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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Ausgefranzt – die seltsame Sehnsucht der Deutschen nach dem Fall Beckenbauer(s)

Franz Beckenbauer geht es gesundheitlich so schlecht, dass ihm wohl eine Anklage im WM-Skandal erspart bleibt. Statt mitzuleiden und zu hoffen, dass er sich wieder erholt, begegnet dem Kaiser a.D. ein irritierend hohes Maß an Häme und Selbstgerechtigkeit, findet Micky Beisenherz.

Franz Beckenbauer

Franz Beckenbauer im April dieses Jahres bei einer Veranstaltung im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund

DPA

Franz Beckenbauer geht es nicht gut. Das kann jeder bestätigen, der ihn zuletzt öffentlich hat auftreten sehen. Der, der sonst leichtfüßig durchs Leben tänzelte, wirkt alt. Vorbei die Zeiten, in denen er sogar über Kapitalverbrechen wie ein uneheliches Kind zu haben, jovial hinweg franzelte. Keine Ahnung, warum mich das so berührt. Möglicherweise auch, weil es ein wenig an die Fragilität der eigenen Eltern erinnert.

Zuletzt musste man von einem Infarkt auf dem rechten Auge lesen. Dann plötzlich, dass er aufgrund düsterer gesundheitlicher Prognosen womöglich um den Schmiergeldprozess im Rahmen der WM 2006 herum komme. Es war erstaunlich, mitanzusehen, wie diese Meldung von vielen aufgenommen wurde. Als Schmierenkomödie, als billiger Trick, sich der Verantwortung zu entziehen, ja, himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Der Deutsche will seine Stars fallen und leiden sehen

Gut, man könnte auch einfach still ein wenig mitleiden und hoffen, dass es dem Mann bald doch wieder besser gehen möge - nicht so aber ein erschreckend großer Teil der Deutschen, die gerade hier besonders heftig auf Gerechtigkeit pochen.

Jetzt gebe ich zu, dass es nicht ganz leicht ist, sich schützend vor den ehemaligen OK-Chef zu stellen, birgt die Verteidigungsrede doch immer auch die implizite Anregung, den Rechtsstaat auszusetzen. Dazu kann ich mich schlecht durchringen, macht man sich doch so schnell zum Idioten.

Was ich aber sehr wohl kann, ist zu bemerken, dass es ein irritierend hohes Maß an Häme und Selbstgerechtigkeit gibt, mit dem dem Kaiser a.D. begegnet wurde und wird. Der Deutsche will seine Stars nicht nur fallen sehen, nein, auf dem Weg von der Spitze des Affenfelsens nach unten soll es Bitteschön auch möglichst weh tun. Und es scheint nie gut zu sein. Egal, wie schlecht es gesundheitlich um ihn steht.

Es scheint, als sei sein größtes Verbrechen, dass es ihm viel zu lange viel zu gut ging. Per se eine himmelschreiende Ungerechtigkeit im Warentrenner-Kalifat Deutschland. Wer so leicht gelebt hat, macht sich gemeinhin verdächtig. Kommt es dann zum Sündenfall, kann man sich endlich erleichtern, und es brechen alle Dämme. "Der mag ja eine Lichtgestalt sein - aber wir haben jetzt die Hand am Dimmer."

Franz Beckenbauer, über den jeder, der ihm jemals persönlich begegnet ist (ich nicht) nur Gutes zu sagen weiß, hat mutmaßlich dubiose Zahlungen im Rahmen der Vergabe der WM 2006 weitergeleitet. Das juristisch zu verfolgen, ist korrekt und in seiner Konsequenz letztlich auch einer der Faktoren, die unser Land stabil und - vergleichsweise - korruptionsresistent machen.

Franz Beckenbauer hat sichtbar Schaden erlitten

Ich für meinen Teil - und jetzt verlassen wir gänzlich den Pfad des Faktischen - könnte keinerlei Befriedigung in einer möglichen Verurteilung empfinden. Zumal diese abseits des juristischen längst stattgefunden hat. Fehlt eigentlich nur noch die eigene Netflix-Doku. Der Schaden ist da. Und er ist für jeden sichtbar, der den Helikopter-Papa des Jahrhundertturniers zuletzt gesehen hat.

Man muss kein Beckenbauer-Fan sein, um sich über die Bigotterie der Ankläger zu wundern. Sein unfassbar dämlicher "keine Sklaven in Katar"-Kommentar hat mich mehr erzürnt, als es jede Schmiergeldzahlung je könnte. Dass es uns als Nation nicht gelingt, die Größe unserer Helden dauerhaft zu ertragen - geschenkt. Was irritiert ist die Kunst, sich kollektiv in ein Volk von Tauben zu verwandeln, die ihr Denkmal zuscheißen, bis nichts mehr übrig bleibt. Sogar einen Franz Beckenbauer kleingekriegt zu haben, dürfte wohl als Deutschlands Meisterstück gelten.

Regelrecht wütend aber werde ich bei der Vorstellung all derer, die sich zum virtuellen Scherbengericht über Beckenbauer zusammen rotten, obwohl sie beim rührend stupiden Sommermärchen die ersten waren, die sich die dämlichen Schlandketten oder schwarzrotgoldene Deppenkondome über die Außenspiegel gezogen haben. "Wir haben ja von nix gewusst!" Der Gipfel der Heuchelei.

Korruption im Weltfußball lässt sich nicht leugnen

Lautstark die Party mitfeiern und Jahre, nachdem die letzten Konfettireste weggefegt sind, plötzlich so tun, als hätte man nicht ahnen können, wieso da plötzlich Musik und Kartoffelsalat standen. Oder glaubt tatsächlich ernsthaft jemand, dass in einem Schweinesystem wie der FIFA ausgerechnet UNSERE Weltmeisterschaft halal sein soll? Die 6,7 Millionen um die es hier geht, gehen bei "Infantino Im- und Export" allenfalls als erschreckender Fall von Lohndumping durch.

Nein, wen die Korruption im Weltfußball wirklich aufrichtig stört, der hätte auch schon lange vor der Vergabe des Turniers Anfang der 2000er zu Massenprotesten aufrufen können, um zu verhindern, dass dem Blatter-Clan hierzulande der Rasenteppich ausgerollt wird.

Aber das wollte keiner. Und das will auch heute niemand ernsthaft. Denn die Konsequenz wäre: Den Weltfußball ignorieren. Aber das ist zu anstrengend. Da richte ich doch lieber meinen Zeigefinger auf Beckenbauer. Zumindest, bis ich den wieder brauche, um auf der Fernbedienung auf die Sky-Taste zu drücken.