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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier Pegida - The Walking Braindead

Pegida-Demonstration
© Arno Burgi/DPA
Selbst am 9. November marschieren sie stumpf weiter: Die Pegida-Demonstranten in beigen Cargo-Jacken sind Monster, geboren aus Angst und Hetze.
Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Günther Schabowski ist tot. Das ist für ihn persönlich bedauerlich. Erspart ihm allerdings die erneute Schwemme von Bildern, wie er ungelenk nach den Zetteln tastet oder Westdeutsche unbescholtenen Ossis auf das Trabbidach hauen. Herrliche Ostalgie.

Der 9. November. Das vermutlich wichtigste Datum der deutschen Geschichte. Ein Tag, der zeigt, wozu Deutschland fähig ist. Im Positiven wie im Negativen. Wir feiern die friedliche Revolution, während wir gleichzeitig daran erinnert werden, zu was für einer fürchterlichen Horde von Menschen sich eine vermeintlich zivilisierte Gesellschaft entwickeln kann.

Fast schon tragikomisch, dass ausgerechnet an dem Abend, an dem sich die Reichspogromnacht zum 77. Mal jährt, Pegida-Demonstranten mit Fackeln und gleichermaßen brennender Fremdenfeindlichkeit an das Hässlichste im Deutschen erinnern.

Und dies absurderweise auf ostdeutschem Boden. Dort, wo vor einem guten Vierteljahrhundert mit dem Mauerfall etwas Großartiges geschaffen wurde. Die deutsche Einheit. Der Prototyp der Willkommenskultur. Etwas, das uns ein paar Herzensungebildete nicht kaputt machen werden. Pegida. The Walking Braindead.

Selbst am 9. November wird stumpf weiter marschiert

Sonntagabend noch mit den Kindern unterwegs gewesen, um einem Ausländer zu gedenken, der einem Bedürftigen geholfen hatte. Montagabend dann: Fackelmarsch gegen Ausländer und Bedürftige. Man muss schon reichlich fertig sein, um an einem Datum wie dem gestrigen stumpf weiter zu marschieren.

Auf Anraten ihres geistigen Alpha-Müden Lutz Bachmann als Schweigemarsch. Der Ansatz dahinter ist gar nicht so schlecht: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten.

Sonst kommen nämlich so Sätze dabei raus wie der von Tatjana Festerling, für Bachmann sozusagen Frankensteins Braut, die das Schweigen durchbrach und den "deutschen Schuldkomplex der deutschen Naziherrschaft offiziell für beendet" erklärte. Deutlicher konnte sie nicht zum Ausdruck bringen, dass es dringlicher denn je ist, wachsam zu sein.

Der Braunschwemme nicht einen Zentimeter Boden zugeben. Immer wieder bin ich geneigt, diese paar Tausenden von besorgten Bürgern nicht zu ernst zu nehmen. AfD-Veranstaltungen, die aussehen wie der Weltkongress der Cargo-Jacken. Alte, teilweise sogar vernunftbegabte Leute, bei denen man den Eindruck hat, sie gehen nur auf die Straße, weil Busreisen so gefährlich geworden sind. Ein Kessel Beiges.

Jetzt, wo sie schon per Online-Petition Markus Lanz als "Wetten, dass ..?"-Moderator abgeschafft hatten, müssen sie ihren Kindern und Enkeln noch Deutschland als muselmanenbefreite Zone hinterlassen. Da packt einen mitunter die lässige Arroganz des vermeintlich Aufgeklärten.

Endlösung im AfD-Stil

Dann allerdings siehst du Bilder von einer AfD-Veranstaltung in Euskirchen. Und einen Teilnehmer, der den geistigen Schießbefehl des AfD-Super-GAULeiters Pretzell munter in den Saal hinein weiterdenkt: "Man muss sich nur an den Zweiten Weltkrieg erinnern, an unsere eigene Geschichte. Was haben wir denn da mit den Juden gemacht? Da gab es doch auch Möglichkeiten. Was anderes wird bald gar nicht mehr möglich sein. Die Flüchtlinge gehen ja nicht freiwillig." Endlösung im AfD-Stil.

Eine Partei, die laut Umfrage bundesweit bereits auf neun Prozent kommt. Ein Monster, geboren aus Angst und Hetze, für das sich sein Miterschaffer Hans-Olaf Henkel mittlerweile öffentlich schämt. Flankiert von geistigen Brandstiftern wie dem Anti-Christen Seehofer oder dem beispiellos inkompetenten Innenminister de Maizière, für den sich vermutlich sogar in einem RTL-Casting ein besserer Nachfolger finden ließe.

Unterstützt von viertklassigen Panikpostillen wie dem "Focus". Das ist das Blatt, das einem im Flugzeug immer gratis angeboten wird, bevor man zur "Super Illu" greift. Seit Wochen appelliert das umsatzschwache Blatt an die niedersten Instinkte, in dem sie die Fremdenangst mit der Angst vor finanziellen Einschnitten vermengt.

Die Folge sind Sätze, wie man sie wieder und wieder bei den einschlägigen Demos hört. Immer wieder dieses "ich kriege nur 500 Euro Rente - der Moslem kriegt 670 Euro! Ich bin voller Hass!" Deutschland. Neidkultur statt Leitkultur. Der böse Moslem. Erst nimmt er uns das Geld. Und dann die Identität.

Es war vermutlich das große Glück der Ostdeutschen, konfessionslos rüber gemacht zu haben. Wer weiß, ob die Einheit eine ähnliche Erfolgsgeschichte geworden wäre. Denn das ist sie zweifellos. Die Tausenden von lauten und Hunderttausenden von schweigenden Fremdenfeinden allerdings sollten uns wach halten.

Dass der 9. November 1989 für das Deutschland der Zukunft steht. Und nicht der 9. November 1938. Das sollte meiner Meinung nach sofort geschehen. Unverzüglich.


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