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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Sehnsucht nach Klementine

Auch früher haben sich Werbefiguren mit simplen Tricks unser Vertrauen erschlichen. Aber sie waren nicht so impertinent wie moderne Influencer.

Natürlich war früher nicht alles besser. Das weiß jeder, der mal versucht hat, mit einem Wählscheibentelefon eine Whatsapp zu verschicken. Manches aber, das wussten wir schon als Kinder. Etwa: Wenn Werbung kommt, dann wird weggeschaltet und auf das gute, richtige Programm gewartet.

„Gib jetzt den Gutscheincode ein und erhalte 20 % Rabatt auf die Gummi-Zehenschuhe!“

Anders die sogenannten Kids von heute. Egal, welcher filterblaseninterne Superhero bei Instagram zu sehen ist – jeder/ jede betreibt eine Dauerwerbesendung unter dem Signum der digitalen Freundschaft, um Proteinshakes, Kosmetik oder Spandexhosen an begeisterungsfähige Follower zu verbimmeln. Dies geschieht mit einer Aggressivität, bei der sich jeder Vorwerk-Verkäufer beschämt wegdrehen würde: „Gib jetzt den Gutscheincode ein und erhalte 20 % Rabatt auf die Gummi-Zehenschuhe!“ Präsentator und Zuschauer liefern sich dabei ein Rennen um die schnellstmögliche Selbstherabwürdigung.

Dabei ist das Prinzip alt. Die Elterngeneration erinnert sich zum Beispiel gern an die stets gut gelaunte Klementine, die als eine Art Ur-Influencerin deutsche Haushalte durch den TV-Schirm besuchte, um entnervten Hausfrauen mit Ariel einen Silberstreif am grauschleiernen Horizont aufzuzeigen.

Ja, auch diese Werbefiguren haben sich unser Vertrauen erschlichen, familiäre Wärme und Freundschaft simuliert. Und manchmal auch nur so getan, als würden sie Nachrichten vermelden. Wo Klementine auf eine gewisse Seniorendrolligkeit setzte, ließ die Konkurrenz einen Michael-Schanze-artigen Pseudo-News-Anchor auf die Leute los, der aus dem Persil-Studio von sensationellen Neuigkeiten aus der Welt der Sauberkeit berichtete. Kein Waldsterben, kein Tschernobyl – nur begeisterte Frauen in Tiefenreinheitsekstase ob der Ereignisse in der Waschtrommel.

Hui, da wurde aber gejuchzt.

Für mich als Kind waren diese Menschen sehr vertraut. Der kesse alte Butler, der bei der honorigen Marianne Koch daheim ungerührt das Tafelsilber mit der Ado-Gardine putzte, weil es im gesamten Hause eben kein besseres Material gab als die Vorhänge mit der Goldkante. Vermutlich nur einen Kameraschwenk weiter saß die Musterfamilie beim Sonntagskaffee beisammen, als unangemeldet (und offenbar mit einem Schlüssel ausgestattet) Kaffeebaron Albert Darboven auftauchte. Als gütiger Patriarch alter Schule guckte er gern persönlich nach, was seine Schäfchen in die Filtertüten schaufeln. Für alle völlig überraschend hatte er stets zwei Packungen seines Idee-Kaffee hinterm Rücken versteckt. Hui, da wurde aber gejuchzt.

Ganz anders Klausjürgen Wussow, der, vermutlich aus Angst vor Touristenbussen, mit einem Ruderboot hinaus auf den See fuhr, um sich in dessen Mitte eine gute Tasse Kaffee Hag zu gönnen. Der Schonende. Hätte er gewusst, was in den Neunzigern noch auf ihn zukommen sollte – er hätte ihn direkt aus der Kanne gesoffen.

Hoffen wir für sie, dass sie beim Dreh wenigstens echten Kaffee trinken durften.

Der Hanseaten-Grönemeyer Volker Lechtenbrink wiederum verkaufte die Rechte an seinem Smash Hit „Ich mag“ an die Kornkaffeehändler von Caro und schmetterte diesem Oberstudienratsespresso eine neue Hymne, während ein gut gelauntes Pärchen gezwungen wurde, in irgendwelchen Feldern an einem roten Tisch (das Logo, Leute, das Logo!) Kaffeepause zu machen. Hoffen wir für sie, dass sie beim Dreh wenigstens echten Kaffee trinken durften. Und nie vom Mähdrescher erfasst wurden.

Heute also Bibis Beauty Palace und Cathy Hummels und die nüchterne Erkenntnis: Wenn man schon beschissen wird, dann doch lieber von professionellen Schauspielern.