ich die normalen Stecker schon verliere, wie soll das dann mit den neuen AirPods werden?

Schön wäre es natürlich, wenn Apple ein Safety-Band erfinden würde, mit dem man die Kopfhörer mit dem iPhone verbinden könnte. Dafür würde ich locker 40 Euro zahlen!

Okay, also dann doch erst mal so weitermachen. Und vielleicht sind die Kopfhörer-Schnüre eine Allegorie auf das Leben: Du hast alles sauber aufgerollt und steckst es in die Hosentasche. Und wenig später hältst du ein Chaos in den Händen, dessen Entwirrung dich schier überfordert.

Dennoch: Selbst aus dem hoffnungslosesten Knäuel können noch schöne Töne dringen. Das beruhigt irgendwie.