HOME

US-Sängerin: "Ich lächle mit dem Mittelfinger!“ - Billie Eilish im Interview

Sie singt in morbid-melancholischen Songs über das Erwachsenwerden. Die 17-jährige Amerikanerin Billie Eilish ist auf dem Weg zum größten Popstar ihrer Generation.

Billie Eilish

Billie Eilish, 17: "Ich bin die älteste Version meiner selbst!"

Der "meistdiskutierte Teenager der Welt" hockt in einem kleinen dunklen Backstageraum im Hamburger Club "Übel und Gefährlich" und hält die Hände an eine alte Elektroheizung. "Scheißkalt in diesem Scheißraum hier", sagt Billie Eilish zur Begrüßung. Ihre Mutter sitzt auf einem Stuhl in der Ecke, im Gegensatz zu ihrer Tochter lächelt sie. Es sieht fast ein bisschen aufmunternd aus.

Billie trägt eine tief hängende Jogginghose und zwei verschiedene Nike-Turnschuhe, ihre Haare sind blau und ihre Haut blass. Sie ist 17 Jahre alt, und der Drummer und Gitarrist der Foo Fighters, Dave Grohl, verglich sie gerade mit der Band Nirvana. Grohl sagte: "Was 1991 mit Nirvana passierte, passiert gerade mit ihr!" Die "Vogue" bezeichnete sie als "Pop's next It-Girl". Der "Rolling Stone" als "die Lana Del Rey der Generation Millennium". Was den Hype und die Klicks betrifft, ist Billie Eilish gerade so etwas wie die internationale Teenagerversion des deutschen Rappers Capital Bra. Was sie anfasst, wird zu Gold. Die melancholisch-morbiden Songs, die Billie mit ihrem Bruder aus dem Kinderzimmer in Los Angeles produzierte, wurden millionenfach auf Spotify und Youtube gehört.

Billie, du bist in L. A. in einer Künstlerfamilie aufgewachsen, deine Eltern arbeiten als Schauspieler. Klingt nach einem ziemlich guten Start ins Leben.
Der Begriff Künstlerfamilie wird oft falsch interpretiert, es hört sich an, als ob ich eine reiche Schlampe gewesen wäre, was einfach nicht stimmt, kannst du meine Mutter fragen. Wir waren und sind nicht reich. Meine Eltern schlafen immer noch auf der Schlafcouch im Wohnzimmer, weil uns ein Raum fehlt. Wir konnten uns ziemlich wenig leisten, früher meistens nicht mal die Turnschuhe, die ich gerne wollte. Was nicht schlimm ist. Ich hatte eine großartige Kindheit, aber meine Eltern sind keine Glamour-Hollywoodstars, die man vom roten Teppich kennt.

Deine ersten Songs hast du mit deinem Bruder Finneas produziert. Im Kinderzimmer. In einem Alter, in dem andere ihre Brüder vor allem hassen. Wie schafft man es, mit seinem älteren Bruder professionell zusammenzuarbeiten?
Wir streiten natürlich auch, und er sagt Sachen zu mir, wenn das jemand anderes zu mir sagen würde, würde ich nie wieder etwas mit ihm zu tun haben wollen. Aber er ist eben mein großer Bruder.

Und dazu ein sehr talentierter Produzent und Songschreiber.
Finneas ist brillant. Er bildete sich aber immer schon ein, er sei kein guter Sänger. Deshalb kam er irgendwann mit einem selbst geschriebenen Song zu mir und sagte: Billie, sing du das mal. So fing alles an.

Viele deiner Fans sind junge Frauen. Bist du Feministin?

Billie Eilish

Aus der Zerrissenheit des Erwachsenwerdens, den Pickeln, der Wut, der Melancholie destilliert Billie Eilish gerade richtig guten, rotztraurigen Pop. Ihr neues Album "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?", das am 29. März erscheint, packt sie an manche Stellen ein bisschen zu viel Stimmeffekte, ansonsten ist es bedingungslos zu empfehlen. Übrigens auch für Menschen, die älter als 18 Jahre alt sind.

Natürlich, in dem Sinne, dass ich finde, dass Frauen dasselbe verdienen sollten wie Männer. Dasselbe Gehalt. Dieselben Rechte. Denselben Respekt. Und gerade diese Gleichberechtigung existiert eben noch nicht auf der Welt. Das ist wie bei der Diskussion um die "Black Lives Matter"-Bewegung. (Anmerkung der Redaktion: Black Lives Matter ist eine internationale Bewegung, die innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft in den USA entstanden ist und sich gegen Gewalt gegen Schwarze einsetzt. Die Bewegung organisiert regelmäßig Proteste, etwa gegen Polizeigewalt und Rassenungleichheit.)

Wie meinst du das genau?
Da kommen doch auch die Gegner und sagen, ja, aber es zählt doch nicht nur schwarzes Leben, jedes Leben zählt doch. Da denke ich mir immer, ja Mann, ihr kapiert es aber einfach nicht. Es geht jetzt gerade nicht um euch. Es ist in unserer Gesellschaft härter, schwarz zu sein als weiß, das ist ein Fakt. Und es ist härter, eine Frau zu sein als ein Mann. Und dieses Ungleichgewicht muss doch erst mal in Ordnung gebracht werden. Ich stelle mir das immer vor wie bei einem Feuerwehreinsatz. Da ist eine Siedlung voller Häuser, und ein paar brennen. Und dann kommen die anderen zur Feuerwehr und sagen, ja, aber da sind doch auch noch andere Häuser. Die brennen zwar nicht, aber könnt ihr die nicht auch löschen?

Was ist der größte Fehler von Erwachsenen bezogen auf Teenager?
Dass sie uns unterschätzen.

Nervt es dich eigentlich, dass du immer über dein junges Alter sprechen musst?
Es nervt, wenn Leute mich fragen, wie es ist, in meinem Alter, also so jung, schon erfolgreich in der Musikindustrie zu sein, weil ich mir dann denke, was ist das für eine Frage? Ich war ja nie älter. Ich bin doch für mich gerade schon uralt, die älteste Version meiner selbst.

Es wurde über dich geschrieben, du würdest nie lächeln.
Blödsinn. Welcher Freak lächelt denn nie? Ich lächle nur nicht, wenn es jemand von mir verlangt. Dann lächle ich mit meinem Mittelfinger. Ich bin schließlich kein Accessoire.

Was ist dein Lieblingsbuch?
Buch?

Ja.
Puh. Ich lese nicht.
Räuspern aus der Ecke ihrer Mutter. Mutter: Liebling, früher hast du gelesen. Zum Beispiel das Buch "Love That Dog". Das hast du geliebt.
Billie: Okay, Mama, das habe ich gelesen, aber da war ich zehn.

Du hast 15 Millionen Fans auf Instagram. Wie hast du das gemacht?
Indem ich Instagram nicht allzu ernst nehme. Ich poste ja fast nur Grimassen.

Du hast nach eigener Aussage das Tourette-Syndrom. Fluchst du deshalb so viel?
Nein. Aber ich habe Ticks, die ich mir allerdings abtrainiert habe. Niemand bemerkt sie. Bilde dir das bloß nicht ein!

Okay. Dein Name ist Billie Eilish Pirate Baird O'Connell. Klingt ein bisschen wie bei Pippi Langstrumpf.
Wer zum Teufel ist Pippi Langstrumpf?

Eine schwedische Kinderbuchfigur. Ihr echter Name lautet Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf.
Es gibt also offenbar noch verrücktere Leute als meine eigenen Eltern.

Ist es gerade eine Last oder eine Bereicherung, Billie Eilish zu sein?
Ich würde sagen, 50/50. Manchmal frage ich mich schon: Warum zur Hölle tue ich mir das an? Alle scheinen so riesige Erwartungen an mich zu haben. Es ist nicht leicht, sich davon frei zu machen. Vor allem, wenn man die ganze Zeit unterwegs ist.

Kannst du dir nicht einfach einen Tag freinehmen?
Nein. Die Tour ist ja komplett durchgeplant.
Mutter: Das stimmt nicht, Billie. Einmal hatten wir einen Tag frei und haben uns Sehenswürdigkeiten angesehen. Das war in, warte mal, wie hieß die Stadt noch mal? Dortmund!
Billie: Stimmt. Da sind wir zum Wasser gelaufen. Und niemand hat mich dort erkannt. Das habe ich geliebt.
Mutter: In Tokio hat dich auch niemand erkannt. Als du Takashi Murakami getroffen hast.

Ist deine Mutter deine Managerin?
Um Gotteswillen, nein! Sie ist meine Assistentin.

Auf das Konzert von Billie Eilish gehe ich später mit einer Freundin, die auch Anfang 30 ist. Wir füllen alterstechnisch und physisch die Lücke zwischen den Teenagern und ihren Eltern. Die Teenager quetschen sich vorn an die Bühne. Die Eltern stehen hinten. Wir stehen etwas allein gelassen zwischen den beiden Fronten, es bildet sich tatsächlich eine Art Graben. Die Teenager vorn schreien: "Billie, wir lieben dich!" Die Eltern hinten sagen Sätze wie: "Charlotte ist irgendwo da vorn, die ist bestimmt völlig dehydriert."

Nach dem Konzert fasst ein junges Mädchen die Stunden so zusammen: "Das war heute der schönste Tag meines Lebens. Vielleicht auch der schlimmste."
"Ey, genau so", sagt die Freundin.