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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier" Katzenberger & Co.: Meister der Tiefschlagzeilen


Daniela Katzenberger will ihr Kind auf RTL2 zur Welt bringen. Für Micky Beisenherz die finale Eskalationsstufe der öffentlichen Paarung. Und ein Grund nachzufragen: Wann hat das angefangen?
Von Micky Beisenherz

RTL2 ist jetzt also Geburtskanal. Eigentlich konsequent. Der Sender ist mittlerweile eh schon eine Art televisionärer Problembezirk, wo die Familien mehr Kinder als ihre Oberhäupter Zähne haben - da kann man die Katzenberger auch gut live ihr Kind kriegen lassen. Die Frage ist natürlich nur: Muss das sein?

Also, jetzt nicht, ob sie sich reproduzieren muss, sondern: Geht das die Öffentlichkeit etwas an? Oder um es etwas weniger verklausuliert zu formulieren: Ist das Peroxid dermaßen in die Hirnrinde gezogen? An welchem Punkt hat die Selbstwahrnehmung eine derartige Delle bekommen, dass man auch den letzten Rest Privatheit raushaut wie ein 3er-Pack Leggings auf dem Wühltisch bei Primark?

Man kann der pfälzischen Wasserstoffbombe noch nicht mal absprechen, dass sie in all ihrer Leberwurstigkeit eine Zeit lang sogar irgendwie noch ganz unterhaltsam war. Wenn aber jeder Spruch gemacht, jeder High Heel abgeknickt, jede Extension angelötet ist, was dann?

Micky Beisenherz

Klar, ein Kind! Pregnatainment at it’s best! Die finale Eskalationsstufe einer öffentlichen Paarung. Während des ersten Dates - das große Liebesinterview in der "InTouch". Er hatte die Hose noch gar nicht wieder oben - da konnte er im Internet schon die Ultraschallbilder des kommenden Lowperformers bewundern. Und jetzt wird statt der Kamera einfach direkt die Sonde genommen. Wann ist das alles eigentlich so schief gelaufen? Wann haben die Blitzlichtmotten angefangen, komplett alles zu veräußern, was eigentlich nicht vor eine Kamera gehört? Scannen den Boden der Tatsachen ab wie ein Staubsaugerroboter, der auf Autopilot auch noch die letzten Winkel der Privatheit in den medialen Beutel pumpt.

Der durchschnittliche Paparazzo muss sich heutzutage gar nicht mehr in Mülltonnen verstecken - eher muss er den siebten Anruf der holländischen Moderatorin wegdrücken, die gedenkt, morgen Mittag um 12.33 Uhr ohne Höschen aus dem Taxi zu steigen. Wär doch schade, wenn sie dabei nicht überraschend abgelichtet würde!

Patient 0 der öffentlichen Selbstentwürdigung

Eine Kultur, die mit Jenny Elvers' bestellter Paparazzoattacke barbusig im Garten begonnen hat - und kurze Zeit später mit Naddel ihren wohl bedauernswertesten Tiefpunkt erreicht hatte. Nadja Abdel Farragh, dieser Patient 0 der öffentlichen Selbstentwürdigung. Eine bedauernswerte Frau, die nichts weiter wollte als Ehefrau und Mutter zu sein. Sie geriet an den Falschen. Und dann an hunderte. Naddel ist das beste Beispiel für eine Riege von Menschen, die von der Dignitätsschlachterei Boulevard aufgesogen und ausgesch...spuckt werden. Busenwiegen, Magersucht, Liebesglück, Liebeskummer, Perückenwechsel, 19. Umzug...

Am Ende bleibt ihr nur noch die Meldung, dass man beim offensichtlich volltrunkenen Verlassen eines Clubs lang hingeschlagen ist - und die Vermeldete freut sich fast noch über die Aufmerksamkeit. In dem Wort Berichterstattung steckt eben auch: Bestattung.

Borderline macht Fernsehen fein

Dass wir uns nicht missverstehen: Nix gegen eine schöne kleine Verhaltensauffälligkeit. Findet sowohl der "Dschungelautor" (ein Label mit dem Flair von Ballermannsänger, Schmuckdesigner oder TV-Makler) als auch der Privatmann in mir ganz schön. Ich seh mir das gern an. Ich mach das auch gern beruflich. Sehr sogar. Borderline macht Fernsehen fein, klar. Nur war es immer so, dass uns bei (C-) Prominenten der Blick hinter die Kulissen interessiert hat. Wie ist denn der Sänger, der Schauspieler, der Moderator so privat?

Hier gibt es aber keinen Blick hinter die Kulisse mehr. Diese Menschen SIND die Kulisse. Das ist kein Seelenstriptease - hier ziehen sich Leute vor unseren Augen die Haut ab. Da wird der Knoten in der Brust direkt mit der "Closer" vertäut, in der Klapse direkt das Doppelzimmer gebucht, damit der "Bild"-Redakteur nicht auf dem Boden schlafen muss. Wirkungsexistierer -Würde kennen sie nur als Konjunktiv. Die Meister der Tiefschlagzeilen.

Man kann es aber auch machen, wie Promiboxbirne Claude-Oliver Rudolph. Okay, der ist offiziell immerhin so ne Art Schauspieler. Hat aber zu viel Tagesfreizeit. Also behauptet er zur Aufmerksamkeitsgewinnung, Til Schweiger habe das Drehbuch zu "Honig im Kopf" von seinem eigenen Film abgeschrieben. Und wenn es bedeutet, im Zuge dessen zuzugeben, dass er 1998 mal mit Christine Neubauer gedreht und sogar gemeinsam ein Drehbuch (!) geschrieben hat. DAS ist dann aber schon ein verdammt hoher Preis.


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