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Daniel Barenboim wird 70: Zwischen Dirigentenpult und Politik

Dirigent, Pianist, Versöhnungsapostel - Daniel Barenboim ist ein Global Player der Musikwelt. An diesem Donnerstag wird er 70 - zum Ausruhen ist ihm nicht zumute.

Als er in sein Büro stürmt, steht das Glas Wasser bereit, bald glimmt die Zigarre: Auch zwischen dem ersten und dem zweiten Akt von "Siegfried" mag Daniel Barenboim keine Zeit vertrödeln. Ein Brief, noch ein Anruf. Doch an diesem Abend will das Bild des rastlosen Maestro nicht greifen. Bald sitzt Barenboim in seinem Sessel, zieht an der "Cohiba" und erzählt von jenem Abend, als ihn Artur Rubinstein in Tel Aviv zur ersten Zigarre verleitete. Damals war er 14 und trug kurze Hosen. Die Zeit ist stehen geblieben in der Berliner Staatsoper und sie läuft erst wieder an, als der Spielleiter daran erinnert, dass es mit Wagner gleich weitergeht.

Siebzig wird Barenboim an diesem Donnerstag (15. November), und auch an seinem Geburtstag ist ihm zum Ausruhen nicht zumute. "Musizieren ist für mich das größte Vergnügen", sagt er. "Ich schenke mir ein Konzert."

In der Berliner Philharmonie wird er Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 und Tschaikowskys erstes Klavierkonzert spielen, sein Freund Zubin Mehta dirigiert die Staatskapelle Berlin, der Kulturkanal arte überträgt ab 20.15 Uhr. Der Erlös geht an den Musik-Kindergarten, den Barenboim 2005 in Berlin gründete.

Der einzige Weltstar Berlins

Barenboim, der in Argentinien geborene Israeli, hat Pässe aus Israel und Palästina und ist ein Global Player der Musik. Er bleibt Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden noch mindestens zehn Jahre, Berlins Regierender Bürgermeister nennt ihn "den einzigen Weltstar", den die Hauptstadt habe.

Barenboims West-Eastern Divan Orchestra mit Musikern aus Israel, den arabischen Staaten und Spanien ist mittlerweile zum weltweiten Symbol für die Aussöhnung im Nahostkonflikt geworden. Für ein Musikzentrum, in dem Barenboim in Berlin seine jungen Musiker ausbilden lassen will, hat der Bundestag jetzt 20 Millionen Euro genehmigt.

Schon mit sieben Jahren stand das Wunderkind in seiner Heimatstadt Buenos Aires mit Beethovens Klaviersonaten auf der Bühne. "Ich kannte praktisch keine Leute, die nicht Klavier gespielt haben", erinnert er sich, "in meiner kindlichen Auffassung spielte alle Welt Klavier".

Lesen Sie auf der nächsten Seite , warum Barenboim manchmal Mitteleuropäer, manchmal Argentinier ist...

Barenboim zum Nahost-Konflikt: "Ich kämpfe gegen die Ignoranz"

Musik ist der Schlüssel zu Barenboims Weltverständnis, in dem Hören und aktives Musizieren gleichberechtigt sind. Wie im Orchester, wo jeder Musiker alles von sich gibt, aber auch auf die anderen hören muss, sollten Menschen die eigene Stimme wahrnehmen, damit sie auch die der anderen verstehen können.

Auch bei seinem Engagement im Nahost-Konflikt und bei dem mit dem palästinensischen Schriftsteller Edward Said (1935-2003) gegründeten West-Eastern Divan Orchestra geht es um das Erlernen gegenseitiger Wahrnehmung. "Ich kämpfe gegen die Ignoranz - der Israelis und der Palästinenser", sagt er und fordert von beiden Seiten Verständnis für die jeweils andere Sicht der Geschichte. Doch manchmal klingt er darüber enttäuscht, wie wenig sich bewegt. "Es ist ein zutiefst menschlicher Konflikt, in dem beide Seiten für sich das Recht beanspruchen, auf dem selben Flecken Land leben zu wollen."

Es ist wohl auch das Emigrantenschicksal, das Barenboims Welt- und Musikverständnis geformt hat. Wie viele, die von der Alten in die Neue Welt zogen, hat der 1942 in Buenos Aires geborene Enkel russischer Einwanderer früh den Umgang mit verschiedenen Rollen gelernt. "Ich bin weder nur Jude, Argentinier oder in Deutschland lebender Musiker - ein moderner Mensch definiert sich vor allem durch die Möglichkeit, mehrere Identitäten zu haben", sagt er. "Wenn ich eine Bruckner-Sinfonie dirigiere, werde ich bewusst oder unbewusst zum Mitteleuropäer. Und wenn ich Tango am Klavier spiele, bin ich Argentinier."

Die Musik liegt in der Familie

1952 zieht er mit seinen Eltern nach Israel. Nach Dirigierstudium in Italien und Kompositionsunterricht bei Nadia Boulanger in Paris spielt Barenboim 1954 seinem großen Idol vor, Wilhelm Furtwängler. Die Einladung zu den Berliner Philharmonikern darf er nicht annehmen - für Barenboims Vater ist neun Jahre nach Kriegsende die Zeit noch nicht reif, dass ein Jude in Deutschland auftreten kann. Erst 1964, zum 10. Todestag Furtwänglers, spielte Barenboim in Berlin dessen Klavierkonzert.

In den 50er und 60er Jahren reist Barenboim durch die Welt, spielt mit Otto Klemperer Beethovens Klavierkonzerte ein und stellt die Weichen für seine zweite Karriere als Dirigent. Seit 1967 steht er nun immer öfter vor den großen Orchestern in Berlin, New York und Paris. Im Juli 1987 wird er künstlerischer Direktor der neuen Pariser Bastille-Oper. Die Arbeit endet im Eklat. In der Nachfolge von Georg Solti wird Barenboim 1991 Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra, ein Jahr später tritt er an die Spitze der Berliner Staatsoper.

Doch Barenboim musste auch einen persönlichen Schicksalsschlag verkraften. Seine Frau, die britische Cellistin Jacqueline Du Pré, stirbt 1987 nach langem Leiden an Multipler Sklerose. Später heiratet er die russische Pianistin Elena Bashkirowa, das Ehepaar hat zwei Söhne. Michael ist als Geigensolist unterwegs, David ist Hiphopper - unter dem Namen KD-Supier.

Esteban Engel, DPA / DPA