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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Voll nett, du Arsch!

Micky Beisenherz
© Illustration: Dieter Braun/stern
Unser Kolumnist hält Geld für Obdachlose bereit – und nachfolgenden Damen die Tür auf. Recht machen kann er es seiner Umwelt trotzdem nicht.
Von Micky Beisenherz

Vielleicht ist es auch gut, wenn bald das Bargeld abgeschafft wird. Es werden sich andere Erklärungsnotstände ergeben, aber eben nicht diese unangenehmen Momente, wenn in der falschen Situation das Kleingeld fehlt.

So saß ich unlängst in meinem Lieblingscafé (ich habe derer drei) und las entspannt ein Buch, als ein Obdachloser um ein wenig Unterstützung bat. Ich kramte aus der Tasche ein paar Münzen und gab ihm welche. Wenige Minuten später riss mich eine erneute kleine Charity-Aktion aus der Lektüre. Es ist halt ein belebter Ort, und so tat ich das, woran sich in Großstädten sonst nur Touristen zu erkennen geben: Ich gab auch ihm Geld.

Selbstzufrieden genoss ich meine Besserverdienerbohnen in dem festen Bewusstsein, hier als St. Martin vom Großneumarkt karitativ über mich hinausgewachsen zu sein. Bis der dritte Clochard kam. Ich bedeutete ihm, dass ich kein Kleingeld bei mir trage und nichts (mehr) für ihn tun könne. Mit abschätzigem Blick wandte er sich ab von dem Lackel, der sich offenbar mit einer billigen Lüge aus der Solidaritätsgemeinschaft gestohlen hatte. Wie gern wäre ich hinter ihm her und hätte ihm Spendenquittungen meiner zwei vorherigen Wohltaten gezeigt, doch ach: In diesem Zeitfenster war ich einfach nur der ignorante Geizhals.

Auf einer höheren Ebene hat das schon Thomas Gottschalk beschrieben, der, sich in der Öffentlichkeit bewegend, für alle ein offenes Ohr und neuerdings sogar das Gesicht selfiekompatibel freigeschnitten hat. "Hundert Leuten gibst du bereitwillig ein Autogramm. Der Hundertunderste, dem du sagst, 'Ich würde jetzt gern mal in Ruhe mein Schnitzel essen', der denkt natürlich: 'arrogantes Arschloch'." – Gut, klar, in Gottschalks Welt sind wir alle so etwas wie Stadtstreicher, die nach seiner Zuwendung lechzen, aber in der Sache hat er recht.

Ein stimmiges Bild von sich zu entwerfen scheint unmöglich

Unsere Existenz ist nur eine Aneinanderreihung von Momenten. Eine Verkettung von Umständen, Situationen und Teilöffentlichkeiten. In der einen Gruppe bist du der lässige, stets gut gelaunte "Steffmaster", in einem anderen Kontext kennt man dich nur als maulfaulen, unentspannten Stefan, bei dem womöglich nur eine kleine, nie korrigierte Bemerkung zu jahrelangen graduellen Verschiebungen im Miteinander geführt hat. Eine kleine kommunikative Fehlstellung, die sich zum sozialen Bandscheibenvorfall ausgewachsen hat.

Ein stimmiges Bild von sich zu entwerfen, kohärent, ohne Abbrüche oder Widersprüche, es scheint unmöglich. Im besten Falle gelingt es uns, in so vielen Situationen wie möglich anständig, gut, ja, gewinnend zu sein. Wir müssen es auch hinnehmen, dass uns andere für einen Blödmann halten.

Du gehst eiligen Schrittes ins Kaufhaus und bemerkst hinter dir eine Frau, die sich nähert. Selbstredend gibst du für sie den Portier. Galant hältst du auch noch Person drei, vier und fünf die Türe auf. Irgendwann allerdings, da ist es dann auch gut. Und während die ersten fünf Menschen dich von deiner besten Seite kennenlernen durften, höflich, charmant und rücksichtsvoll, musst du Person Nummer sechs als egoistischer Widerling erscheinen.

Du kannst nicht gewinnen.

Morgen räume ich endlich die rote "Make America Great Again"-Kappe von ihrem prominenten Platz auf der Kommode. War nur ein Gag, ein Mitbringsel meiner Frau aus Texas. Aber ob meine chilenische Reinigungsfrau diese Info auch hat, da habe ich so meine Zweifel.

Zuletzt wirkte sie reservierter. Dabei bin ich doch ein Netter.


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