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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Was ist das für 1 Jugendwort vong Sprache her?

"Fly sein" ist das Jugendwort des Jahres. Happetkowski, meint Autor Micky Beisenherz und fragt sich, wo die Worte seiner Jugend abgeblieben sind.

Von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Kommt mit der Jugendsprache nicht mehr ganz mit: stern-Stimme Micky Beisenherz

Man kann nur mutmaßen, wie lange dieses in ocker gewandete Quintett im Eiscafé Venezia gesessen hat, bis man sich auf ein Jugendwort 2016 einigen konnte. Oder glaubt wirklich ernsthaft wer, dass irgendwer anderes über diesen Adoleszenzjargon befindet, als ein Haufen alter Männer (die bestimmen derzeit offensichtlich eh alles)? Hm?

Ach, das Jugendwort, ja, richtig. Fly sein. Jaja, richtig. Fly sein. Klingt ein wenig wie das, was Ai Wei Wei Berliner Touristen beim Selfie machen als persönliches Minimalziel ins Ohr flüstert, bedeutet aber so viel wie: besonders gut rüberkommen. Top. Mega. Bombe.

Auf Platz drei landete übrigens das durchaus gebräuchliche "Isso", knapp hinter der besten Freundin, kurz "bae" (before anyone else). Dass ich diese drei Begriffe in der freien Wildbahn noch nie gehört habe, muss nicht zwingend das Gremium von Langenscheidt Lügen strafen - ich bin vermutlich einfach schon: alt.

Bei RTL2 wäre ich schon Großvater. Andererseits kriege ich ja schon ein bisschen was mit. In der Bahn. Beim Sport. Auf der Wache, wasweißich. Und wenn die beim Verlag wirklich ehrlich wären, würden sich wohl eher "Spasti", "Mongo" oder "Hure" um den ersten Patz streiten. Lügenscheidt!111

Jugendwörter des Jahres


Das Wort "so" hätte es mehr verdient

Die Finesse, die angebliche Jugendwörter wie "Hopfensmoothie" oder "Analog Spam" erkennen lassen, kann ich in der Praxis leider nicht hören. Vielmehr hätte es das Wort "so" verdient. Das Bayern München unter den Jugendwörtern. Im Grunde genommen bestehen die meisten Jugendsätze nur aus diesem Füllsel.

Ist das die Bundesrepublik Deutschland 2016? "1igkeit und Swag und Flyheit", wie ein kluger Mensch im Internet unlängst befand? Was ist das für 1 Jugendsprache, so vong Ding her?

Wo sind die Jugendworte unserer Eltern? "Stark", "Dufte" oder "Kraneberger" (für Leitungswasser). Oder die unserer Großväter, wie "ich hab nicht mitgemacht", "da weiß ich nichts von" oder "ich war nur Sanitäter".

Wie war das denn bei uns früher (ich bin Jahrgang '77)? Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir es geschafft, die kompletten Neunziger eigentlich nur mit einem Wort auszukommen: Alter. Alles war "Alter". Mit Alter, Alter, Alter, Alter konnte man ein komplettes Wochenende lückenlos auserzählen. Wir hatten ja nix!

Es war 1994. Helmut Kohl ging in seine vierte Amtszeit, und wenn man auf einen Anruf gewartet hat, musste man zuhause bleiben. Wir trugen die Hosen so tief wie Tupac oder Craig Mack, ein gewisser Notorious B.I.G hatte gerade Zugang gefunden auf einer meiner zahlreichen VHS Kassetten, auf die ich "Yo! MTV Raps" aufgenommen hatte.

Out of Castrop-Rauxel

Sechs Hip Hop Heads in der 80.000 Menschen-Gemeinde Castrop-Rauxel. Tömmes, Sepp, Dormin, Minni, Sillie Illie und ich. Baggy Jeans gab es noch nicht zu kaufen, deshalb haben wir immer bei JEANS FRITZ Billigjeans in 36/32 gekauft und die Dinger entsprechend tief getragen. Das war ziemlich "fra" (das Äquivalent zum heutigen fly).

Tömmes hatte das Glück, später zwischenzeitlich so fett zu werden, dass er die Jeans ganz normal auf der Hüfte tragen konnte. Es gab Karlsquell Edel-Pils oder Hansa. Das war - kurz vor die Gefriergrenze runter gekühlt - recht bekömmlich.

Die Fraktion, die sich Lederschuhe und schwarze Dolce&Gabbana-Imitate anzogen, um ins Bochumer Tarm Center oder ins Essener Mudia Art zu dürfen, waren alle "schoko" (peinlich schick). Wir wiederum trugen Daunenjacken wie Busta Rhymes, gingen ins Rheingold, in die Bhaggy oder in den Soundgarden Dortmund. Von da wieder nach Hause zu kommen, war eine Odyssee.

Vom Club zum HBF latschen, natürlich mit dem Gesicht im Döner vergraben, von da mit der Bahn nach Do-Mengede, dort gegen fünf Uhr ankommen, bis sechs in der Kälte warten, bis die erste Bahn wieder Richtung Castrop HBF fuhr - und von da nochmal zirka 60 Minuten Fußweg bis Henrichenburg, wo ich wohnte. Regelmäßig waren wir um 4 Uhr raus aus dem Club - aber erst um 8 Uhr im Bett. Das war ziemlich "happ" (scheiße).

"Happ", "Bubti", "Ebbflach" - das waren noch Worte!

Vieles war "happ". Ein Typ mit Scheißklamotten oder sonstwie einem an der Marmel war ein "happer Vogel", Musik, die nicht Hip Hop war, war "happe Mukke" und eine Situation, die einem komplett auf die Nüsse ging, war sogar "happetkowski" (wir reden ja hier übers Ruhrgebiet).

Das war natürlich eher der Jargon, der in unserer kleinen Hip-Hop-Community geläufig war. Außerhalb unserer Filterblase hießen Trottel und zu Mobbende einfach nur: "Bubti" oder "Bupti". Oft waren diese Menschen pickelig, also "Clearasil Teststrecke" und "schwallten" oder "schwallerten" Unsinn.

Selbstverständlich konnte der happe Vogel schnell den "Ebbflach" (Abflug) machen, wenn er uns genervt hat. Das war unser Ding. Die - tatsächlich augenzwinkernde - Verdinglishung geläufiger Worte. Was durchaus schlüssig war. Wir waren schließlich schwarze New Yorker oder Kalifornier, gefangen im Körper weißer Mittelstandscastroprauxeler. Straight outta Castrop.

Da ging doch was. Weiber "belacken" und die völlig verklebten Likörflaschen der Hausbar der "Ellies" von Freunden plündern, um uns auf Abenteuerspielplätzen die Jugend runterzuleben oder "schon mal vorzulöten", bevor es mit 'nem "Fahrbier" in "die Disse" ging. Dort wurde "gepogt" oder "abgegangen", zum "Körperklaus" oder gar "zum Horst" wollte sich niemand machen.

Einen "Oliba", also Oberlippenbart, ironisch zu tragen, war - Hansa Rostock war gerade aufgestiegen und ständig bei "Ran" präsent - undenkbar. Man zog sich zurück, um zu "quarzen". Entweder, weil es schmeckte. Eher aber noch, weil es cool aussah und bei den "Tusen" (wir verwendeten es nur mit einem s) gut ankam.

Am Ende waren aber waren wir vom "schädeln" so "fra" (galt auch für komplett unzurechnungsfähigen Geisteszustand), dass keiner von uns mehr wusste, was "gerade Phase" war. Mit 'ner "Ollen" ging da meist wenig. Happetkowski.

Wahrscheinlich werden wir Erwachsenen nie wirklich herausfinden, wie Jugendliche heute sprechen, denn deren Welt bleibt für uns - und da sind Kinderzimmertüren nicht anders als Instagram-Accounts - verschlossen.

Und das ist auch gut so.

Ich bin raus.