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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Thank you for the music - über den Tod und das Reden

Micky Beisenherz
Micky Beisenherz schreibt über einen verstorbenen Freund
© M. Beisenherz
Micky Beisenherz hat in dieser Woche von einem Freund Abschied nehmen müssen. Daraus zieht er auch eine Verpflichtung an die Lebenden: Redet und sagt euch, wenn ihr euch gerne habt - bevor es zu spät ist.

In einer Woche, in der vor allem laute, aggressive, feindselige Männer im Fokus standen, ist es fast tröstlich, dass es auch mal einem stillen, warmherzigen Mann gelungen ist, viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er musste dazu lediglich sterben.

Am Montag war die Beerdigung. Auf einem kleinen, angenehm unordentlichen Friedhof in Berlin. Es war eine schöne kleine Zeremonie. Demütig, bescheiden, mit ein paar erlösenden Lachern. Die nur kurz davon ablenken konnten, wie traurig es war, 30 Jahre zu früh hier zu stehen.

Ich kannte Andreas nicht gut. Aber gut genug, um ihn wahnsinnig gerne zu haben. So ging es eigentlich allen, die ihn kannten. Egal, ob eher oberflächlich wie ich. Oder seit über 40 Jahren, wie die alten Freunde aus der Heimat, die es nach gemeinsamen wilden Jugendtagen im Ruhrgebiet nach Berlin, Hamburg oder sonst wohin verschlagen hat, wo man in der Mitte des (Berufs)Lebens seinen großen Schreibtisch aufbauen kann.

Sie haben diese bewegende Zusammenkunft organisiert. In der kleinen Kapelle auf dem Friedhof halten alte Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen Reden. Die Stimme bricht. Es sind so viele gekommen. Sie stehen oder sitzen.

Es sind 30 Grad im September. Alle in Schwarz. Wäre der Anlass nicht so betrüblich, man müsste annehmen, es sei eine Johnny-Cash-Tribute- Party. Selbst die anwesenden deutschen Popstars haben sich entsprechend gekleidet und sehen jetzt aus wie, nun ja, Popstars, die sich für eine Beerdigung angezogen haben.

Keine Pose. Einfach sein

Andi hatte eine leitende Funktion bei einer Plattenfirma, und es kann als große Lebensleistung angerechnet werden, dass er sich das nie hat anmerken lassen. Herzlich, kein bisschen großspurig, tiefgründig. Keine Pose. Einfach sein.

Auf Videoscreens sehen wir Bilder des Verstorbenen. Szenen seines Lebens. Als "Hallelujah" von Jeff Buckley läuft, ist es mit meiner Fassung dann auch dahin. Unter der Sonnenbrille heulen alle. Die Männer. Die Frauen. Die Mädchen.

Es bedarf keiner großen Fantasie sich vorzustellen, dass man selbst derjenige ist, der in der Mitte des Lebens plötzlich die Tochter vaterlos aufwachsen lässt, die Frau allein mit der Schatztruhe voll Millionen von Insider-Gags, eine Lücke ins Sozialgefüge reißt, und das klingt jetzt nur so technokratisch, weil das alles eh schon so bedrückend ist.

Ein Lächeln wie eine warme Decke

Ich habe ihn meistens auf Feiern gesehen, größere und kleine Feste. Gibt nicht viele, bei denen allein das Gesicht schon eine einzige Umarmung ist. Ein Lächeln wie eine warme Decke. Der restliche Kerl bestand eigentlich nur aus Extremitäten. 

Diese Sorte Mensch, die allein schon Grund genug sind, auf eine Party zu gehen, weil du die Gewissheit hast, nicht im bloßen Small-Talk-Gewitter zu versteinern. Ein Mensch von seiner Klasse, und du weißt: Der Abend kann niemals schlecht sein. Nie belangloses Rumgemänner.

Was nicht ausschließen muss, dass es zu Tanzflächenexzessen kommt, die weniger an die Strokes als vielmehr an die Augsburger Puppenkiste erinnern. Und so trifft man sich, redet und redet, erfreut sich aneinander, sagt sich, dass man "sich demnächst unbedingt mal auf ein Bier treffen muss" - und es passiert: nichts.

Eine Beerdigung erinnert dich an das Ende des Leben

Zuviel Leben schiebt sich dazwischen. Alltag. Arbeit. Abheften. Und so mache ich das, was ich zu Lebzeiten nicht geschafft habe: Ich sage alles andere ab und fahre zu ihm. Eine letzte Geste echter Zuneigung. Was könnte wichtiger sein?

Eine Beerdigung erinnert dich an das Ende des Lebens. Eine Zoom-Konferenz lässt es dich herbeisehnen. Viele andere haben sich ähnlich entschieden und so bemerkt der tapfere ältere Herr, dem das Unglück widerfahren ist, seinen Sohn beerdigen zu müssen, bewegt, wie beliebt das eigene Kind gewesen sein muss. "Das hätte ich nie erwartet, dass so viele gekommen sind. Er war ja auch ein toller Kerl."

Er wird es ihm zu Lebzeiten auch gesagt haben, da bin ich sicher. Und darum geht es: Redet. Sagt euch, wenn ihr euch gerne habt. Wenn ihr euch liebt. Wenn ihr euch schätzt. Ja, sogar, wenn ihr euch auf den Sack geht. Der Tod lehrt uns nichts, außer: leben. Und reden.

Das Zwischenmenschliche ist keine Steuererklärung - ausgerechnet hier besteht keine Pflicht, sich zu kümmern. Das Miteinander sollte geklärt sein. Das Unausgesprochene ist, was so quält. Das "hätten wir nicht...?" und das "wären wir bloß..."

Das Herz mag noch so voll sein

So mancher Streit hat ein Recht darauf, ausgetragen zu werden. Bevor der Schleier des Ungesagten sich wie eine muffige alte Plane für immer über alles legt. Das Herz mag noch so voll sein. Es kann trotzdem spontan aufhören, zu schlagen. Dem Toten kann es egal sein. Es sind die anderen, die damit leben müssen, dass dieser Stuhl für immer leer bleiben wird.

Ich weiß natürlich auch, dass das hier kaum mehr sein kann als eine Kabinenansprache an den dauerbetriebsamen Mann in mir, der für all die Hochzeiten, auf denen er tanzt eigentlich ein zweites Paar Schuhe bräuchte.

Eine fast hoffnungslose Motivationsrede, doch ab und an mal ein paar Löcher in den Terminkalender zu hauen. Loszulassen. Ab und an gelingt es. Und sei es nur auf ein paar Helle an einem Mittwochabend.

"Ein Hoch auf die Treffen mit dir!"

So wie letztens, als ich nach Hause radelte und mein Freund Philipp mir danach eine WhatsApp schrieb: "Ein Hoch auf die Treffen mit dir! Kurzweilig, ernsthaft, tief, persönlich, offen, locker, bereichernd, aufbauend, reflektierend. Ich bin immer ein Stück weit beseelt auf dem Rückweg. Und ja, auch ein Stück weit betrunken. Und auch ja, vielleicht hängt beides zusammen."

So will man doch seine Freizeit gestalten. Schön, wenn man sich so etwas sagen kann. Der Deutsche kann seine Emotionen für gewöhnlich besser ausdrücken, wenn er eine Anzeige erstattet. Aber wir kommen da noch hin.

Ich sitze in der Sonne. Es ist Herbst. Morgen feiert mein Cousin seinen 43. Geburtstag. Sind 350 Kilometer Fahrt. Lohnt sich.


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