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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Sagen Sie jetzt bitte nichts

Es gibt Leute, denen man gern zuhört. Und dann gibt es die anderen. Denen fehlen leider gleich zwei Gaben: die zu reden und die zu schweigen. 

Von Micky Beisenherz

Sagen Sie bitte nichts

Mein Kumpel Klausi ist von Natur aus keine Plaudertasche, aber Schweigsamkeit ist eigentlich ja auch nicht weiter schlimm. Wenn man allerdings ein Café betreibt, ist sie nur bedingt von Vorteil – kann man Small Talk dort doch ungefähr so gut umgehen wie Kaffeebohnen oder Influencer.

Jetzt hat der arme Kerl gerade eine zweite Kaffeestube eröffnet. Pünktlich zum Beginn des Shutdowns. Timing ist keine Stadt in der Nähe von Wuhan.

Ein geschwätziger erster Stammgast 

Während der doch recht einsamen ersten Wochen saß Klausi allein im neuen Café, hörte alte Platten oder las. Nur ab und an wurde er unterbrochen von einem Laufkunden, der sich kurz ein Getränk zum Mitnehmen kaufte. Bis zu dem Tag, an dem erstmals Günther auftauchte. Günther, ein Herr um die 60, wollte einfach mal schauen, wer denn die Betreiber dieses neuen Cafés sind.

Seitdem sind die Leseminuten für Klausi weniger geworden. Und auch das wohlige Knistern der Bob-Seger-Platten hat deutlich an Reiz eingebüßt, seit Günther mit seinem Baden-Württemberg-Sound dagegen anschwätzt. Und das ist häufig.

Günther hat ebenso viel Zeit wie Klausi. Und leider hat er ­inzwischen beschlossen, diese fortan in ebendiesem Lokal zu verbringen. Der arme Barista verkauft dem Gast nun innerhalb von vier Stunden eine Tasse Filterkaffee, darf sich aber dafür absolut belanglosen Spätzle-Small-Talk anhören. Jeden Tag.

Und damit ist er nicht allein. Seit wieder mehr Kundschaft da ist, lässt Günther hin und wieder vom gebeutelten Besitzer des Cafés ab und setzt sich stattdessen zu den Gästen an die Tische. Um dort seine Anekdoten zu verklappen. Womit wir eindeutig in den Bereich der Geschäftsschädigung vorgedrungen wären.

Der sorgenvolle Blick des Café-Inhabers lässt erahnen, dass es bald zu einer Lösung kommen muss. Und sanftes Bitten wird nicht funktionieren.

Ihm fehlt lediglich das Gen zum Schweigen 

Auch ich musste meine Milde schon teuer bezahlen. So manches Bier konnte ich nicht mit Freunden trinken, weil mich auf dem Weg zurück zu meiner Clique irgendein Faktotum am Tresen abgefangen hatte, um mir von seinem Hund, seinem Urlaub oder dieser besonderen Begegnung mit dem einen "Herzblatt"-Moderator zu erzählen. Eine Aneinanderreihung von Nebensätzen. Ohne Punkt. Und ohne Pointe.

Manchen Menschen fehlt schlicht ein Gen, das sie erkennen lassen würde, wann es Zeit ist, das Gespräch zu beenden. Dabei gibt es ja durchaus Zeichen, die man lesen könnte. Zum Beispiel das völlige Ausbleiben von Teilnahme oder animierenden Nachfragen beim Gegenüber. Wenn das, was ein Gespräch sein sollte, so ähnlich wirkt wie das Besprechen eines siechen Leguans, dann sollte man das eigene Entertainmentpotenzial kritisch überprüfen.

Meine Freundin will mich schon vom Fenster aus dabei beobachtet haben, wie ich unten im Innenhof rückwärts Richtung Haustür ging, während ein redseliger Nachbar weiter auf mich zumarschierte. Ich meine, spätestens, wenn du deinen Fuß in die Tür stellst, um weiter auf jemanden einzureden, dessen einziger Beitrag zum Gespräch es war, im Rückwärtsgang zu schnaufen, musst du doch mal was merken! Aber nix.

Ach, das mit dem Social Distancing – man müsste damit konsequenter sein. Andererseits, was beschwere ich mich? Viele hatten lange Zeit keinen Friseur, dem sie alles erzählen konnten. Und wer hat schon den Luxus, sich anekdotisch im stern zu erleichtern?

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