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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Lieber "Katzeklo" als Rolf Zuckowski: Über die Musikerziehung von Kindern

Mehr-Generationen-Musik
© Dieter Braun
Ja, man kann jahrelang Kinderlieder hören. Man kann aber auch versuchen, die Vorlieben des Nachwuchses geschickt zu manipulieren.
Von Micky Beisenherz

Es gibt gute Gründe dafür, dass vierjährige Mädchen nur relativ selten gebucht werden, um als DJ in Clubs aufzulegen. Das ist nicht nur richtig, weil kleine Kinder nach sieben Wodka-Red-Bull schlecht schlafen (oder zu gut), sondern auch, weil sie nicht eben dafür bekannt sind, besonders viel Wert auf Variantenreichtum zu legen. Soll heißen: Es läuft immer dasselbe.

Im Alltag muss die Freude an der Wiederholung kein Problem sein. Bei meiner Tochter jedenfalls sind zunehmend Sachen dabei, die ich ihr erfolgreich eingeredet habe. Erlösenderweise treten wir in eine Phase verstärkter Entrolfzuckowskisierung ein, und das kann – bei allem Respekt vor dem Künstler – ja nur gut sein. Es öffnet sich ein Fenster, durch das wie Licht vermehrt meine musikalischen Einflüsse gleißen.

Helge Schneider als guter Kompromiss

Doch zunächst möchte ich lobend die Komponisten des "Bibi & Tina"-Soundtracks erwähnen, deren Hits ich nach Monaten in Dauerschleife mittlerweile rückwärts auf dem Thermomix nachklimpern könnte: Es sind gute Songs. Es war nie schlimm, sie mitzutanzen.

Trotzdem ist es mein größter Clou gewesen, meine Kleine durch kindischen Blödsinn und eskalierende Melodien mit einem Künstler vertraut zu machen, den ich als Vater selbst wieder entdeckt habe: Helge Schneider.

"Es gibt Reis, Baby", "Sommer, Sonne, Kaktus" oder "Katzeklo"– so was ist doch unschlagbar! Nicht zu reden von Textzeilen à la "Ich habe auf den Teppich gekotzt" oder "Scheiße, ich hab Läuse". Das verschämte Kichern auf dem Beifahrersitz ­signalisiert mir: Jepp. Alles richtig gemacht. Bei der sensationellen Nummer "Meisenmann" (wichtig! Die Liveversion mit "Udo Lindenberg" und "James Brown") treffen sich dann zwei Generationen ungehemmter Blödsinnsverehrung.Was für ein Genie, ernsthaft.

Als ich vor Jahren einmal im elterlichen Keller nach alten Platten suchte, wurde mir wieder einmal schmerzlich bewusst: So sehr mein Vater ein feiner Mensch ist, so wenig hat er mir musikalisch etwas mitgegeben. Hat er eigentlich je leidenschaftlich Musik gehört? Die alten James-Last-Ännchen-von-Tharau-Platten können es doch nicht gewesen sein.

Vielleicht hat er sich einfach nur geopfert, damit ich ungestört musikalisch rebellieren konnte, dieser tapfere Mann. Wenn der Vater Rondo Veneziano hört, lässt sich mit vergleichsweise harmlosen Interpreten wie Pearl Jam oder Dr Dre die akustische Resistance zur Elterndiktatur bilden.

Auch die Puppe hat ein Stimmrecht

Dagegen verbauen wir "Nenn mich doch beim Vornamen"-Eltern den Kindern jegliche Möglichkeit zur eigenen Kontur. Ich meine, welchen Auflehnungsspielraum lassen wir den Jugendlichen von heute, wenn der 43-jährige Papa Nirvana hörend auf dem Longboard nach Hause kommt? Kein Wunder, dass der Nachwuchs anfängt, Helene Fischer oder 187 Straßenbande zu hören, um noch irgendwie das Entsetzen in den Augen der Eltern herauszukitzeln.

Bei uns im Auto haben meine Tochter und ich uns auf einen Rhythmus geeignet: ein Lied von ihr, ein Lied von mir. Weil sie aber nicht doof ist, hat Annabelle, ihre Puppe, ebenfalls Stimmrecht. Also, ein Lied von Pippa, ein Lied von mir, eines von Annabelle.

Wenn sich dann allerdings Annabelle, die erstaunlicherweise denselben Geschmack hat wie meine Tochter, mit ihrer Puppenpiepsstimme "Fitze Fitze Fatze" von Helge Schneider wünscht, bin ich irgendwie doch wieder ziemlich weit vorn.


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