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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: ZSMMN - der (ger)manische Patient

Nach der Niederlage gegen Mexiko wird sich kollektiv über die DFB-Elf aufgeregt. Alles und jeder wird infrage gestellt. Ärgerlich, findet Micky Beisenherz.

Joachim Löw

Bundestrainer Joachim Löw steht gegen Schweden ein schweres Spiel bevor.

DPA

Das Beste, das man über diese WM sagen kann ist bislang, dass sie arbeitnehmerfreundliche Anstoßzeiten hat. Und wenn der Videobeweis plötzlich zur positiven Überraschung wird, ist wirklich was nicht in Ordnung.

Das wirklich Ärgerliche an diesem Turnier aber ist: . Und damit meine ich nicht die Mannschaft. Wir werden uns alle entschuldigen müssen. Als hysterischer, nervöser Haufen, der wir sind.

Bereits morgen, wenn die Elf die Schweden deutlich mit drei null geschlagen haben wird, werden einige merken, dass vielleicht doch nicht alles SOOO fürchterlich war und Jogi Löw keine totale Pfeife und wir ja doch wieder Weltmeister werden.

Sollte das tatsächlich gelingen - die Mannschaft sollte nicht mit "den Fans" feiern. Wer bereits nach der ersten Niederlage alles und jeden infrage stellt, braucht nichts von Zusammenhalt erzählen.

Wir haben in diesem Turnier nach wie vor eine der besten Mannschaften, bestehend aus absoluten Top-Spielern.

Ja, die Mischung hat noch nicht gestimmt und die romantischen Gefühle des Nationaltrainers für den ein oder anderen Weltmeister haben den objektiven Block getrübt, aber:

Bis auf oder Kroatien hat KEINE der größeren Nationen bislang überzeugt (wenngleich sie trotzdem Punkte geholt haben) und (deutsche) Weltmeisterschaften sind zumeist nur in der Rückschau ungetrübte Freudenfeste.

Erinnern wir uns nur an das maikrawallige Achtelfinale gegen Algerien oder Higuains Torchance im Finale gegen Argentinien, die "goldene Generation" um Schweinsteiger wäre eine verlorene gewesen und Jogi Löw sowieso ein Nichtskönner und nicht der Zauberer, der es ja immer schon konnte.

Eigentlich ein Witz, dass Jogi Löw tatsächlich nochmal den Titel holen muss, um unmissverständlich klar zu machen, dass wir 2014 den Titel nicht trotz, sondern wegen ihm geholt haben.

Wir. Was heißt eigentlich "wir".

Bislang hat die Anhängerschaft wenig Anreiz geboten, sich aufzuopfern beim Gedanken an die treuen Augen des solidarischen Fans. Es ist ärgerlich, wie wir – analog zum Rest deutscher Befindlichkeiten – gleich alles und jedes infrage stellen, nur, weil unsere überzogene Erwartungshaltung nicht gleich erfüllt wird.

Der (ger)manische Patient.

Kaum ist der Abpfiff ertönt, erreicht uns mit der Hymnendiskussion das nötigste Comeback seit Ebola. Da wird mehr als nur doppeldeutig gemutmaßt, "Özil fühlt sich nicht wohl im DFB- Trikot", jeder Zweiertisch im Frühstücksraum wird zum großen Zerwürfnis umgedeutet und eine ganze Riege ehemaliger Fußballer aus der Vokuhila-Rotz-und-Umgrätsch Puffgang fühlt sich genötigt, der Nation bei Plasberg und Co. zu erklären, warum mit ihnen ein derartiges Versagen früher undenkbar gewesen wäre und das heutzutage ja eh alles verwöhnte Lappen sind, die nie was gewinnen werden.

Wir sollten die WM einfach mal genießen

Gerne wird da außer Acht gelassen, dass man da gerade über die amtierenden Weltmeister redet.

Überdies kommt diese "auf der Stube den Code Red befehlen"- Romantik nahezu ausschließlich von denen, die zusammen genommen weniger Länderspiele haben als Toni Kroos und deren größter Erfolg eine vorzeitige Abreise von der WM 1994 ist.

Wirklich absurd!

Typen, die im Nationaldress außer dem Syndesmoseband nix gerissen haben, erklären Hummels und Co wie es zu laufen hat.

Aber es sind einfach Zeiten, in denen der wütende, alte weiße Mann unter tosendem Applaus die Wirklichkeit massenkompatibel verdrehen darf.

Ich möchte nicht Teil einer solchen Fankultur sein.

Ja, das - Spiel war Mist.

Nein, die Mannschaft ist es nicht.

Keine Ahnung, ob sie die Qualität hat, den Titel zu verteidigen.

Es gehört ja auch immer eine gehörige Portion Glück dazu (oder ein remisfreundlicher Turniermodus wie bei der EURO 16).

Sicher aber sollten wir

  1. die WM einfach mal genießen. Sie wird für ca. zwölf Jahre die letzte sein, die wir nach klassischem Standard (Jahreszeit, Anstoßzeit) erleben können, und:
  2. die Mannschaft einfach mal ganz unkritisch und bräsig unterstützen und ihr Grund geben, sich für die tollen Fans den Arsch aufzureißen.

Wie können wir erwarten, dass das Nationalteam eine eingeschworene Gruppe ist, wenn wir vor den Bildschirmen schon in einen Haufen zeternder Individualisten zerfallen.

Deshalb: #ZSMMN- selbst, wenn sich das wirklich absolut bescheuert liest.