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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Oppa ante Portas - Edeka und die Folgen

Ganz Deutschland jubelt über den Edeka-Spot und liegt sich weinend in den Armen. Werbe-Sommelier Micky Beisenherz erkennt einen gesellschaftlichen Trend - und hat ein Problem mit der Gesinnung des gefeierten Alten.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz mit dem Edeka-Oppa

Micky Beisenherz mit dem Edeka-Oppa

Ich bin ja auch so eine Winseltitte. Hab mich teilweise schon dabei erwischt, wie ich bei der Merci-Reklame feuchte Augen gekriegt habe.

Unlängst hat sich Edeka angeschickt, der neue Kapitän auf dem Tränenkanal zu werden. Mit diesem Spot, in dem ein alter Mann in seiner Not eine eigene Todesanzeige verschickt. Ein letztes Mittel, um die besuchsunwillige Bagage an Weihnachten endlich mal wieder um sich versammeln zu können. Der Plan geht - und die Familie taucht auf. Emo-Porn vom feinsten. Wer da nicht weint, arbeitet bei Heckler & Koch. 

Was für ein trauriger Film, oder? Ich meine, da sind ja einige Tausende Kilometer weit geflogen, haben sich schon auf ein schönes Erbe gefreut, und dann das!

Der Alte blufft nur

Deutschland zumindest ist schwerstens bewegt, der Werbeeffekt ist da: Die ersten Menschen meiden Edeka, weil die Leute denken könnten, sie hätten familiäre Probleme. (Zumindest behauptet der großartige Kollege Tobias Schülert das.)

Beerdigungen werden künftig deutlich weniger gut besucht sein, weil viele denken: Der Alte blufft nur.
Das Ding - Hashtag #heimkommen - ist mit 30 Millionen Klicks ein echter YouTube-Hit. Und das, ohne dass Großvater sich schminkt, eincremt oder Primark-Tüten auspackt.

An sich ist der Spot natürlich Unsinn: Kein alter Mann muss doch heutzutage einsam in seiner Wohnung hocken - wofür gibt es denn die ganzen AfD-Demos und Umzüge!

Wenn man schon die Post bemüht, um Kontakt mit Menschen zu halten ... so eine schöne Anzeige kann im Zweifel langfristige Bindungen schaffen. Und überhaupt: Hätten Maschmeyer und Ferres den nicht noch aufnehmen können?

Erst der Supergeil-Opa, jetzt Lazarus Senior. Edeka hat mittlerweile mehr Rentnern in die Showbranche verholfen als die ARD. Gerontertainment. Tolle Sache. Und ein klarer Trend, der sich da gerade abzeichnet. Mehr welk wagen!

Gerade jetzt. Erst Weizsäcker, dann Helmut Schmidt und nun auch noch Erich Schiller aus der "Lindenstraße" - diesem Land droht eine dramatische Opa-Unterdeckung.
Didi Hallervorden wurde nie so sehr gefeiert wie als dementer Großvater. So sehr, dass er die Rolle seitdem bei sämtlichen öffentlichen Auftritten weiter durchzuziehen scheint.

Junge Männer wie Xavier Naidoo schicken sich an, wie verwirrte Mittachtziger zu klingen, aber es ist irgendwie nicht dasselbe. Opa. Es geht nur mit Dir.

Die Deutsche Bahn übrigens war so pfiffig und ist gleich auf den - Obacht!- Zug aufgesprungen. "Lieber Opa, warte nicht, bis sie zu dir kommen." Ein innerer Imperativ, dem nach 1945 deutsche Argentinien-Auswanderer nur zu gerne gefolgt sind.

Kalte Gulaschsuppe von Johann Lafer

Hier geht es aber immer noch um den Verwandtenbesuch.
Botschaft: Anstatt dass Opa zuhause im Kabuff hockt und darüber nölt, dass die treulose Mischpoke fern bleibt, soll er sich lieber selber aufmachen und zu denen hinfahren.

An sich eine gute Idee, die Bahn zu nehmen, um die Familie zu besuchen. Dumm nur, dass man dazu die Bahn nehmen muss. So würd' der Senior seine Familie garantiert nie mehr wieder sehen, sondern die letzten Jahre hinter einem kaputten Triebwagen irgendwo in Rotenburg/Wümme verbringen und kalte Gulaschsuppe von Johann Lafer fressen. Ein Restleben auf dem buchstäblichen Abstellgleis.

Weihnachten als Abstellgreis. Das muss doch nicht sein.

So wie die wunderbare Werbung, in der ein alter Mann recht trostlos auf der Familienfeier hockt. Bis ihm ein mildtätiger Verwandter einen Premiumgutschein für den Online-Onanistentreff Pornhub schenkt. Da fließen echte Tränen der Rührung. Da greift man zum Kleenex.

Lediglich der Umstand, dass man für Online-Pornografie anscheinend bezahlen muss, ist mir neu. Da kommen wohl horrende Nachzahlungen auf mich zu.

Der Gipfel der Perfidie

Im emotionstrunkenen Taumel muss ich eines allerdings noch bemerken, was in der Begeisterung über den Opa-Spot etwas untergegangen ist: Das Verhalten des Alten ist natürlich hochgradig schäbig. Lockt die Brut unter Vortäuschung falscher Tatsachen in die Wohnung. Klar, wir weinen. Aber wissen wir denn, warum die Verwandten den Senior gemieden haben?

Möglicherweise ist er ein schlimmer Despot. Lässt er gar den ganzen Abend Rondo Veneziano, Haftbefehl oder Helene Fischer laufen?

Eventuell war es auch ein stiller Protest der Angehörigen gegen die teilweise katastrophalen Zustände in den Hühner- und Schweinefabriken der Edeka-Zulieferbetriebe.
Wir werden es nie erfahren. Wir wissen lediglich, dass da ein halbes Dutzend Menschen von einem verschlagenen Patriarchen arglistig getäuscht wurde und Dank der Urkundenfälschung Weihnachten mit einem sinistren Alten in seinem Billigfleischkerker verbringen muss, anstatt mit Menschen zu feiern, die sie wirklich lieben. Der Gipfel der Perfidie: Dafür wird er im Internet auch noch gefeiert!
Pfui Spinne. Da muss sich Deutschland auch mal fragen, wem man da allzu bereitwillig applaudiert. Das ist nicht mehr mein Weihnachten.