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Bruce Springsteen: Der nette Kerl von nebenan

Greetings from Asbury Park: Bruce Springsteen gab Montagabend ein Konzert in seiner Heimat New Jersey. Zur Probe für seine Tournee, die im Oktober beginnt. Dann erscheint auch sein Album "Magic". Wie klingen die neuen Songs, kommen sie an beim Publikum?

Von Ulrike von Bülow, Asbury Park

Es ist zwei Minuten nach sieben, als der Boss vorfährt. Er sitzt am Steuer seines grauen Range Rovers, der so groß ist wie ein Mannschaftsbus, und guckt stoisch geradeaus. Anders seine Gattin auf dem Beifahrersitz, die aus dem Fenster schaut und winkt wie Queen Mum. Der Wagen verschwindet in einer Einfahrt, hinter ihm schließt sich das Tor.

Die Springsteens hatten es nicht weit, sie haben heute ein Heimspiel. Asbury Park, ein Seebad an der Atlantikküste New Jerseys, liegt keine 20 Minuten von ihrem Wohnort Colts Neck entfernt. Sie treten gleich hier auf, in der "Convention Hall", einem schön abgerockten Saal mit Stuck an der Decke, der normalerweise 3500 Besucher fasst. Heute nicht, heute passen nur 1700 Menschen hinein, denn der Boss hat seine neue Bühne mitgebracht, und die braucht Platz. Bruce Springsteen gibt mit seiner E-Street-Band, in der Ehefrau Patti Scialfa Gitarre spielt, ein kleines Probe-Konzert für seine große Tournee, die am 2. Oktober beginnt; dann erscheint auch sein neues Album "Magic".

Im Foyer steht Sherry, rote Haare, kleine Brille, und sagt, sie habe eine Tochter, die reite mit der Tochter der Springsteens im Verein, "und er kommt jeden Sonntag und guckt zu. Er ist ein netter Kerl". Ihr Mann Larry, graue Haare, große Brille, nickt und sagt, er habe früher auch Musik gemacht, "und einmal spielte ich mit Southside Johnny im Stone Pony, das ist ein Club hier um die Ecke, und da kam Bruce plötzlich auf die Bühne gesprungen und schnappte sich eine Gitarre. Er geht heute noch dorthin."

Springsteen ist ein Jersey Boy

"Welcome, welcome, welcome", sagt der nette Mr. Springsteen, als er um kurz nach halb neun die Bühne betritt. "Ihr wisst ja, das ist nur eine Probe, es kann sein, dass uns ein paar Fehler passieren, aber..." Er lächelt. Er trägt ein schwarzes Hemd, die oberen vier Knöpfe offen, eine schwarze Jeans und das Haar länger als sonst. So sieht er ein bisschen aus wie Hugo Egon Balder. Der erste Song des Konzerts ist der erste Song des neues Albums: "Radio Nowhere". Man kann nicht sagen, ob er gut ist oder schlecht, dafür ist der Sound etwas zu breiig. Seinen Fans ist das herzlich egal, sie klatschen, als habe er gerade einen alles entscheidenden Home-Run erzielt.

Springsteen ist ein Jersey Boy, er wurde in der Nähe geboren, er lebte als junger Mann hier in Asbury Park und spielte in verschiedenen Bands. Sein erstes Studio-Album hieß daher "Greetings from Asbury Park, N.J.", es erschien 1973. Er hat bis heute allein in den USA über 60 Millionen Alben verkauft, es hätte ihn nach New York ziehen können oder nach Los Angeles, aber er blieb in New Jersey. Das weiß man hier zu schätzen.

Die Menschen von New Jersey sind die Helden der Nacht

New Jersey, das heißt: weiße Arbeiterbevölkerung, viel Industrie. Die Menschen hier tragen Holzfällerhemden und Shorts, Lederwesten und Jeans, Männlein wie Weiblein. Mit dem glitzernden, schnellen Manhattan auf der anderen Seite des Hudson können sie nichts anfangen. Dass die New Jersey Nets, ihr Basketball-Team, gerade nach New York ziehen, ins boomende Brooklyn, ist bitter. Aber mit Bruce Springsteen wird ihnen so was nicht passieren.

Nach dem dritten Lied wird der Sound besser, er wird so gar richtig gut, Springsteen singt "Empty Sky", sein Statement zum 11. September, oder "Night", einen Song aus den 70ern, und immer wieder wird das Licht über der Bühne dunkler und über dem Publikum ganz hell: Die Menschen von New Jersey sind die Helden der Nacht. Sie spielen Luftgitarre und klatschen sich ab, und als der Boss mit geschlossenen Augen singt "This is my hometooown", übernehmen sie den Refrain: "Your hometooown". Nach dem Song brüllt jemand "Happy Birthday" in den Saal, Springsteen ist gestern 58 Jahre alt geworden, und dann singen sie ihm alle ein Ständchen.

Bei seiner einzigen kleinen Rede, über "Dinge, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie hier passieren könnten", Dinge wie Folter, guckt Springsteen auf den Spickzettel, der am Boden liegt. Dass er alt ist, sieht man: Er stapft über die Bühne, Springsteen springt nicht mehr. Aber man hört das Alter nicht.

Es gibt fünf Stücke zu hören von "Magic", dem neuen Album; sie klingen gut, das ist typischer Springsteen-Energie-Rock. Dazu gibt es Klassiker wie "Promised Land" oder "No Surrender" und am Ende, bei den Zugaben, "Born To Run" - wenn das hier heute nur eine Probe ist, muss man sich um seine Tournee keine Sorgen machen.

Nach über zwei Stunden und 20 Songs verabschiedet sich der Boss. Springsteen küsst seine Gattin auf die Wange, winkt noch einmal seinen Freunden aus New Jersey zu, dann ist er weg. Draußen, vor der "Convention Hall", sieht man wenig später eine sehr gestretchte, weiße Limousine vorfahren. Aber die muss wohl für seine Band sein.