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Krise in der Veranstaltungsbranche Musical-Macher Maik Klokow: "Vor einer Gesellschaft ohne Kultur kann ich nur warnen"

Maik Klokow
Musical- und Theaterproduzent Maik Klokow: "Ich finde ganz erstaunlich, mit welcher Geduld wir Deutschen das hier alles ertragen"
© Jochen Quast
Maik Klokow verantwortet Musicals wie "Starlight Express" und hat das "Harry Potter"-Theaterstück nach Deutschland geholt. Ein Gespräch über Planungsschwierigkeiten in der Pandemie, die Geduld der Deutschen – und warum er trotz der Krise guter Dinge ist.

Maik Klokow kann auf mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Produktion von Schauspiel, Tanz- und Musiktheater zurückblicken. Der frühere Geschäftsführer der Stage Entertainment in Deutschland ist inzwischen Chef der Firma Mehr-BB Entertainment und hat in dieser Funktion unter anderem das "Harry Potter"-Theaterstück nach Hamburg geholt, das eigentlich im vergangenen Jahr starten sollte. 

Aber dann kam für Klokow und die ganze Branche die Pandemie dazwischen – und der ganze Betrieb zum Stillstand. Im stern-Interview berichtet der gelernte Bühnenmeister von Mitarbeitermotivation in der Krise, der prekären Lage der Soloselbstständigen und den schwierigen Planungen für die Zukunft.

Herr Klokow, wie können wir uns Ihren Arbeitsalltag in der Pandemie vorstellen?

Der Alltag wird davon bestimmt, dass man sich täglich informiert: Was ist der neueste Sachstand bezüglich Impfungen, Tests und möglichen Öffnungsszenarien. Außerdem gilt es zu kalkulieren, das Geld zusammenzuhalten – es muss ja irgendwie reichen, um durch die Krise zu kommen. Und nicht zuletzt müssen wir die Mitarbeiter bei der Stange halten, die nun auch schon seit über einem Jahr in dieser Situation sind. Für sie ist das auch nicht ganz einfach.

Wie schwierig ist das eigentlich, nach so einer langen Zeit die nötige Hoffnung zu vermitteln?

Das gelingt uns eigentlich ganz gut. Wir haben einmal im Monat ein Gespräch mit allen Mitarbeitern, die per Videokonferenz dazugeschaltet werden. Da sind dann rund 280 Leute dabei. Dann präsentieren wir den neuesten Geschäftsführerbericht, die aktuellen Entwicklungen und unsere Einschätzung der Lage. Wir zeigen damit auch auf, dass wir an der Zukunft arbeiten – und diese Zukunft beginnt bei uns hoffentlich im Oktober für "Starlight Express" und im Dezember für "Harry Potter".

Wie zuversichtlich sind Sie, diese Termine am Ende dann auch einhalten zu können?

Ich war zumindest noch nie so guter Dinge wie im Moment. Weil ich glaube, dass dieser Impfstoffstau sich bald auflösen wird. Wenn erstmal genug Impfstoff da ist, haben wir alle Kapazitäten, um den Rückstand aufzuholen. Ich denke, dann können wir bis Ende August die Herdenimmunität erreichen.

Wie haben Sie eigentlich die Unterstützung und die Hilfen der Regierung für ihre Branche wahrgenommen? 

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Wir sind ein sehr komplexer und komplizierter Wirtschaftszweig. Die meisten kennen Theater nur aus dem Subventionsbetrieb. Bei uns ist das natürlich ein bisschen anders: Viele Rechnungen laufen einfach weiter, wir haben laufende Kosten von 1,5 Millionen Euro im Monat – also Geld, das wir jeden Monat verbrennen. Anträge haben wir schon eine Menge gestellt, Absagen haben wir auch schon einige erhalten.

Manche halten die Kultur für nicht systemrelevant.

Natürlich sind wir ein Segment aus dem Bereich Unterhaltung, bei dem man sich fragen kann: Braucht man das oder braucht man das nicht? Aber davor kann ich nur warnen, denn eine Gesellschaft ohne Kultur und Unterhaltung ist keine Gesellschaft. Wir haben in der Vergangenheit genug Beispiele gesehen, wo das kulturelle Leben unterdrückt, verboten oder nicht möglich war – das ist ein Armutszeugnis für jede Gesellschaft. Und was wir nicht vergessen dürfen: Die Unterhaltungsbranche finanziert sich selbst. Das sind private Geldgeber, die daran glauben, mit Kunst und Kultur Geld zu verdienen, und die kann man nicht einfach so beiseite schieben. 

Besonders schwer sind die zahlreichen Soloselbstständigen von der Situation betroffen.

Bei uns ist das ein sehr großes Thema, weil viele der Darsteller keinen festen Vertrag hatten und inzwischen Hartz IV beantragen oder umschulen mussten. Ich hoffe, dass wir nicht zu viele Kollegen an andere Jobs verlieren und dass deshalb jetzt ein Talentschwund stattfindet. Das wäre Deutschland nicht zu wünschen, weil dann die Reichhaltigkeit und Vielfalt des Angebotes nicht mehr gegeben wäre.

Wie stark spüren Sie in Ihrem persönlichen Umfeld eigentlich, dass die Menschen das Theater und die Unterhaltung vermissen?

Wir erhalten so viel positiven Zuspruch. Es ist ein großes Loch entstanden bei den Leuten. Viele berichten mir, dass sie früher zwar vielleicht nur ein oder zwei Mal pro Jahr im Theater waren, aber trotzdem ist es für sie das Schlimmste, dass sie das zurzeit nicht mehr machen dürfen. Das Ausgehen, das Sich-darauf-Vorbereiten, und schließlich das Gefühl, mit vielen anderen Menschen etwas gemeinsam zu erleben und anschließend darüber zu reden – das ist etwas ganz Besonderes.

Und es ist schön zu sehen, dass unser Publikum uns so treu zur Seite steht. Das sehen wir auch an den Umbuchungsquoten: Natürlich gibt es die Möglichkeit, sein Geld zurückzubekommen, wenn man Tickets gekauft hat, aber nur sechs Prozent nehmen diese Option wahr. Das ist gar nichts, das ist verschwindend gering. 

Und wie empfinden Sie ganz allgemein die Stimmung im Land nach gut einem Jahr Pandemie?

Ich finde ganz erstaunlich, mit welcher Geduld wir Deutschen das hier alles ertragen. Wenn ich als Privatmann diese Impfstrategie so umgesetzt hätte, wie Herr Spahn und seine Kollegen das gemacht haben, dann hätte man mich wahrscheinlich schon rausgeschmissen und gleichzeitig noch vor Gericht gestellt wegen unterlassener Hilfeleistung. Aber wie stoisch und fast schon obrigkeitshörig das hingenommen wird, ist bemerkenswert. Und ich hoffe, dass die Politik nicht den gesamten Kredit verspielt, den sie sich in den Anfangsmonaten so hart erarbeitet hat. Es muss eindeutige Entscheidungen und eindeutige Perspektiven geben. Das heißt nicht, dass morgen alles aufgemacht werden muss, aber es muss klar sein, unter welchen Bedingungen aufgemacht werden kann. Es gibt dafür weltweit genug Beispiele. Wir müssen nicht immer Vorreiter sein, wir können auch von anderen lernen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Politik die von ihnen entwickelten Hygienekonzepte zu lange ignoriert hat?

Sie wissen ja, wie das ist: Da ist ein Gesundheitsamt in Hamburg-Mitte, dem sie ihr Konzept vorlegen, das dort dann auch für super befunden wird – aber die trauen sich halt nicht, irgendetwas zu entscheiden. Was meinen Sie, was für eine mediale Welle auf dieses Gesundheitsamt in Hamburg-Mitte zurollt, wenn die plötzlich sagen würden: Alles klar, ihr könnt aufmachen. 

Was ist also die Alternative?

Es braucht in so einer Situation einfach übergeordnete Stellen, die grundsätzliche Richtlinien vorgeben. Aber solange wir nicht in der Lage sind, die unterschiedlichen Konzepte – das von uns und das der Politik – in Einklang zu bringen, gibt es da auch kein gegenseitiges Verständnis. Und das macht es für uns als Kulturbetrieb sehr schwierig, eine Planungssicherheit hinzubekommen – und ich spreche da nicht von kurzfristiger Planung, sondern von mittelfristiger und langfristiger.

Interessanter Punkt: Wie planen Sie eigentlich zu diesem Zeitpunkt eine Saison 2021/22?

Wir müssen da drei Planungen unterscheiden. Wir haben einmal die Planung für unsere Theaterbetriebe, in denen keine festen Produktionen stattfinden und wo Produzenten sich mit ihren Shows einbuchen können: der Admiralspalast in Berlin, der Musical Dome in Köln oder das Capitol-Theater in Düsseldorf.

Als zweites Segment kommen die sogenannten Open-End-Produktionen hinzu, also "Starlight Express" in Bochum und "Harry Potter" in Hamburg – da müssen wir sehr langfristige Entscheidungen treffen, weil es einen Vorlauf von drei bis vier Monaten bedeutet, wenn sie eine Produktion aufmachen wollen. Wenn wir also im Dezember starten wollen, müssen wir unsere Leute im August zusammenbringen, damit das Stück neu inszeniert werden kann. Außerdem müssen Marketing- und Kommunikationskampagnen gefahren werden, damit wir auch genügend Zuschauer erreichen, die dann auch hoffentlich kommen. Hier haben wir inzwischen die Entscheidung getroffen, dass wir in Bochum im Oktober und in Hamburg im Dezember starten wollen.

Und was hat es mit dem dritten Businessmodell auf sich?

Das ist das komplexeste von allen: das Tourneegeschäft. Wir haben im Jahr ungefähr 2500 Tourneeveranstaltungen, die wir in der ganzen Welt veranstalten. Diese Koordination ist wahnsinnig aufwendig, weil sich die Lage in den einzelnen Ländern zum Teil natürlich stark unterscheidet – zumal es sich dabei meist um internationale Produktionen handelt, die teilweise in England oder den USA produziert und dann hierhergebracht werden, um sie in verschiedenen Städten und Theatern zu zeigen. Daran arbeitet bei uns ein Team von zwölf Leuten über 40 Stunden pro Woche, um die ganzen Umbuchungen vorzunehmen.

Herr Klokow, wie ist es nach bald 14 Monaten Pandemie eigentlich um ihre eigene Geduld bestellt?

Meine Aufgabe und die meines Co-Geschäftsführers Ralf Kokemüller ist es, die Leute zusammenzuhalten und zu motivieren. Das versuchen wir mit allen Unwägbarkeiten, die es gerade gibt. Wir sehen aber auch Beispiele aus England oder Amerika, wo wir ebenfalls mit Firmen vertreten sind, wie schnell es dann irgendwann auch vorangehen kann. Diese 24/7-Impfungen wie in Amerika kann ich mir irgendwann auch für Deutschland vorstellen. Ich möchte jedenfalls nicht hören, dass Impfzentren von 8 bis 15 Uhr geöffnet haben – dann spring ich hier im Dreieck. Nein, die Zentren müssen 24 Stunden offen sein, damit die jüngeren Leute auch abends oder nachts gehen können, wenn sie möchten, und die Berufstätigen eher am Tag oder späten Nachmittag. Aber grundsätzlich glaube ich daran, dass unsere Politiker lernfähig sind und aus dem Desaster ihre Konsequenzen ziehen werden.

Was macht Sie da zuversichtlich?

Die Bundestagswahl steht bevor. Wenn im August die Herdenimmunität erreicht ist, hat die CDU auch eine Chance wiedergewählt zu werden. Wenn sie es jetzt vergeigen, dann war es das.


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